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Samstag de« 26. März.
(Nachdruck verboten.)
Im Aalak der Zlazah.
Roman von B. M. Croker.
Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. * j (Fortsetzung.) ’ i' \
5.
Ter Unterschied zwischen einer großen Garnisonstadt mit ihren militärischen Schauspielen, vornehmen Wagen und belebten Straßen und einem einsamen, mitten in den ungeheueren Wäldern Zentralindiens liegenden Lagerplatz ist etwa ebener groß, wie wenn man aus dem Lärm und Getriebe Londons plötzlich in ein Dorfgäßchen versetzt wird.
Tie Reise nach Lohara erwies sich als recht umständlich und ermüdend, und als ich! endlich die Eisenbahnlinie verließ, wurde ich von Mr. Evans, einem unscheinbaren, ältlichen Manne mit riesigem Tropenhelm und patriarchalischem Backenbart begrüßt. Zwischen Bart und Helm aber entdeckte ich ein freundliches Gesicht und Augen, die mich herzlich willkommen hießen. Mr. Evans schien meinen plötzlichen Einfall in sein Haus als etwas ganz Natürliches anzusehen und versicherte mir, daß seine Frau sich sehr auf meine Ankunft freue, mich auch selbst in Mirpur abgeholt hätte, wenn sie nicht noch immer unter den Folgen ihrer letzten Reise zu leiden hätte.
„Wir haben vierzig Meilen in einem Ochsenfuhrwerk zurückzulegen", erklärte er mir, während er mich aus dem kleinen Stationsgebäude herausgeleitete. „Wahrscheinlich haben Sie keine Ahnung, was das heißen will. Sehen Sie, dort steht unsere Tonga."
Er deutete auf ein zweirädriges, mit einer ungeheuren weißen Plane überdecktes Fuhrwerk, an dessen Deichsel zu beiden Seiten je ein großer, rötlicher, behaglich wieder- käuenver Ollste lag. Sobald wir in Sicht kamen, wurden die Tiere von ihrem Treiber aufgejagt, worauf wir auf den vorderen Sitz kletterten, während mein Gepäck hinten aufgestapelt tvurde. Unter lauten Rufen und knallenden Peitschenhieben setzten wir uns nach wenigen Minuten mit der Geschwindigkeit von fünf Meilen in der Stunde in Bewegung.
Im ganzen fand ich doch viel Vergnügen an dieser Fahrt. Die Tonga war bequem, und wenn ivir auch, nur langsam vorwärts kamen, so sah ich, hier doch nun das echte Indien vor mir, das ursprüngliche Land, so wie es schon vor Jahrtausenden gewesen war. Hier gab es weder Fahrräder, noch Viktoriawagen, nur träg dahinziehende Karren mit hölzernen, aus einem Stück gearbeiteten Rädern in der Form von Käselaiben, Leute, die auf Eseln ritten oder zu Fuß gingen und Schaf- oder Ziegenherden vor sich hertrieben und ganz die gleichen Bilder boten, wie wir sie ins Unseren biblischen Geschichten finden. Wir
fuhren an großen Dörfern vorbei und entdeckten gelegentlich auch ein drollig aufgeputztes, roh bemaltes Götzenbild im Schratten eines Baumes, in dessen Zweigen bunte Lappen schaukelten, die Opfergaben frommer Reisender, wie mir gesagt wurde. Da Air. Evans in der Naturgeschichte seines Landes sehr wohl bewandert war, wurde mir während unserer bedächtigen Fahrt manch wertvolle Belehrung über die Namen der verschiedenen Pflanzen und Vögel zu teil. Dazwischen erzählte er mir allerlei kleine, an Dörfer, Flüsse und Tempel sich knüpfende Sagen, sodaß mir die Zeit nicht allzu lang wurde. Mein freundlicher Begleiter berichtete mir auch, daß er seit fast zwanzig Jahren int Forstdienst stehe, daß er seinen Beruf liebe, an seinen Bäumen wie an Kindern hänge und seine Hauptsorge den zarten Sprößlingen seiner Pflanzschule widme.
„Was können <Äe zu ihrem Gedeihen beitragend fragte ich, „Wachsen die Wälder nicht ebenso gut auch ohne uns Menschen weiter?"
„Jedenfalls weiß ich daß wir nicht ohne sie bestehen könnten. Wie wollten wir uns gegen die Regenzeiten schützen, und womit uns wärmen und unsere Nahrung zubereiten? Nein, nein, Sie werden bald sehen, daß ich alle Hände voll zu tun habe. Ich sorge dafür, daß Waldbrände verhütet oder gelöscht werden, ich beaufsichtige meine jungen Baumschulen, ich lasse pflanzen, beschneiden, Schutzwälle errichten und Bäume schlagen. Manche meiner alten Eichen sind mir so lieb wie persönliche Freunde, und schweren Herzens gebe ich den Befehl zum Fällen. Sechs Monate des Jahres leben wir im Lager, wie gerade jetzt auch^ Und ich hoffe nur, daß Sie sich nicht gar zu einsam Lei uns fühlen iverden."
„O nein, ich toei.fi gewiß, daß all das viele Neue mir sehr gefallen wird."
„Verkehr haben wir außer mit den wenigen Bezirksbeamten gar keinen. Die Städte besuchen wir nicht, da wir jede Urlaubszeit daheim verbringen. Es ist ein einförmiges Leben, das wir führen, besonders für meine Frau, die nur zu glücklich und dankbar fein wird, winn Sie ihr Gesellschaft leisten."
Diese liebenswürdige Versicherung erleichterte mein Herz nicht wenig, allein ich hatte auch durchaus nicht die Absicht, die Gastfreundschaft dieser guten Leute auf die Tauer in Anspruch zu nehmen.
Alle fünf Meilen hielten wir in einem Dorfe an, um Vorspann zu nehmen. Wir fanden das neue Ochsengespann stets schon unser harrend, und meistens liefen ihre Besitzer, ein seltsames, wildes Volk, wie Hunde bis zur nächsten Station neben uns her. Es war neun Uhr abends, als wir den Ort unserer Bestimmung erreichten, eine Hochebene, auf der mehrere weiße Zelte sich vom dunklen Waldeshintergrund abhoben. Ein großes Holzfeuer brannte auf dem Lagerplatz, rings umher waren Pferde und Kühe angebunden, und am Rand der Straße stand Mrs. Evans in ihrem rötlichk-gelben Shawl und erwartete uns.
1904. — Wr. 46.


