1S04.
UM
«■Taf
E
MWMk^'I
lli
Aas Testament des Aan Kiers.
\rj. Kriminalroman von A. M. Barbour.
i.1 Hans MainWaring.
' 1 (Nachdruck verboten.)
In die Privatgeschäftszimmer des Newyorker Bankhauses Mainwaring u. Co. drangen durch alle Ritzen und Spalten der herabgelassenen Jalousien die sengenden Sonnenstrahlen eines schwülen Julinachmittags. Tie dünnen Lichtpfeile verliehen den mit allem Luxus aus- gestatteteir, sanft abgetönten Räumen eine glühende Farbenpracht.
In einem der Gemächer saßen vier Herren, von denen drei sich auf den ersten Blick als Engländer kennzeichneten,, der vierte den Amerikaner verriet.
Letzterer war ein Mann in mittleren Jahren von schlanker Gestalt und vertrauenerweckendem Gesicht mit durchdringenden Augen, die auf Verstand und Scharfsinn deuteten. Er verhielt sich ziemlich schweigsam, hörte aber dem Gespräch um so aufmerksamer zu.
Tiefes wurde hauptsächlich von Hugh Mainwaring, dem Chef der Firma Mainwaring u. Co., geführt, der neben einem Schreibtische von Rosenholz saß, dessen peinliche Ordnung auf eine gewisse Pedanterie des Besitzers schließen ließ. Anzug und Wesen des Bankiers zeigten den feinen Weltmann. Er war eine große, kräftige Erscheinung mit dunklem, graumeliertem, kurzgeschnittcncm Haar. Tas Gesicht war glatt rasiert, seine ziemlich blasse Farbe stach aber gegen das frische Aussehen seiner drei Gesellschafter erheblich ab und machte die dunkelgraüen, kalten berechnenden Augen, die zuweilen einen stahlartigen Glanz annahmen, besonders auffällig. Wenn auch nicht uninteressant, war das Gesicht doch durch die ihm ausgeprägte Leidenschaftlichkeit und den Ausdruck von Eigenwillen und Härte nicht gerade angenehm.
Vor ihnr, in nachlässig bequemer Haltung, halb hingestreckt auf einer Chaiselongue und bedächtig eine feine Havanna rauchend, lag Ralph Mainwaring, ein Vetter aus London, der Typus eines hochmütigen, egoistischen Geld- mannes. Obgleich seinem Wetter Hugh im Alter nur zwei ^ahre nachstehend, sah er doch bedeutend jünger aus, da bv etwas zur Korpulenz neigte und sein Haar sowie sein starker englischer Backenbart noch nicht mit Grau gemischt waren. ö ' 1
Ten Kreis schließend, saß in einem großen Lehnstuhl, den er mtt sichtlichem Behagen ausfüllte, William Main- warmg-Thornton, ein entfernter Verwandter der beiden Wettern, ebenfalls aus London. Er mochte anfangs der vierzig stehen uni) war ein Blondin vom reinsten Wasser, mtt einem am Kinn geteilten weichen Backenbart, dessen serdige lange Spitzen seitwärts gebürstet waren. Ganz im Gegensatz zu den ebeu Geschilderten bot er ein Bild des Frohsinns, der Giltmütigkeit und heiteren Laune und schaute
aus seinen klaren Augen mit der Offenheit und Ehrlichkeit eines Kindes.
Tie Mainwarings waren eine in England eingesessene reich begüterte, in mehrere Linien geteilte Familie. Hugh vertrat als einziger Erbe seines vor fünfundzwanzig Jahren! verstorbenen Vaters die älteste Linie, hatte aber bald nach Uebernahme der Erbschaft das seit vielen Generationen! der Linie zugehörige und mit Pietät erhaltene alte Stammgut der Mainwarings, trotz allen Einspruchs der Wer- wandtschaft, verkauft und war nach Amerika übergesiedelt. Hier hatte er das Bankhaus gegründet und durch Spekulationen von phänomenalem Erfolg sein Erbe zu einem immensen Reichtum vergrößert.
Der konservativere Ralph, der als Senior der nächstälteren Linie über den Verkauf des Gutes am meisten aufgebracht war, hatte gleichwohl, als ihm ein Sohn geboren wurde, in weit voraussehender Berechnung dem Wetter das freudige Ereignis mit der Bitte um Annahme einer Patenstelle angezeigt und dann bei der Taufe dem neuen Stammhalter den Namen Hugh gegeben. Die Verpflanzung dieses Namens auf den Zweig seiner Familie geschah in der Hoffnung, daß der Wetter nie heiraten und einst fein Patenkind zu seinem Universalerben machen würde. Erfüllte sich der Wunsch, dann wollte er den altehrwürdigen Stammsitz der Mainwarings für sein Haus zurückerwerben und diesem damit neuen Glanz verleihen.
Jetzt, nach mehr als zwanzig Jahren, sollte sein unablässig verfolgter Plan in das erste Stadium der Verwirklichung treten. Vetter Hugh hatte aus Anlaß seines bevorstehenden fünfzigsten Geburtstages und der bannt fast gleichzeitig zusammenfallenden Großjährigkeit von Ralphs Sohn eine Wiedervereinigung mit seinen Verwandten herbei- gesiihrt. Er hatte diese zur Feier seines Geburtstages ein- geladen und dabei angezeigt, daß er gleichzeitig sein Paten- ttnd, Hugh, feierlich zu feinem Erben einzusetzen beabsichtige,
Ties bildete den Gegenstand der Besprechung der Versammelten, und Hugh schloß, indem er mit einem Seufzer der Erleichterung sagte: „Ich bin herzlich froh, daß die Sache nun endlich abgemacht ist, sie hat mir lange auf der Seele gelegen und ist schon öfter zwischen mir und .Herrn! Whitney erwogen worden."
Hierbei machte er eine leichte Kopsbewegnng gegen den vierten Herrn, der sein Sachwalter und juristischer Ratgeber! ivar, und fuhr bann fort:
„Wir waren beibe von ber Notwenbigkeit überzeugt, baß ich mein Testament aufsetzen müsse, unb ich würbe bas auch schon längst getan haben, wenn ich nicht beit jetzigen Zeitpunkt hätte abwarten wollen, ber mir zur endgiltigen! Feststellung meiner Bcstintmungen am geeignetsten schien. Nun, denke ich, ist alles in befriedigender Weise geregelt, und morgen wollen !vir das Tokument ausfertigen und gerichtlich bestätigen lassen."
. »So hast Tu keinerlei abergläubische Furcht davor, Tein Testament zu machen?" bemerkte Tlwrnton,


