Ausgabe 
25.7.1904
 
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Paris zu sehen, die eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einer verlassenen Jndianeransiedelung hat, und trifft dann, .nachj- dem man aus dem Meere das unvermeidliche Gewitter erlebt hat, viel schneller in St. Louis wieder eilt, als man be­scheiden genug ist, zu wünschen. Hier sehen Sie die Weltaus­stellung. Tas großartigste Werk, das je Menschengeist ersonnen hat; ihr Präsident, Exgouverneur Francis, hat mit Recht ge­sagt:Wenn jetzt ein unabsehbares Unglück die gesamte Kultur der ganzen Welt vernichtete, so könnte sie falls diese Welt­ausstellung stehen bliebe. nach ihrem Vorbilde wieder rekon­struiert werden."

Es gibt hier auch ein Lach-Kabinett. . . .

MaS dort zu sehen ist, kennt man zwar, aus den deutschen Panoptikums. Aber inimerhin, es ist lustig. Da sind zuerst die bekannten Spiegel, in denen sich kleine Leute ganz ungeheuer groß vorkommen können. Dünne erscheinen dick, Dicke wiederum dünn und diese groteske Verwechslung aller hergebrachten Vorstellungen tvirkt tatsächlich erheiternd. Auch ein Irrgarten, ist da, in dem man lange Zeit auf einem ganz kleinen Platze beständig .um sich selbst herumlausen kann, wobei man vor­wärts zu schreiten glaubt. In einigen Wänden sind kreisrunde Löcher angebracht. Steckt man hier den Kopf hmein, so sieht mau in einen Spiegel sein eigenes Gesicht, auf einem sremden Körper, .zu dem es in gar keinem Zusammenhänge steht. Dann endlich gelangt man in einen dunklen Gang, bei dem es bald bergauf, bald bergab geht, wobei einem der Boden bedenklich unter den Füßen schwankt. .Plötzlich findet man sich dann auf einer glatt polierten Fläche, auf der man ohne andere Apparate, als sie jedem Menschen angeboren sind, blitzschnell in die Tiefe saust.

Dieses Lach-Kabinett ist die einzige Stelle, wo keine Rede gehalten wird. Hier nimmt man auf den Präsidenten Francis nicht Bezug.

Im ganzen gibt eS etwa fünfunddreißig, solcher Attrak­tionen. Den meisten Platz nehmen die unter dem Namen Cairo" oderConstantinopel" bekannten Trödel-Bazare ein, Vie nachgerade bei allen Ausstellungen unvermeidlich geworden zu sein scheinen. .Hier kann man für teures Geld die fürchter­liche Fülle schrecklicher Souvenire kaufen, die geschmackvolle Men­schen bis in ihre Träume hinein zu ängstigen pflegen, hier kann man in schlechtem Fett gebackene Eberswalder Spritzkuchen alsecht orientalisch" erstehen und Haremsdamen sehen, an denen das Schönste ihre dichten Schleier sind--Nicht weniger

als vier solche Industrie-Zentren haben sich hier ausgetan, und nicht nur ihre Waren gehören zu denen, die nach dem be­kannten Sprichwortnicht alle werden".

Den meisten Zuspruch hat aber unstreitig die große Rutsch­bahn. Das Wort Rutschbahn genügt eigentlich nicht. Es ist eine Ueberrutschbahn. .Dreimal muß man um die ganze riesen­hafte Anlage herumfahren, ehe man wieder frei gelassen wird. An Ketten werden die Wagen hoch hinauf gewunden, um dann in fürchterlichen Wellenbewegungen zu Tal zu fahren. Der Magen dreht sich .jedem um. Die Damen kreischen und die Kinder schreien, daß man es weithin hört. Durch dunkle Schluch­ten saust man und an Panoramen feuerspeiender Berge und Urwaldsszenerien vorüber. Immer in rasendem Tempo bergauf und bergab. .Für zehn Cents kann man sich auf drei Tage den Appetit verderben. Das ist sehr lohnend, denn die Restaurations­preise nehmen allmählich märchenhaften Charakter an.

Neulich bemerkte ich ein bäurisch aussehendes Ehepaar, das in der mit derFeuerwehr-Vorführung" verbundenen Restau­ration dadurch sparen wollte, daß es sich eine Portion ge­teilt hatte. Aber der Wirt verlangte hierfür eine Extra-Gebühr von 25 Cents, also nach deutschem Gelde über eine Mark, und die Leutchen zogen mit sehr langen Gesichtern von dannen. Sonst ist an diesen Feuerwehr-Vorstellungen nicht viel zu sehen. Mit echt amerikanischem Phlegma werden die programmmäßigen Uebungen ausgeführt und im großen ganzen klappt alles ganz leidlich. Wenn es jedoch ernst wird, dann sieht es gleich ganz anders aus. Als vor einigen Tagen das von derGesellschaft der Holzhändler" errichtete Ansstellungshaus in Brand geriet, wurde die Feuerwehr zwar rechtzeitig alarmiert, aber sie ver­mochte der Feuersbrunst keinen Einhalt zu tun. Das Haus brannte völlig nieder, und wenn zufällig der Wind eine andere Richtung gehabt hätte, so stände heute voraussichtlich kein Haus der ganzen Ausstellung mehr. Am schwersten bedroht war das deutsche Gebäude, das nur durch die Geistesgegenwart zweier deutscher Aufseher gerettet wurde, die es beständig unter Wasser hielten.

Zum Glück begann es erst nach dem Brande zu regnen. Das klingt sehr sonderbar. Hätte es aber vorher geregnet, so waren die Wege wahrscheinlich in einer solchen Verfassung gewesen, daß die Feuerwehr nicht zur Brandstelle gekominen Ware!!

Literarisches.

: Karl von Perfall: Frau Sensburg. Roman. Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W. 35. Preis 4 Mk.: Die Geschichte einer Eheirrung, die sich aus den besonderen Beding­ungen des Kleinstadtlebens ergibt, ist das Sujet des neuesten Ro­mans von Karl von Perfall. Der liebenswürdige Doktor Lind­acker hat sich als praktischer Arzt in Ittenhausen niedergelassen, wo sein älterer Korpsbruder Sensburg als Bezirksamtmann der vornehmste Beamte ist. Die Honoratiorentöchter Jllenhausens sind sehr leichtlebiger Natur und vertreiben sich die 'Langeweile mit Liebschaften. Linbacker fühlt, nachdem er sich zweimal in solche Liebschaften eingelassen hat, das Bedürfnis nach edlerer Gemüts- anregung. Die Frau seines Freundes zieht ihn mehr und mehr in diesem Sinne an. Lange dauert es, bis die Beziehungen einen verhängnisvollen Charakter annehmen. Sie werden gelöst, als Frau Sensberg sich legitimerweise Mutter fühlt und dadurch an das Recht der Familie erinnert wird. Lindacker leidet lange unter dem Verluste bis er die Liebe eines jungen Mädchens findet, das er heranwachsen sah, und in dessen Leben er eingegriffen hat durch .die humane Fürsorge, die er ihrem heißgeliebten Vater, einem durch seine unglückliche Ehe entgleisten Kollegen, zuteil werden ließ. Eie Eheirrung der Frau Sensburg ist scheinbar eine überwundene Episode im Leben zweier Menschen geworden, als durch den namentlich von einer früheren Geliebten Lindackers geschürten Klatsch das Geheimnis dem inzwischen zum Regierungs­rat ernannten Sensburg offenbar wird. Ein Duett, in bem1 Sensburg fällt, bringt fchtveres Unheil über alle Beteiligten. Per- fall gibt in der Charakterzeichnung .der Frau Sensburg ein Meister­stück unverkünstelter Seelenkunde mit tiefen Einblicken in das Wesen der Ehe, und damit verbindet er eine Kraft des Gefühlsausdruckes/ die an verschiedenen Stellen von hinreißender Schönheit ist. Aber auch in anderen Figuren gibt er wieder überaus feinsinnige Beweise seiner eindringlichen Menschenbeobachtung. Die Handlung fließt tn straffer Komposition, in vornehmem Stil der Darstellung sicher dahin und zwingt den Leser mit scheinbar einfachsten Mitteln ganz in den Bannkreis der vorgeführten Menschen und Gescheh­nisse. Wir haben ein überaus fesselndes, stark empfundenes Werk vor uns, aus dem vottes, warmes Leben spricht und dazu eine Künftlerschaft von schlichter Größe, die keine äußerlichen Künst- stückchen braucht, weil ihr starker Lebcnsgehalt auch ohne solche eine tiefe Wirkung ausübt. Man hat seine Zeit wahrlich nicht vergeudet, wenn inan sich mit einem solchen Werke beschäftigt hat.

Lied eines Schweizers zum Preise der deutschen Sprache. Dich vor allem, heilige Muttersprache,

Preis' ich hoch; denn was mir an Reiz des Lebens .

Je gewährt ein karges Geschick, ich hab' es Dir zu verdanken.

Spröde Nennt der Stümper dich nur; mir gabst du Alles; arm att eigenen Schätzen bin ich. Doch werschwenderisch wie ein König schwelg' ich

Stets in den deinen.

Mancher Völker Sprachen vernahm ich; keine Ist an Farbe, plastischem Reiz, an Reichtum, Wucht und Tiefe, keine 'sogar an Wohllaut

Ist .dir vergleichbar.

Ja, du bist der griechischen Schwester selber Ebenbürtig, wärst des Gedankenfluges Eines Pindar wert und der Kiinst der alten Göttlichen Meister.

Wenn die Zeit auch nicht an des deutschen Volkes Weltberuf mit ehernem Finger mahnte, Eine solche Sprache allein genügte. Ihn zu. verkünden.

H einrichLeuthold.

(Aus der Zeitschrift des Attg. Deutschen Sprachvereins.)

Anagramm.

Nachdruck verboten.

Kain, Angel, Trave, Streich, Genie, Falte, Launen, Eris.

Von jedenr Wort ist durch Umstellung der Buchstaben ein andres Hauptwort zu bilden und zwar derart, daß die Anfangs­buchstaben der neuen Wörter einen wichtigen Teil der kaufmänni­schen Buchführiing benennen.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in vor. Nr.r

Gedanken. (Enge, Dank.)

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und Vertag der Vrülh'schenltniversitätS-Vnch- und Cteindruckerci. R. Lange, Gießen.