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„Nein", entgegnete Hugh ruhig, „ich befürchte durchaus nicht, daß das mein Mleben beschleunigen wird; aber sollte ich wirklich bald sterben, so würde es mir Befriedigung gewähren, die Bestimmungen über mein Vermächtnis getroffen zu haben und zu wissen, daß nur jene von meinem Tode Vorteil ziehen, die ich dazu für berechtigt halte."
Ralph blickte den Vetter durch die halb geschlossenen Lider forschend an. „Ich bin der Meinung", bemerkte er scheinbar gleichgiltig, „daß dein einstiger Nachlaß selbst ohne Testament meiner Familie, als Seiner nächsten Verwandtschaft, zufallen müßte." ’ <
„Gewiß, Seine Familie würde für die gesetzliche Erbin gelten", erwiderte Hugh, indem er mit seinem Sachwalter einen Blick tauschte, „Sn vergißt aber, daß ich naturalisierter Amerikaner bin und hierzulande jeder beliebige Abenteurer aus Grund vermeintlicher Rechte Ansprüche ans den Nachlaß erheben kann. Es ist mir deshalb eine große .Beruhigung, die Sache jetzt nach meinem Willen geordnet KU haben."
„Versteht sichst stimmte Ralph bei, „Und ich für meine Person bin mehr als bereit, alle meine Rechte dem Jungen abzutreten; ebenso, denke ich, wirst auch Siu, Thornton, um Ediths willen, keine Einwendungen machen."
„S Gott bewahre, sollte mir einfallen", lachte der Angeredete lustig. „Ich habe Seinen Hugh niemals für einen schlechten Schwiegersohn gehalten, und jetzt wird er nur noch anziehender."
Sie kleine Uhr ans dem Marmorsims des Kamins schlug vier, was bei allen eine Bewegung der Ueberrasch^- ung hervorrief. /
,Lch hätte nicht gedacht, daß es schon so spät wäre!" rief Thornton, während Hugh, einen elektrischen Knopf berührend, sagte: ,^Ja, die Sache hat uns viel länger arff- gehalten als ich dachte. Ich will dem Bureauvorsteher nur Noch einige Anweisungen geben, dann wollen wir gleich Nach Hause."
Kaum hatte er ausgesprochen, als sich geräuschlos eine Tür öffnete und ein Mann von mittlerem Alter erschien.
„Parsons", redete ihn der Chef in geschäftsmäßig trockenem Tone an, „ich fahre nach Schöneiche und werde, falls nicht etwas ungewöhnlich wichtiges meine Anwesenheit erheischt, zwei oder drei Tage nicht in die Bank kom- jmen. Weisen Sie jeden, der mich geschäftlich sprechen will, an Herrn Elliot oder Herrn Chittenden: für Privatbesuch bin ich in Schöneiche zu finden."
Ser Bureauvorsteher verbeugte sich steif und zog sich wach einigen weiteren Verhaltungsmaßregeln wieder zurück. Hiernach sich seinem Sachwalter zuwendend, fuhr der Hausherr — gleichzeitig auf einen anderen elektrischen Knopf drückend — fort: „Whitney, Sie kommen natürlich mit Nach Schöneiche, mein Sekretär wird mich auch begleiten. Wir wollen das Testament morgen abfässen, und dann verweisen Sie mir die Ehre, am folgenden Tage an der Feier meines Geburtstages teilzunehmen."
„Stehe ganz zu Siensten, Herr Mainwaring", antwortete der Sachwalter; „aber wäre es nicht besser", setzte er im Flüstertöne hinzu, um nicht von dem eben eintretenden' Geheimsekretär gehört zu werden, „wäre es nicht besser^ das Testament hier in Ihrem Geschäftszimmer auszufer- tigen? Meine Anwesenheit in Ihrem Hause, gerade jetzt, könnte an gewisser Steile Aufmerksamkeit erregen und Argwohn erwecken."
„Ach was, mag das immerhin sein!" entgegnete der Bankier plötzlich erregt, aber ebenfalls flüsternd, „ich habe alle meine Privatpapiere zu Hause, und es ist mir lieber, dort die Sache zu Ende zu führen. Ich denke doch, daß ich noch Herr in meinem Hause bin!"
Herr Whitney verbeugte sich stumm, und Hugh sagte zu seinem Geheimsekretär: „Herr Skott, verschließen Sie hier cklles, und dann machen Sie sich Bereit, mit mir nach Schöneiche zu fahren; wir werden dort zwei bis drei Tage bleiben."
Es war nicht das erstemal, daß der Sekretär seinen Prinzipal nach dem prachtvollen vorstädtischen Wohnsitz, begleitete. Trotz des nach seinem Eintritte leise geführten Gesprächs hatte er Noch jedes Wort verstanden und wußte also, warum er mitgenommen wurde. Er tat, wie ihm befohlen worden war, und verließ dann gleich wieder das 'Zimmer, um seine Vorbereitungen zu treffen.
Aus irgend einem Grunde, dessen Erklärung zu suchen! Dtgh sichuieumls. die Mühe gegeben hatte, gewährte ex
seinem Geheimsekretär stets mehr Achtung und Rücksicht als irgend einem anderem seiner zahlreichen Beamten'.
Harry Skott war ein junger Mann von vorzüglicher Erziehung und vollendeten Formen. Was sein Prinzipal aber an ihm besonders schätzte, war eine gewisse, in feinem) Wesen liegende Zurückhaltung dem anderen Beamtenpersonal gegenüber, sowie ein ihm angeborener Takt, der ihn niemals seine Stellung vergessen oder eine unpassende Vertraulichkeit annehmen ließ; er war stets respektvoll, dabei aber nie servil. Schon über ein Jahr bei Herrn Mainwaring, kannte er Haus und Umgebung von Schöneiche ganz genau.
Als er seinen ^schästsanzug mit einem Gesellschaftsanzug vertauscht hatte und wieder zu den vier Herren) znrückkehrte, sah sich ein jeder unwillkürlich gezwungen, ihm die seinem vornehmen Wesen entsprecheiwe Behandlung zuteil werden zu lassen. Groß, eine prächtige Erscheinung von auffallender Schönheit mit edel geformtem) Kopf, schwarzem Haar und ebensolchen Augen, war er ohne Frage die anziehendste Persönlichkeit der Gesellschaft, die in den mit dem Wappenschild der Mainwarings geschmückten Equipagen nach Schöneiche ftlhr, < i > ! I
Schön eiche. r
Sie Privatwohnung Hugh Maiuwärings lag aU der schönen Mlee, die im Norden zur Stadt hinausführt. Gleich allen anderen Gebäuden dieser Stadtgegend, war auch Hughs Haus ein palastartiger Bau. Seitdem er es in feinen Besitz gebracht, hatte es aber eine gewisse Individualität angenommen, die es wesentlich von seinen eleganten Nachbarn unterschied. Sie Jahre waren nicht vorübergegangen, ohne dem Hause in vielfacher Beziehung den Charakter seines Herrn aufzuprägen. Ursprünglich hatte es einer der reichsten und ältesten Familien des Landes gehört, war also' kein streng modernes Haus. Ein solches hätte auch dem Geschmack des stolzen Mainwaring durchaus nicht entsprochen; ein Haus, dessen Hallen nicht noch die Spuren des Altertümlichen trugen und in dessen Atmosphäre nicht noch der schwache Suft längst vergangener Tage herrschte, wäre Hugh viel zu plebejische gewesen.
Von der Straße bis zum Haupteingang schlängelte sich ein Breiter Fahrweg unter den verschwungenen Aesten einer doppelten Reihe riesiger Eichen, die dem Wohnsitze seinen Namen gegeben hatten. Schöne Park- und Gartenanlagen erstreckten sich nach allen Richtrmgen und senkten sich auf der Rückseite des Hauses allmählich bis zum Ufer eines kleinen Sees hinab. Das Hauptportal lag nach Westen. Fast rings um das Haus lief eine Breite Veranda mit herrlicher Aussicht auf die unmittelBare UmgeBung und weiterhin Bis auf den nicht allzu fernen Hudson. Ser südwestliche Teil des Gebäudes enthielt die Prwatzimmer des Hausherrn, zu denen auch der sogenannte Turm gehörte, den er bald nach Erwerb der Besitzung angebaut hatte. Tiefe Zimmer lagen fern von den Gesellschaftsräumen im zweiten Stock. An dessen südwestlichem Ende befand sich das Biblio- thekzimmer, ein halbes Achteck, ausgestattet mit aller Pracht und kostbaren Bänden, die sich an den Wänden vom Fußboden bis zur Seife reihten. Sie Mittelseite des Achtecks war drapiert mit schweren Portieren; hinter diesen, halb verborgen, lag das „sanctum sanetuorum", wie Hugh es nannte — das Turmzimmer. Sieses war klein, von kreisrunder Gestalt und mit einem mächtigen Schreibpult, zwei drehbaren Bücherrepositorien und einem eifernen Geld- schrank möbliert, der neben wichtigen Papieren, wie es hieß, auch die alten Mainwaring-Juwelen enthielt. Au! die Bibliothek schlossen sich das Rauchzimmer und! das Schlafgemach.
Aus den letzteren beiden ZimMern gingeU Türen in die sogenannte obere Halle, durch die man nach dem Südoder Seitenausgang des Hauses gelangte.
Ser herrschaftliche Zutritt fand durch die unmittelbar mit dem Westportal zusammenhängende große Halle statt. Von dieser führte ein direkter Aufgang zu dem langen Korridor im zweiten Stock, au dessen südwestlichem Ende die beschriebene Bibliothek lag.
Vom Südausgange lief ein zwischen Staudengewächs en sich schlängelnder Kiesweg nach einem Lustwäldchen, das sich bis zu dem kleinen schpu erwähnten See hinabzog und dessen Ufer umsäumte.
Doch das, was Schöneiche den Stempel besonderer Eigentümlichkeit gufdrüchte, war der Hauch der Exklusivität, der


