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Jgorotos. Dieser wilde Völkerstamm, der in der Weltausstellung seine Sitten und Gebräuche vorführt, liebt entsprechend seinem heimatlichen Klima ein anspruchsloses Kostüm, das aus einem unterhalb des linken Kniees getragenen Beinring und einer Tabakspfeife besteht. Für die hiesige Schaustellung hatte man sie natürlich mit einem Schurz versehen, und viele Wochen hindurch freute sich das Publikum an der Heiterkeit uno Neu- gierde der dunklen Gesellen. Aber kaum hatten einige Damen bemerkt, daß Gott diese Wilden ohne Korsetts geschaffen hat, als sie sofort öffentlich Lärm schlugen und mit Entschiedenheit für die Anschaffung ausreichender Seidenhöschen eintratcn. Vorläufig wehren sich die von dieser kleinlichen Kultursucht Betroffenen noch energisch gegen die lästige und ungewohnte Dekoration, aber schon heute ist vorauszusehen, daß sie sehr bald der landesüblichen Prüderie zum Opfer fallen werden.--
Und dasselbe Volk, das sich 'des nach Gottes Ebenbild geschaffenen nackten Menschen schämt, hat auf der anderen «eite so harmlos gemeine Vergnügungen, wie sie sich der Europäer gar nicht auszudenken vermag. .In allen romnniichen Landern gibt es bekanntlich so stark gepfefferte Schaustellungen, daß dem harmlosen Deutschen sehr ost die Haare zu Berge stehen. Aber was sind die Vergnügungen, die in den heimlichsten und verschwiegensten Winkeln in Paris und auf Sizilien betrieben werden, gegen die abstoßende und verletzende Niedrigkeit, die hier ganz öffentlich zutage tritt. ,
Für zehn Cents kann ;eder uurepe Bursche in eine der vielen Buden gehen, die sich dicht vor den Toren der Weltausstellung etabliert haben und hier Tänze — oder was mau so nennt! — sehen, gegen die der berüchtigte, danse du ventre den wohlerzogenen Knixen gleichkomnit, die die deutsche höhere Tochter in der Tanzstunde lernt. Damit die Vorübergehenden auch gleich wissen, was hier zu erleben ist, leuchten „weithin große Schilder mit der Aufschrift: „Nur für Herren!
Extreme überall! Ist an dieier einen Stelle die dem Publikum vorgesetzte Kost widerwärtig gepfeffert, so laßt wieder anderseits der Vergnügunasteil der Weltausstellung selbst auch das geringste Salz vermissen. Hier müßte eigmtlich an xeder Vorführung ein Schild sein:.„Nur für Backfische! Alles ist von verletzender Harmlosigkeit, Nüchternheit und schrecklich belehrendem Ernst. Auch hier tritt ein charakteristischer Zug des Amerikaners in die Erscheinung. Ueberall werd geredet! So, wie im ganzen öffentlichen und gesellschaftlichen Leben fortwährend große Redensarten gemacht werden, hinter denen die eigentliche Tat gewöhnlich stark zurückbleibt, so wird man auch bei allen diesen Schaustellungen mit entern lagenn Sermon empfangen. Wie großartig diese Schaustellung ist, -- was sie gekostet hat, — was die Zeitungen von ihr beachtet haben, — in welchen Städten sie schon früher Beifall gehabt hat kur», daß sie die großartigeste Errungen,Hast dieser Welt ist.
IN Europa ist man gewöhnt, wenn man beispielsweise eine Jongleurtruppe besucht, daß einem diese durch ihre Vorführungen beweist, was sie kann. .Anders hier. Die Jongleure arbeiten vielleicht fünf Minuten, der Redner luflt aber eine Viertelstunde über ihre Vergangenheit, Zukunft, Familien-Ver- hältnisse - die den Beschauer eigentlich gar sticht interessieren. Fängt dann endlich die .Vorstellung an, so ist sie gewöhnlich unerhört steif und ernst. Fast .alle Schaustellungen der „Tske , wie der Vergnügunasteil der Ausstellung genannt wird, scheinen von Schullehrern inszeniert zu sein. Ueberall ist es auf die „Belehrtins>ne^>bgesthen. mit gewaltiger, weitM fickst-
barer Kuppel wird die Erschaffung der Erde nach der biblischen Darstellung vorgeführt. .Jeder einzelne der sieben ^Lage gelangt in einer Nicht einmal ungeschickt entworfenen «zeneae zur Darstellung und am Schluffe erheben sich Adam und Eva, die von einem Engelchor sehr feierlich bewillkommnet werden Aehn- lich pathetisch geht es bei der mit großem Pomp angekundigten Reise von Newyork zum Nordpol" zu. Außen ist zu lesen, daß diese Schaustellung endlich das Problem des Nordpols lose, und man betritt daher mit großer Spannung das ungeheure Ge- bäitde. Hier sieht man sich einer kleinen Buhne gegenüber, in deren Mitte sich ein Schiffchen besmdet, an dem mit Hilfe der h'nlänglich bekannten einfachen Wandeldekorationen zunächst die Häuser der Stadt Newyork vorbeigezogen werden. -Dann kommt das offene Meer und schließlich die Eisberge, die das Schiffchen so einschließen, daß es nicht mehr Wetter fahren kann
Die nächste Vorstellung beginnt m 10 Minuten . Mach langweiliger ist die Reise auf der „sibirischen Eisenbahn , bei bet ein Waggon, in dem man Platz nimmt, zum Zwecke der Erzeugung der Fahrillusion etwas geschüttelt wird, wahrend am Fechter ein Stück Leinwand vorbeigezogen wird, auf dem an paar sibirische Städte aufgemalt sind. Da bte Natur so freundlich war, m Sibirien sehr viel eintönige Steppen zu schaffen, so hat der Maler wenigstens nicht viel Farben gebraucht. Spendiert man sich weitere 25 Cents, so kann man nicht wett davon im Unterseeboot von Newyork nach Paris und von dort im Luftballon nach St. oLuis zurückfahren. Bei der Hinreise plätschert die Wasserleitung, und das «kioptiion zeigt den Meeresgrund mit Fischen und Hummern, die den masten Beschauern mariniert oder mit Remoulade entichieden angenehmer wäre«. Bei der Rückreise bekommt man zuerst eme Achicht von
noch "schnell die Pferde getränkt hatte, fuhr man endlich in die schweigende, finstere Nacht hinaus.
Ringsum herrschte heiliger G-ottesfriede, und aus dem Unterholz des Waldes, der sich zu beiden Seiten der Straße entlang zog, klang der Schlag der Nachtigallen, die sich nicht einmal durch das laute Knarren der Wagenräder verscheuchen ließen, und hellaufjauchzend und sehnsüchtig schmachtend vor Liebeslust und Liebespein, in die Lüfte tirilierten. .
Von den Insassen des Wagens hörte sie aber niemand. Erna, die selbst so oft geliebt und sie daher am besten verstanden hätte, war, trotz allen. Rüttelns nnd Schüttelns, sanft eingeschlummert, und Mama Höchstfeld lauschte nach ganz anderen Tönen, als nach dem Schlag der Nachtigallen. Sie hörte im Unterholz nur das Knacken von heranschleichenden Mördertritten und jedesmal, wenn der Wagen in einem der schier abgrundtiefen Löcher versank und Eriche die erlahmenden Pferde durch ermimternden Peitschenknall zur erneuten Kraftanstrengung anspornte, glaubte sie, daß Schüsse gefallen seien und dachte ihr letztes Stündlein gekommen.
Herr von Höchstfeld, dsr weder Furcht kannte, noch, eingeschlafen war, hätte wohl recht gut auf das wunderbar süße Konzert hören können und ihm hätte zu passenderer Zeit dafür auch nicht das richtige Empfinden gefehlt, da sich hinter seiner rauhen Außenseite ein warmfühlendes, nicht ganz poesieloses Herz barg — aber heute beschäftigten ihn zu ernste, zu schwere Gedanken. Nie im Leben war er einem offenen, ehrlichen Kamvf ausgewichen und stets hatte er seinen Manu gestellt. Hier aber trat ihm der Feind in der Maske des Biedermannes entgegen — das fühlte er ganz deutlich und deshalb hieß es doppelt vorsichtig fein, um sich keine Blöße zu geben. — Wie wäre auch sonst gerade der Pfarrer, Karls Todfeinds dazu gekommen, auf feinem Besitz nach dem Rechten zu sehen und ihm seine Hilfe aufzuzwingen?! — Daß dahinter nur eine Falle stecken konnte, war ihm klar, und im düsteren Grübeln suchte er nach einem Ausweg aus diesem Labyrinth.
Mit Anspannung aller Sinne hatte Erich unterdessen das Gefährt gelenkt, und nun endlich, nach vollen drei Stunden, konnte er ausatmend zurückrufen, daß in fünf Minuten alles überstanden sein werde,
(Fortsetzung folgt.)
WettaussteLungsöriefe.
Bon Paul Gartrnann. (Nachdruck verboten.) 6. Wie man sich amüsiert.
Temperenzler und Trinker. — Die Seidenhöschen der Wilden. — Eigenartige Tänze. — Die Schöpfung, — Die Lösung des Nordpol-Problems. — Im Unterseeboot und Luftballon. — Präsident Francis und das Lachkabinett. — Orientalische Bazare. — Eine Ueber-Rutschbahu. :— Feuerschauspiele. — Ein wirklicher Brand auf der Ausstellung.
St. Louis, .Anfang Juli.
Dev Amerikaner neigt zum Extrem. In allen Lebensbezieh- ungcn äußert sich das. .In keinem Lande der Welt gibt es soviel fanattsche Temperenzler wie hier, und nirgends soviel r— Säufer. Die goldene Mittelstraße, unseren biederen deutschen Durst, kennt man hier nicht. Weite Volksschichten verschmähen grundsätzlich auch das harmloseste GlaS Bier, und dementsprechend gibt es unzählige Wirtshäuser und Restaurants, in denen keinerlei alkoholische Getränke vorrättg gehalten werden. Jeder Gast bekommt sofort das hier unvermeidliche Glas Eiswafser hi,n- ,estellt und wer etwas „dickere" Getränke bevorzugt, muß.sie ich au8 dem nächsten Kaufmannsladen holen lassen oder selbst Wien. ES handelt sich also nicht etwa um Temperenzgasthäuser, andern der Mangel an Bier und Wein rührt nur davon her, >a§ diese fast nie verlangt werden.--Andererseits ist bei
nahe an jeder Straßenecke ein „Saloon", was man nicht etwa mit „Salon" übersetzen darf, sondern mit „Destillation". Hier wird der landesübliche Whisky in ungeheuren Mengen konsumiert, und in den Abendstunden findet man dort ganze Rotten sinnlos betrunkener Menschen.
Aehnlich verhält es sich mit dem religiösen und sittlichen Leben. Der orthodor-puritanische Geist beherrscht alle öffentlichen Einrichtungen. Me äußere Heiligung des Sonntags wird Soweit getrieben, daß bekanntlich sogar die Weltausstellung ge- chlosfen bleiben muß. Jeder Bürger ist am Sonntag recht eigentlich ein Gefangener in seinem eigenen Hause, und wer es etwa wagt, seinen Gästen einen Krug Bier zu holen, verfällt tatsächlich uns in allem Ernste der öffentlichen Verachtung. Augenblicklich tobt ein heißer Kampf um die Seidenhöschen der


