Ausgabe 
25.7.1904
 
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Erich hm der erste, der sich ermunterte. Erst wußte er sich gar nicht die eigentümlich beengte Situation zu erklären. Er fühlte nur vor sich und rechts und links neben aFüße, die doch unmöglich alle ihm gehören konnten erst durch das rythmische Schnarchen von Vater, Mutter und Schwester Baß, Alt und Sopran wurde es ihm klar, daß man sich wohl noch aus der Station Mariance befand.

Donnerwetter", schoß es ihm durch den Kopf,wir wollten ja nach einer Stunde aufbrechen, und jetzt müssen doch mindestens schon zwei Stunden, wenn nicht mehr, ver­strichen sein."

Mühsam nur gelang es ihm, soviel Armfreiheit zu ge­winnen, um seine Uhr herauszuziehen, aber so sehr er auch seine Augen anstrengte, so vermochte er doch nicht in der herrschenden Finsternis das Zifferblatt zu erkennen. Ein Streichholz anzuzünden, wagte er nicht, um nicht Mama unnötigerweise zu früh auszuwecken, und so versuchte er möglichst geräuschlos aus dem Wagen zu schlüpfen.

In demselben Moment reckte sich aber auch Papa, stieß ihm mit einer Armbewegung die Uhr aus der Hand, und ehe er sich noch danach bücken konnte, war Erna, von dem Geräusch erschrocken auffahrend, direkt auf sie getreten.

Erich entzündete nun eni Wachsstretchholz und beleuch­tete die Bescherung.

ja, total hin, als ob ein ausgewachsener Elefant auf ihr herumgetrampelt hätte", fing Herr von Höchstfeld sofort wieder zu schelten an,und ivem haben wir das alles zu verdanken? Diesem Herrn Pfarrer, der die Leute nicht zur Zeit abfahren ließ."

Er hat es gewiß nur gut gemeint", wagte Frau von Höchstfeld schüchtern einzuwenden.

jawohl, gut gemeint!", höhnte er,einen Vorgeschmack der unser harrenden Widerwärtigkeiten sollten wir bekom­men. Ich durchschaue ihn, Karl hat mich nicht umsonst vor ihm gctoanit", dann sah er sich verwundert um und schrie nach dem Verwalter.

Als auch auf wiederholtes Rusen keine Antwort er­folgte, griff er nach der Uhr.

Ein Uhr!" rief er außer sich,wir müßten schon zwei Stunden unterwegs beinahe zu Hause sein! Na, wartet, ich toill. Euch Ordnung beibringen, ich will"

Die Kutscher der Leiterwagen sind auch nicht da", mel­dete Erich, der mittlerweile Umschau gehalten hatte.

Allmächtiger kreischte Frau von Höchstfeld ent­setzt auf,sie stecken sicher mit einer Räuberbande unter einer Decke unsere letzte Sturrde hat geschlagen!"

Erich hatte alle Mühe, die arme, von den Strapazen der Reise durch und durch nervöse Mama halbwegs zu be- schwichtrgen und sie wieder in dem Wagen unterzubrtngen, wo sie nun leise vor sich hinweinte und ein Stoßgebet nach dem andern zum Himmel sandte.

Dann horchten sie angestrengt in die Nacht hinaus, vernahmen aber nichts weiter, als das abgerissene Quiet­schen eines Dudelsackes vom Dorfe her.

Es wird wohl am besten sein, ich gehe nach dem Wirts­haus", meinte endlich Erich,die Kerle werden sich dort festgesetzt haben."

Hast Du Deinen Revolver in der Tasche?" erkundigte sich Herr von Höchstfeld.

Erich bejahte es und wandte sich zum Gehen. Da tauchte aber Mamas schreckensbleiches Gesicht aus dem Wagen auf und angsterfüllt ries sie ihn zurück.

Nein, nein. Du darfst nicht fort", beschwor sie ihn händeringend,sie töten Dich!"

Wenn Du mir doch glauben wolltest, liebe Mama, daß eS ein harmloses, gemütliches Volk ift", redete Erich be­ruhigend auf sie ein.

Herr von Höchstfeld lachte ingrimmig vor sich hin'.

^Ein gemütliches Volk! Nun, ich will ihnen diese Ge- mütllchkeit, die Herrschaft aus der Landstraße liegen zu lassen, gründlich austreiben, lind nun spute Dich, mein Sohn, sonst mache ich mich selbst auf den Weg,"

Dann nimm wenigstens noch einen Revolver mit", bat die Mutter.

Eher di« Peitsche zum Dreinschlagen", meinte Erich lachend und eilte davon.

Bald darauf befand er sich vor dem Wirtshaus«, durch dessen offenstehende Fenster sich ihm ein gar seltsames Bilo darbot.

Die tanzenden Paare schienen innegehalten zu |

haben, denn noch standen sie, sich umschlungen haltend, im Kreise, dessen Mitte der Dudelsackpfeifer bildete, und aller Blicke wandten sich dem aus dem Tifche hin- und herschaukelnden Verwalter zu, der mit vor Rührung zittern­der Stimme eine Rede hielt. Von dem Inhalt verstand Erich natürlich nichts, doch ließ sich durch die fast in jedem Satze wiederkehrende Anführung oes Namens Höchst- seld leicht erraten, daß es sich um einen Toast auf die neue Gutsherrschaft handelte. Und richtig, als der Redner mit einemZivila obitelj Höchstfeld" schloß, da dröhnte esZi- vio, Zivio!" kreischend, quietschend und gröhlend von allen Lippen, und der Verwalter, der ehrend seiner Herrschaft ge­dacht, wurde unter allgemeinem Jubel im Zimmer herum­getragen. Im selben Moment trat Erich in den Rahmen der Tür. Wie ein Gespenst starrten ihn alle au, und die Bur­schen, die den Verwalter auf ihren Schultern hielten, ließen diesen unsanft zur Erde fallen und suchten schnell in den hintersten Reihen zu verschwinden.

Der Anblick war so tragikomisch, daß es Erich schwer fiel, seinen Ernst zu bewahren und nicht hell aufzulachen. Du bist ein niederträchtiger, pflichtvergessener Kerl", wandte er sich an den zu seinen Füßen kriechenden Ver­walteranstatt den anderen mit guten: Beispiel voran­zugehen, besäufst Du Dich hier und läßt Deine Herrschaft vergebens auf Dich warteu!"

Hab' Erbarmen, Herr" winselte der Betrunkene, indem er sich vergeblich auszurichten bemühteaber nicht mich trifft die Schuld, sondern den Wirt. Ich wollte Ewch ja gleich etwas zu essen bringen, aber er hatte ja nichts anderes mehr als Zwiebel und Speck und das durften wir Euch doch nicht bieten! Und deshalb dachten wir nimm es uns nicht übel,. Herr es wird wohl am besten und Gott am wohlgefälligsten fein, wenn wir den Gulden aus Euer Wohl vertrinken."

Der intensive Schnapsgeruch belehrte Erich, daß er jetzt doch nur tauben Ohren predigen würde. Er wandte sich' deshalb an den Wirt und verlangte von diesem einen zu­verlässigen, nüchternen Mann, der sie nach Dolina fahren könnte.

Dieser sah sich der Reihe nach seine Gäste an, endlich meinte er, sich verlegen den Schädel krauend:

Eh, Herr, zuverlässig sind sie alle, aber nüchtern das kannst Du doch an einem Sonntag, und no chdazu bei solch feierlichem Anlaß, wo sie Eure glückliche Ankunft begossen, nicht verlangen."

Nun ging Erich aber doch die Geduld aus.

,-Zum Teufel noch einmal" schalt erwir können doch unmöglich warten, bis diese Kerle ihren Rausch aus- geschlafen haben!"

Freilich, freilich, das könnt Ihr nicht" gab der Wirt kleinlaut zuda wird eben nichts anderes übrig bleiben, als den Herrn Pfarrer zu wecken. Sein Bursche hat Kirchenstrafe und darf drei Wochen nicht ins Wirtshaus der wird Euch gern fahren."

Schon wollte Erich einwilligen, als ihm noch rechtzeitig einfiel, daß Papa von dem Pfarrer eine Gefälligkeit nicht werde annehmen wollen und es vor ihm verheimlichen und mit diesen Leuten ein Geheimnis teilen, welches sitz Gott weiß wie auslegen würden, konnte ihm erst recht nicht passen.

Nein, nein, der Herr Pfarrer darf nicht in feiner Ruhe gestört werden", lehnte er daher ab,suche nach' einem anderen Ausweg."

Eh, dann wird nichts anderes übrig bleiben", sagt« der Wirt nach kurzem Ueberlegen,als Du kutschierst selbst und meine Tochter Mara setzt sich zu Dir aus den Bock, um Dir den Weg zu weisen."

Erich war damit einverstanden und verlangte nur noch- daß er das Gepäck, welches am nächsten Morgen nachge- fayren werden sollte, ins Wirtshaus tragen lasse, damit nichts wegkomme.

Nun war aber der Mrt entrüstet.

Eh, Herr, was glaubst Du denn eigentlich!" sagte er. Unsere Leute mögen Schwein« sein und sich besaufen, und Lumpen, die unserm lieben Herrgott den Tag stehlen aber sich an fremdem Gut vergreifen, das wirst Du bei uns nicht finden! Eure Sachen liegen auf der Landstraße ebenso sicher, als wenn sie hinter Schloß und Riegel wären!"

Erich mußte sich zufrieden geben, und nachdem er den Seinen von allem ausführliche Mitteilung gemacht und'