Ausgabe 
25.6.1904
 
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Dr. nteb. Erich t). Gamering, der sich mit dem heutigen Tage hier in Gill niederließ.

Der erste Besuch in der Kreisstadt drüben galt selbst­verständlich dem Landrat, der zweite galt Gamerings ehe­maligem Regimentskameraden, dem Gendarmeriehaapt- mann. Dann kamen die Kollegen von Ußditten an die Reihe, der Kreisarzt, sowie der jüngere Herr mit dem unaussprechlichen polnischen Namen. Sämtliche .Honora­tioren von Gill und Umgegend sollten den Schluß bilden.

Siehst Du, Erich", sagte der Rittmeister, als er mit seinem Schützling von Oberförsters zurückfuhr,was sie Deinem Vorgänger in unseren Kreisen nie so recht vergeben konnten, das ist das eine: er war Junggeselle. Du wirst Dich also möglichst postwendend verloben, mein Jungchen, an guten Partien, prima, tipp-topp> fehlt es hrer nicht, da laß mich nur «rächen, und dann ist die Moral unter Dach und Fach gebracht. Denn auf Moral wird hier höllisch gesehen, Erich. Tja. Na, das in Parenthese."

Darauf erzählte er, was man hier so über Zupitza und Frau Lotz gemunkelt hatte.

Der junge Arzt blickte ziemlich beunruhigt über das unermeßliche, hüben ans Wasser, drüben an die langen Deiche grenzende Moorland. Die kleinen Holzhäuschen oder Torfhütten, in denen die Familien hausten, während die Männer tagsüber in Ußditten oder Sakuthen zur Fabrik­arbeit weilten, machten einen gar dürftigen Eindruck. Auf manchen Moorstrecken war schon Torf gewonnen und in mannshohen steilen kleinen Hügeln aufgeschichtet. Das bot so von weitem einen ganz putzigen Anblick: es sehe aus, meinte Gamering, wie eine Kompagnie Soldaten mit Tor­nister und Helm beim Stiefelappell.

Darüber lachten sie dann beide, Gamering warf die Staatszigarre weg, die ihnen der Oberförster beim Port­wein zugemutet hatte, und präsentierte seinem Begleiter die silberne Zigarettendose. Den russischen Tabak paschte man immer, zusammen mit den Petersburger Bonbons für die Damen, wenn man mal eine kleine Spritzfahrt über die Grenze machte.

Es ist ja niederziehend schmutzig da drüben, verstehst Du, aber hervorragende Weiber gibt's, mein Jungchen. Tja Du wirst sehen, man kann hier schon leben."

Zu Dieter Lotz wollte Gamering seinen Vetter nicht führen.

Das ist eine Taktfrage, weißt Du. Zupitza hat dort intim verkehrt, man behauptet sogar: sehr intim, da könnte es der Gnädigen vielleicht einfallen. . . Sie kann nämlich zuweilen nichtswürdig sein. Na, Schwamm drüber. Wir zwei sind jedenfalls miteinander fertig, futschicato, perdutto." Er lachte.Ich bin noch ganz italienisch." ,

Aus dem Schmalschen Werk erfuhr der Rittmeister in­dessen, daß Fran Lotz am Nachmittag Sakuthen verlassen habe, sie fei mit den beiden kleinen Pratjes zur Bahn gefahren und Frau Stojentin habe erzählt, auf der Rück­fahrt von Ußditten solle der Wagen noch nach Wvikehmen. Vor abends acht Uhr könnte sie also nicht zurück sein.

Das paßte Gamering nun gerade.Denn man zu!" lachte er. Und seinem Schützling erklärte er:Mit ihm, dem Dieter, wird man ja leicht fertig, wenn man ihü alleine faßt. Er war zwar ein bißchen geladen auf mich, es gab da mal 'ne besoffene Geschichte, na, das kommt ja vor. . . Aber diebische würde mich's freuen, wenn wir seiner Frau Fränze zum Torr. . . Na, nous verrons."

Der Rittmeister hatte im Verlause des Tages mehr­mals frühstücken müssen, auch bei Schmals war man gerade insSchweinevesper" hineingefallen, er befand sich also längst nicht mehr in der feierUctz-offiziellen Stimmung von heute morgen.

*

Als Tirsill den Besitzer von Sangallenn, mit dem er wie ein dunkles Gerücht behauptete Brüderschaft ge­trunken hatte, im Landauer auf den Hof fahren sah, sank ihm das Herz in die Hosen.

Alle feine Sünde« von jenem schrecklichen Sonntag fielen ihm wieder ein.

Mer Gamering schien sich dieser nnseligen Vorfälle gar nicht mehr zu entsinnen. Er legte auch seinem Duz­bruder gegenüber, trotzdem er's bei der vertraulichen An­rede ließ (er hatte ihn freilich schon immerDu" und Ede" genannt), eine so hochfahrende Miene an den Tag, daß Tirsill zerknirscht alles tat, was ihm befohlen ward,

und es vorzog, die Brüderschaft wieder eine durchaus ein­seitige sein zu lassen.

Dieter Lotz hätte den Besuch kann: angenommen, wenn er ihm, wie das Tirsill nun schon seit Jahren lernen sollte, vorher angemeldet worden wäre. Aber Gamering folgte dem biederen Kuren gleich auf dem Fuße, ganz familiär, wie er das früher meistens getan hatte.

Ich will Ihnen bloß meinen Vetter vorstellen, alter Freund, der sich hier als Arzt niedergelassen hat. Er ist überall mit offenen Armen empfangen worden, na, und da dacht' ich, mein Lotzchen ist Mir ja wohl noch ein bißchen gram, aber wo sich's um so ernste Dinge handelt, da heißt es eben: nichts für ungut."

Der Kranke legte eine fast ängstliche Scheu an den Tag. Gamerings Stimme tat ihm weh, und seine derb- gemütliche Art war ihm unausstehlich; unhöflich wollte er aber doch auch nicht sein, schon des fremden jungen Arztes wegen, der ein sehr zurückhaltendes Wesen zur Schau trug, sich jedenfalls völlig korrekt in einer ihm sichtlich peinlichen Lage benahm.

Er hieß den jungen Herrn also willkommen.

(Fortsetzung folgt.)

Mandereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Das Redern'sche Palais am Pariser Platz. Berliner Schul ausflüge. Der Herr Doktor. Ein Misanthrop. O alte

Burschenherrlichteit.

Ein Hauch von Feudalität weht mich immer an, wenn ich durch das Brandenburger Tor wandere, und den dieLinden" eröffnenden Pariser Platz überschreite. Die Springbrunnen vor derFranzöse­schon Botschaft" und dem gegenüberliegenden Kasino desersten Garde-Regiments zu Fuß" sprudeln ihre glitzernden Strahlen inmitten vornehm gehaltener Parkanlagen empor, die nur selten von Menschenfüßen betreten werden, obgleich, der Verkehr raftlos hier vorüberflutet. Kein Kinderantlitz spiegelt sich in den Becken, kein Musketier findet dort eine Bank zum Ausruhen, wo er seiner jeliebten Inste", Jehcimrats Kindermädchen, den Arm um. die drallen Hüsten legen kann: denn man ist seit Olims Zeiten bestrebt gewesen, der Abgeschlossenheit dieses Platzes mitten im Weltstadttrubel seinen Charakter zu wahren. Wer nun legt doch schließlich der alles nivellierende moderne Geschäftssinn Bresche in diese Unnahbarkeit. Das 1736 von Gratzl erbaute Palais des Grafen Redern,das die südöstliche Ecke desPariser Platzes" bildet, soll nämlich in nächster Zeit zu einem großen Hotel nmgewandelt worden. Dieses mächtige, von keinem geringeren als Schinkel 1833 in florentinischem Stile erneuerte Gebäude, dem leider die Ver­putz-Fassade den Stempel höchster Vornehmheit versagt, galt bisher als unveräußerlicher Majoratsbesitz, und .es gehörte die Ein­willigung des Monarchen dazu, ihn zu verkaufen. Nach einem langwierigen, jetzt endlich erledigten Prozeß soll der alte Familicn- sitz nun in andere Hände übergehen. Herr Adlon, der Nachfolger Dressels, der auch den Restaurationsbetrieb des Zoologischen Gar­tens leitet, besitzt das Vorkaufsrecht für das Palais, dessen Kauf­preis aus 4-/4 Millionen Mark angesetzt ist. Nach dem Umbau und der völligen Einrichtung zu seinem neuen Zwecke dürfte fiaj der Gesamtpreis wohl auf das Doppelte stellen. Alsbald werden dann Globetrotter aus aller Herren Ländern, . englische Snobs und Chicagoer Schweinehändler hier ihren Einzug halten und das große Wort führen, wo mehr als ein Jahrhundert lang die Blüte märkischer Ritterschaft in kühler preußischer Reserve ihre streng abgeschlossenen Zirkel gepflegt hat. Sic transit gloria munde! Die Rederns werden die letzten nicht sein, die den modernen Millionen zuliebe ein altes Familiennest opfern!

Meinen Betrachtungen über den Wandel der Zeiten werde ich durch den strammen Schritt einer lustigen. Kompagnie Ber­liner Blutes entrissen, die in voller Ausrüstung die Wilhelm- straße hinabmarschiert, um den Potsdamer Bahnhof zu erreichen. Es find aber nicht etwa Soldaten, die da so zuversichtlich auf­treten. .Ihre Waffe ist.ein Wanderstock, und die Tasche, die sie sich umgehängt haben, enthält weder Patronen noch Pulver und Blei/ sondern eine erstaunliche Anzahl von Muttern gut belegter Butterstullen. .Die Berliner Schuljugend absolviert wtzt nämlich ihre von den nicht gerade zu beneidenden Herren Lehrer geleiteten Ausflüge. .Jeden Morgen sind die Vahnhöse belagert. Die Be- amten, die in ihre Bureaus fahren wollen, Buchhalter, die gern noch vor dem Ches in das Kontor flitzen möchten, Telephonistinnen, die auf dem Amt zur Ablösung erwartet werden alle werden sie durch diese feierfreudigen Schlingel, die sich 'vorläufig noch heftig als richtigen Mittelpunkt der Welt fühlen, in Mitleiden­schaft gezogen. Wer so sehr die Alten auch poltern über diese verdammte Wirtschaft ein jeises Lächeln Huscht doch ab und