Ausgabe 
25.11.1904
 
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das Haus durchwehte. Mit Alls nahm« von'Onkel Moses"> einem Neger, dem die Instandhaltung der Park- und Garten­anlagen oblag, bestand die gesamte Dienerschaft aus Aus­ländern. Der Küchenchef war ein Franzose, das andere Per­sonal stammte aus England oder Irland; vom Portier bis zum Stubenmädchen schien jeder sich die Zurückhaltung Ungeeignet zu haben, die den Hausherrn charakterisierte^

Hugh Mainwaring begnügte sich übrigens mit einer verhältnismäßig geringen Dienerschaft. Er bedurfte auch keiner größeren, denn noch niemals bis jetzt hatte das Haus länger weilende Gäste ausgenommen. Hin und wieder wohl kam es vor, daß er aus der Stadt einige befreundete Herren mitbrqchte, die er dann fürstlich bewirtete; sehr selten jedoch erschienen die Herren in Begleitung ihrer Damen, denn solche wurden in Schöneiche nicht gern gesehen. ; .. l

'y z' (Fortsetzung folgt.) >'< ; A iz;

Nervös.

Gleich einem bösen Dämon drängt sich die Nervosität immer tiefer in unser häusliches und gesellschaftliches Leben, lastet!vie ein Alp auf Arbeit und Streben und lähmt so manche tüchtige Kraft schon in jungen Jahren. Viele nennen sie die Krankheit des Fortschrittes und der Elektrizität, andere die moderne Krank­heit des Fortschrittes und der Elektrizität, andere die moderne Krankheit, doch gleichviel, jedenfalls ist sie das Schreckgespenst unserer Tage.

Wehe dem Unglücklichen, den cs mit seinen zitternden Krallen erfaßt, um ihn mit eisernem Griffe festzuhalten, über dessen Augen es einen düsteren Schleier breitet, durch den kein Licht- und Sonnenstrahl zu dringen vermag, dessen Herz es umklam­mert, um Friede und Hoffnung darin zu ersticken.

Ter Begriffnervös" birgt eine solche Fülle von Körper- und Seelenleiden in sich, die nur der ermessen kann, der ihn in seiner wahren Gestalt bei sich oder seinen Lieben kennen lernte. Ausdrücklich sei gesagt: in seiner wahren Gestalt, deren gar zu oft wird mit der Bezeichnungnervös" Mißbrauch getrieben, gern benutzt man sie als Sammelname für allerlei Schwächen und Untugenden, namentlich des weiblichen Geschlechtes. Und doch ist es eine schreiende Ungerechtigkeit, die beklagenswerten Kranken mit denen in eine Linie stellen zu wollen, die unter der Schutzmarkenervös" sich die größten Rücksichtslosigkeiten gegen ihre Umgebung zu schulden kommen lassen.

Ta nimmt's denn nicht Wunder, daß man nach manchen' Er­fahrungen den Nervösen häufig mißtrauisch und teilnahmlos be­gegnet, ihre Leiden als Einbildung, Mangel an Selbstbeherrschung und Ausfluß übler Laune betrachtet und sie in kränkender Weise verurteilt. Es ist dies die natürliche Folge der oben ertvähnten Begriffsverwirrung, aber es klingt ja höflicher und salonmäßiger, zu sagen:Gnäd'ge Frau ist nervös" als gerade heranszu- poltern: sie ist ein närrisches, heftiges launenhaftes Geschöpf.

Und doch wären letztere Prädikate in vielen Fällen richtiger. Tie Dame, welche um eines llcincn Versehens, einer absichts­losen Vergeßlichkeit willen sich in den heftigsten Ausfällen gegen die Dienerschaft ergeht, ist nur etwasnervös erregt", aber bei­leibe nicht heftig oder zornig. Wenn sie die Kinder nicht um sich haben kann, die Fragen derselben kurz und herrisch abweist, sich jede Unruhe verbittet, und schließlich die kleinen Uebeltäter aus ihrer Nähe verbannt, so darf man diese Frau nicht launen­haft oder egoistisch nennen, die Aermste ist janervös". Kommt der Gatte nach getaner Arbeit heim und möchte sich im Familien­kreise erholen, ach, dann sind die Kinder längst zu Bett geschickt, eine Leidende empfängt ihn, und unaufhörlich ergießt sich der Strom der Klagen über sein langes Ausbleiben, die Unruhe der Kinder, die Rücksichtslosigkeit der Tienstboten, das Geklingel der Elektrischen und das Gerassel der Fuhrwerke. Tie Zeitung brachte wieder Schauergeschichten, die Mappe vom Lesezirkel wurde nicht rechtzeftig umgetauscht, die Näherin versäumte die versprochene Anprobe alles Dinge, welche die ohnehin schwachen Nerven der bedauernswerten Frau noch mehr erregten. Ter arme Mann hört geduldig zu er weiß, wer im Hause am meisten unter den Nerven leidet er tröstet und beruhigt, soviel er kann, denn er weiß, durch Widerspruch würde er eine Szene heraufbeschwören, die ihm nach dem arbeitsreichen Tage auch noch eine schlaflose Nacht brächte.

So gewöhnt man sich denn nach und nach daran, die nervöse" Frau als ein Wesen zu behandeln, das über der ge- wöhnlichen Sphäre schwebt und sorgfältig gehütet werden muß, daß nicht etwa sein Fuß an einen Stein stoße. Verwandte und Bekannte kennen schon die Mahnung, wenn irgend etwas Un­liebsames passiert, ist:Bitte, sprechen Sie nicht mit meiner Frau darüber, bei ihrer zarten Gesundheit. . ." oder:Sagen Sie doch nichts der Mama, sonst bekommt sie Weinkrämpse." Es kommt dann schließlich soweit, daß sie alle Rücksichten als ihr Recht fordert; sie gefällt sich in ihrer tadelnswerten Schwäche und lächerlichen Hilflosigkeit, sie betrachtet sich als das ver­wöhnte Kind der Gesellschaft, das man mit Süßigkeiten füttert, um ihm vollends den Magen zu verderben. Aber sie kann

ja nichts Unangenehmes ertragen, häusliche Arbeiten und Sorgen würden sie langsam aufteiben, während Zerstreuung und Ver­gnügen der Jungbrunnen ist, in den sie jeden Tag von neuem! untertauchen möchte.

Natürlich werden bei solchem Leben die Nerven immer zarter und empfindsamer, und wenn dann schließlich die rücksichtslose Welt als eine unerträgliche Last empfindet und überdrüssig bei­seite schieben möchte, was sie selbst erzogen und systematisch gefördert hat, dann kann man mit Recht Mitleid haben mit solch' armen Opfern einer verkehrten Liebe und übel angebrachten Rücksicht.

Würde man zunächst im eigenen Hause den: Ausbruchner-1 vöser Laune" im ersten Entstehen mit liebevoller Energie be­gegnen, anstatt die Blenden zu schließen und die Türklinken! mit Watte zu umwickeln, würde der einer versagten Bitte folgende Schwächeanfall oder Weinkrampf anstatt durch Riechsalz und Baldriantropfen durch ernste Vorstellungen bekämpft, sicher wäre das in vielen Fällen eine wirksame Kur und würde glücklichere Folgen für alle Beteiligten haben. Streckten sich nicht der Schwachen, Hilflosen gleich stützende Hände entgegen, gar manche lernte bald kräftig und sicher auf eigenen Füßen stehen. Wie oft erlebt man's nicht bei Schicksalsschlägen, daß in der bis dahin hilflosen, verwöhnten, nervösen Stent urplötzlich die ganze heroische Stärke des Weibes erwacht, daß die Gesellschaft staunend und bewundernd die Hand am Steuer sieht, die bis dahin nur mit Roseublättern spielte. Warum mußte aber erst das harte Schicksal sie zwingen, ihre Kraft und Stärke zu erproben? Weil Liebe und Rücksicht sie wie Bleigewichte lähmten.

Es wäre gewiß eine Grausamkeit, wollte man gegen wirklich Leidende, denen man die größte Rücksicht erweisen sollte, mit schroffer Gewalt vorgehen und durch lieblose, ungerechte Strenge ihr Elend zu unerträglicher Qual steigern, ebenso ist es aber auch eine Grausamkeit, nervöse Laune, kindische Empfindlichkeit, Eigensinn, närrisches Wesen und wie die ganze saubere Vetter­schaft heißt die manchmal schon beim Kinde sich einfindet; durch unvernünftige Nachgiebigkeit und mißverstandene Liebe zu Hausgenossen und Lebensgefährten eines armen Menschenkindes zu machen. Wollten alle sich vereinigen und zunächst jeder in seinem klemm Kreise mit Klugheit, Besonnenheit und Liebe gegen diese Erzfeinde des häuslichen und gesellschaftlichen Lebens zu Felde ziehen, so wäre dies ein Befreiimgskrieg, der Sieger und Besiegte in gleicher Weise beglücken würde.

Die Phantasie des Kindes.

Daß im Kinde Mächte und Fähigkeiten schlummern, die nah verwandt sind mit den schöpferischen Kräften des Genies, hat man schon oft betont. Eine Fülle wertvollm Materials zu dieser Frage trägt Fr. Queyrat in seinem neuen WerkeLes jeux des enfants" zusammen. Zunächst spricht er darin, der empfehlenswerten Wiener HalbutonatsschriftMutter und Kiird" zufolge, von der Phantasietätigkeit des Kindes, die aus alltäg­lichen Dingen Wunder des Märchenlandes hervorzaubert. Aus den ungewissen Formungm der Wolkm und der Gesteine er­wachsen seltsame Wesen, an dem geschwärzten Stück der Decke läßt das Kind stundenlang seine Blicke hinwandern und malt sich allerlei Merkwürdiges aus. So erzählt Anatole France von seiner Kindheit:Meine Mutter stellte jede Nacht meine Wiege ganz nahe an ihr Bett, dessen riesige gebauschte Vorhänge mir Furcht und Bewunderung einflößten. Kaum lag ich in meinen: Bettchen, so tanzten sogleich wildfremde Gestalten um mich herum, Leute mit langen Nasen wie Storchschnäbel, wilden, tief hernnter- hängenden Schnurrbärten, spitzet: Bäuchen und krttmmeu Wackel- beineit. Sie zogen an mir vorbei, mit dem Prosit mir zugewandt, jeder ein großes rundes Auge mitten auf der Backe, mit Bürsten, Besen , Guitarren. Spritzen und allerlei Instrumenten bewaffnet."

Tie Phantasie des Kindes geht ins Ungeheuerliche und Gro­teske, wirr und phantastisch zusammengetvürfelt, vor allem ins Riesenhafte gehoben sind ihre Gebilde. Wie erstaunt ist der heran­gewachsene reife Mann, wenn er die Stätten seiner Kindheit wiedersieht und dieses Trauntlaud märchenhafter Erlebnisse nut: vor sich lieget: sieht, so klar und nüchtern, so alltäglich und gewöhnlich. Tie Heine Pfütze, war sie nicht einst ein Meer? Ter stille, verschlafene Garten ein Urwald von verwirrende c Größe und diese kleinen Hügel hohe Gebirge? Doch nicht nur int Größermachen und Steigern des Gesehenen lebt sich die kiud- liche Phantasie aus; sie bevölkert auch die Welt mit ganz neuen Wesen, schafft sich aus dem Nichts ein eigenes Wunderreich. Hinter der täglichen Umgebung hegen die geheimnisvollen weiten Lande ihrer Ahnung und sie erzählt von fremden Leuten, die hinter den Bergen wohnen. Besonders aus engen, Winkeln, in dunklen Schränken und tiefen Ecken tauchen ihm solche Vi­sionen hervor; die Unwissenheit des Kindes, das die realen Gründe der Erscheinungen noch nicht versteht, sucht so eine höchst naive, oft poetische Erklärm:g.

Tas Kind macht auch die toten stumn:en Tinge lebendig, leiht ihnen Gefühl und Seele. Selbst die Buchstaben werden Personen. So sprach ein kleiner Junge, der den BuchstabenW" in sein Herz geschlossen hatte, nur vonmeinem guten alten W". Ein Junge von vier Jahren soll ein L machen, doch die Feder gleitet aus, der Buchstabe wird schief und erscheint auf die .