Ausgabe 
25.6.1904
 
Einzelbild herunterladen

374

seinen Habseligkeiten, an einem Strick um den Leib, die Bastschachtel, die seinen Mundvorrat barg, in der Hand.

Weiter unten am Flusse begann die flehende, inbrünstig flehende, aber immer nur flüsternde Frauenstimme wieder. Endlich verwehte ihr Klang inr Winde.

Um was bat sie?

Gab es denn innerhalb des großen Elends, das all diese Aermsten umfaßte, noch ein Unterscheiden zwischen Glück und Leid?

Es war schon so ruhig und klar, so kirchenstill in ihm geworden und er hatte Franze bloß als guter Kamerad klaglos und gefaßt und vorwurfsfrei die Hand zum M- fchted reichen wollen und nun brach das ganze Trenn­ungsweh mit so unbarmherziger Gewalt wieder ihm durch.

Ms die Tür aufging, als Fränze hereinkam noch etwas erregt, weil es ihr gewesen war, als ob ganz Gill es durch die geschlossenen Fenster, die dicken, grauen Holzwünde sehen müßte, daß sie hier ins Haus eintrat konnte er sich nicht mehr beherrschen, laut aufschluchzend umschlang er sie und glitt an ihrer Gestalt nieder, bis er auf den Kirren vor ihr lag und sein Antlitz sich in ihr Kleid preßte.

So schwer willst Du mir's machen so schwer!" sagte sie zitternd und hilflos, wie mit zerbrochener Stimme.

Und darauf weinten sie beide klammerten sich an einander ihre Lippen fanden sich in langem, fast schmerz­bereitendem Küß und verzweifelnde, anklagende, wilde, Wunde Worte klangen ineinander.

Am Fenster ließen sie sich dann nieder, noch immer eng umfaßt. Aber fie sahen einander nicht in die Augen, sie wollten sich ihre Tränen nicht zeigen. Stumm blickten sie in die erlöschende Glut des Himmels und lauschtet! dem monotonen Heimwehlied der armen Russen auf dem Strome da drüben.

Verstehst Du, was sie singen?" fragte er endlich matt, durchs Fenster zeigend.

Sie nickte.Es ist eine traurige Weise, nicht?" Aber übersetzen wollte sie es ihm nicht. Sie konnnte auch immer nur ein Paar Worte hervorbringen: sie wußte, daß sie wieder weinen mühte, ivenn sie mehr sprach.

Es paßt auf uns, Fränze, wie? Drum willst Du mir's nicht sagen. Oder ist es nicht von einer unglück­lichen Liebe?"

Sie handeln alle von unglücklicher Liebe, Hermann."

Er mußte immer wieder lauschen. Die Melodie erschien ihm jetzt fast edel in dem großen, wunden Schmerz, den er hineindichtete.

Es ist ein Schifferlied", sagte Fränze endlich, noch halb sich sträubend.Die Geliebte, die daheim sitzt und den Fluß hinabsieht, der zum Meer führt. Das Meer ist das Leben draußen. Ich kann es nicht mehr so recht Dieter hat es einmal übersetzt." Sie machte eine Pause, denn ihre Stimme überschlug sich. Dann zitierte sie schlicht:. . . . Und der Tag ist kommen, sie harret sein: heut naht er alnf goldenem Boote! Doch schleicht nicht ein schwarzes Segel flußauf? Weh, Kinolein, das kündet vom Tode!"

Er hielt ihre Hände an seinem Gesicht, küßte die Innen­flächen und Preßte sie dann gegen seine Stirn.

Schwarze Segel!"

Sie erhob sich, lehnte sich an ihn und blickte ergriffen hinaus. Allmählich teilte sich ihrem Antlitz ein träumerischer Ausdruck mit.

Wer es ist doch nicht so hoffnungsleer, das arme Liedchen", sagte sie, dem Schluß lauschend.Hörst Du? Ihre Liebe ist nicht gestorben, sagt sie, denn sie weiß schon von einem neuen Leben. Das ist ihr dann das weiße Segel. Mein Gott!" Sie seufzte. Dann weinte sie plötzlich wieder ganz erschüttert.

Fränze, Fränze!" flehte er, sie an sich pressend,und wir wird es für uns noch einmal ein neues Leben ein neues Hoffen geben? Fränze, liebste Fränze, laß mich doch nicht allein in die Welt hinaus ach, laß mich doch nicht allein . . ."

Sie wiegte sich in seinen Armen, lehnte den Kopf auf seine Schulter zurück und sah ihm schwärmerisch ins Auge.

Wenn ich frei wäre, Hermann, ach weißt Du denn nicht, wie gern ich mit Dir unter weißen Segeln, die fröhlich vor dem Frühlingswind herflattern, in die Welt hinausziehn möchte? und ein Sonnenkind würde ich Dir dann schenken, ein lichtes, schönes Sonnenkind mit Deinen

trotzigen Augen, Deinem Glückesdurst . . . Ach, und es müßte die ganze Welt mit Schönheit und Licht erfüllen." Wie in einem Rausch überkam es sie beide.

Aber dann wehrte sie ihm.

Geh, Liebster", sagte sie weich und innig.Vielleicht wartet schon draußen irgendwo in der Welt ein neues Glück auf Dich, von dem Du heute noch nichts weißt."

Ich werde auf Dich warten, Fränze", erwiderte er.

Sie schüttelte den Kopf.Ich bin dann alt, Hermann. Ja, das weiß ich heute. Wenn es auch nur ein einziges Jahr noch dauert. Ich werde altern, weil ich das furcht­bare Ende sehen muß."

Du mußt es nicht!"

Hermann-!" flehte fte verzagt.

Er siegt im Tode", sagte Zupitza bitter,der Sterbende siegt über uns beide, uns Lebende, über unsere Jugend, über unsere Liebe."

So sollst Du nicht reden, Hermann. Nicht der Ster­bende besiegt unsere Liebe. Meine Liebe wird ein ewiges Leben haben. Bloß das ist's: Die Pflicht siegt über die Leidenschaft."

Ja, die Pflicht", wiederholte er,die mit schwarzen Segeln durch die Welt zieht!"

Er stand mit drohend erhobenen Fäusten da und starrte trotzig auf den Strom, über den sich die ersten Schatten der Nacht Breiteten.

*

Fränze war gegangen. Sie hatten einander noch lange still in den Armen gelegen hatten dann nur mit wenigen müden, bangen Worten übers Schreibeil gesprochen über den letzten äußeren Zusammenhang, der ihnen blieb.

Zupitza wollte drüben ein halbes oder ganzes Jahr wieder als Schiffsarzt fahren über seine fernere Zu­kunft schmiedete er noch keine Pläne.

Nun stand sie mit verweinten Augen auf der Straße.

Sie machte sich gar feine Gedanken darüber, daß etwa die Amtsrichtersfrau sie jetzt sehen könnte. Sie fühlte sich so unantastbar, so gefeit gegen alle Kleinigkeiten des All­tags. Trotz all ihrem Leid war es doch Festtag in ihrer Seele geworden.

An der Fähre erwartete sie der Sakuthener Wagen. Er war schon fast vor einer halben Stunde aus Woikehnlen eiugetroffeu.

Ich war schou beim Doktor", sagte sie ganz ruhig und gefaßt zum Kutscher,hoffte, er ivürde uns gleich begleiten, aber er reist schon heute abend."

Das gedachte sie Dieter ebenfalls zu sagen. Sie wußte, daß sie sich auch da völlig in der Gewalt haben würde.

Niemals, niemals sollte er erfahren, was sie in dieser letzten Stunde mit sich dnrchgerungen hatte.

Während ihr Wagen am Karpaßstroin entlang rollte, brachte das kleine Gespann des Posthalters den Doktor über die Fähre zum Festlaild.

Daß das Ziel dieser Fahrt die Bahnstation war, daß er Gill schon am heutigen Abend für immer verließ, das sollten die Bekannten drüben imLöwen" erst in der Nacht erfahren, wenn das Gefährt mit der alten Litauerin aufs Delta zurückkehrte.

Die Mondsichel stand am Himmel, als er über den schimmernden Strom übersetzte. Aus den Ätinnen waren die Feuer erloschen.

Aber als er am jenseitigen Ufer sich noch einmal nach der Insel umwandte, sah er die Lichter von Sakuthen.

Er schloß die Augen und preßte die Zähne aufeinander. In seiner Kehle fühlte er einen würgenden, nagenden

So namenlos traurig, so verlassen und vereinsamt wat er sich selbst damals nicht vorgekommen, als das Schicksal ihn zur Waise gemacht hatte.

11. Kapitel.

Seit dem frühen Morgen war der Sangaller Landauer unterwegs. Der Kutscher steckte in seiner besten Livree, die Rappen erstrahlten im Schmuck des Geschirrs erster Gar­nitur, und die beiden Herren, die im Wagen Platz ge­nommen hatten, trugen glänzende Zylinder. Es war also eine Fahrt offiziellen Charakters.

Herr v. Gamering wollte es auf eine Kraftprobe an­kommen lassen: er stellte feinen Freunden und Bekannten seinen Vetter vor, den praktischen Arzt und Wundarzt