Ausgabe 
25.6.1904
 
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Samstag den 25. Juni.

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(Nachdruck verboten.)

IrüßLingsstürMe.

Roman von Paul Oskar Höcker.

(Fortsetzung.)

Man hatte herrliches Pfingstwetter gehabt. Auch heute war's wieder sonnenhell, wenn auch der Mnd scharf von der See her blies.

Auf dem Karpaßstrom herrschte buntes Leben, seitdem das letzte Treibeis rauschend ms Haff hinabgefchwemmt worden war.

Täglich kamen Dutzende von Flößen den Njemen herab) in den Ternereien an der Gilge, am Ruß- und Karpaß- strom war das Geschäft in vollem Gange, zwischen der Fähre und den Sakuthener Werken lagerten bereits an die hundert Traften zum Verkauf.

Von den rückwärtigen Gartenfenstern aus, die nach der Wasserseite gingen, übersah Zupitza eine gute Strecke weit den Strom. Mit dem Glase konnte er sogar die Ge­sichter der auf der Fähre U-ebersetzenden erkennen.

Malerisch war das Bild der dicht bei den breiten Fluß bedeckenden Witinnen, sobald die Sonne unterging, den Himmel tönte, goldene, lachsrote und opalfarbene Reflexe auf dem blauen Wasser hervorrief und die un­geheuren Baumstämme blutigrot färbte.

Da er die Magd heute nachmittag des Gepäcks wegen Mit der Post nach Utzditten vorausgeschickt hatte sie sollte ihn dort zum Zuge um zehn Uhr erwarten be­fand er sich ganz allein daheim. Er hatte die Fenster nach dem Garten geöffnet, das volle, warme Abendlicht des schönen Frühsommertages fiel herein, er wanderte noch Einmal in den großen Zimmern auf und nieder. Seine Blicke schweiften aber doch immer wieder hinaus ins Freie über die vom roten Sonnenlicht durchglühten Mesen zum Kürpaßstrom, zur Fähre, auf der nun bald der Sa­kuthener Wügen erscheinen mußte, der Franze von der Bahn Machte.

Sie wollte ihm nicht auf der Station Lebewohl sagen s sie suchte ihn hier auf.

Lichter blitzten am jenseitigen Ufer auf. Bald auch da und dort auf den Flößen vor den kleinen Strohbuden, ivo die Dschimken beim offenen Feuer über dem Strom Hockten, ihre grauen Erbsen oderFleck" kochend.

Hier in Gill waren die meisten der armen Burschen, die Wochen- oder monatelang in Nässe, Kälte, Sturm und Gefahr auf dem Strome trieben Tag und Nacht, für den erbärmlichen Lohn von kaum zwanzig Rubeln, hier waren sie endlich an ihrem Reiseziel angelangt. Nächster Tage zogen sie dann wieder stromaufwärts, der fernen Heimat zu. um sich ein zweites Mal zu verdingen. Nun feierten fte abends bei Schnaps und Gesang die erste Sommeretappe.

Aber es waren wehmütige Lieder, die von dem schim§ mernden Dors her übers Wasser klangen. Der näselnde, dünne Bogenstrich der Geige, der ihn da und dort be­gleitete, der leirige Ton der Harmonika mit dem ewigen, langgezogenen Nonenakkord machte ihn nur noch trostloser und banger.

Und so oft sie den Text der Lieder wechseln mochten/ es schien doch immer nur dieselbe schwermütige Heimwehs klage.

Einer begann das Lied eine seltsam rhythmisierte Weise von nur wenig Tönen Umfang in der Mrttellage/ mehr gesprochen als gesungen und nach einem langens Halt, jtet dem der Ton abschwoll, schließlich erstarb, setzte der übrige Chorus ein. Meist sangen sie zweistimmig. Zu­weilen aber gesellte sich noch ein Baß hinzu, der mit seinen fast nur gebrummten Quinten- und Quartschrittep immer neue, aufwärtstreibende Sequenzen erzwang, manchs mal wilde, unerwartete Modulationen, die dem Chor in der Höhe etwas Kreischendes gaben.

Resigniert klagend kam dann wieder eine lange Tirade der Geige.

Es war die Musik von Menschen, die nicht lachew können. Die ganze traurige Geschichte des stumpfen niedern Volkes von Halbäsien klang aus dieser trüben, quälenden Musik, die so bitter klagte, ohne doch den Mut zur Auf­lehnung zu finden.

Zupitza stand noch immer am Fenster und lauschte.

Nun mischte sich in das Geigenspiel ein seltsames, er­regtes Flüstern.

Am Gartenzaun sah er zwei Gestalten. Auf der Mese zwischen dem Dorf und dem Strom trieb sich oftmals allerlei armseliges Liebesvolk herum: russische Boidak- und Kahnschifser, kurdische Lachsfischer und litauische MädchM vom Karguller Moor. Er hatte nie auf sie geachtet.

Es war eine wimmernde Stimme, deren Flüstern immer dringlicher, immer schmerzlicher ward: manchmal ging sie in leises, bitterliches Weinen über dann zischte aber eine trockene, scharfe Männerstimme sie nieder.

Wieder begann sie jedoch nach kurzer Pause, bittend, klagend, sich steigernd. Und abermals klang das schroffe, kurze Verweisen oder Verneinen des Mannes in das demütige Flehen.

Er verstand kein Wort von dem, was sie sprachen. Dennoch ergriff es, erschütterte es ihn in seiner jetzigen Stimmung. Aufstampfend wandte er sich endlich in das Zimmer zurück.

Da verstummte das Geflüster draußen. Gleich darauf zog der Mann weiter und das Mädchen folgte.

Es schien eine der russischen Arbeiterinnen, die zur ersten Heuernte aufs Delta gekommen waren; sie trug die bis zum Knie reichende Kazawaika mit den charakteristischen weiten Aermeln. Er war seiner Ausrüstung nach ein russischer Floßschiffer, der auf der Heimkehr begriffen fetrt mochte; er trug die Lischke, den geflochtenen Kober mU