Ausgabe 
25.6.1904
 
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zu über ihre Züge, wenn sie die dreisten Berliner Jungen mit den blitzenden Augen und dem losen Mundwerk beobachten. Hier klettert eine Gemeindcschule in die Coupss, dort eine Gymnasial- klasse; weiterhin sogar eine Herde künftiger Salongünschen, Pardon: eine höhere Töchterschule! Man braucht nicht darum zu fragen. .Die Futterkörbe verraten alles. Bei den Kindern aus dem Volke haben sie nämlich einen sehr soliden Umfang, denen hatMuttern" gleich das Mittag- und Vesperbrot mit auf die Reise gegeben, während diehöheren" Dämchen blos kleine Paketchen kokett an den behandschuhten Fingern pendeln lassen. Sie brauchen nur Frühstück; denn Mittag essen sie irgendwo bei einem Gartenwirt ihr vorher durch denHerrn Doktor" vereinbartes Menu. Dieser Herr Doktor hat einen schweren Stand. Er mutz die Beschwerden der Verwöhntesten geduldig mit anhören, diesolche Suppe" nicht essen kann, oder keinFischmesser" be­kommen hat; er muß den weniger Wählerischen, die abermehr" gewöhnt sind, Nachlieferungen tiermitteln; er muß die allzu Kecken, die für Alkohol schwärmen und Cigaretten lieben, im Zaum halten; er muß sichkriegen" lassen undBock schiele nicht" spielen, er muß Walzer und Polkas verzapfen, wenn ein Klavier entdeckt wird und auch selbst tanzen und zu alledem immer eine freundliche Miene machen und so tun, als ob er sich riesig amüsiere. .Auf der Eisenbahnfahrt möchte jede in seinem Coups sitzen, vorausgesetzt, daß er ein bischen was von Adonis hat und nicht etwa ein wltes Scheusal,der schon verheiratet" ist. Und was er an Unterschriften auf Ansichtskarten leisten muß, läßt sich schwer feststellen. Warum bewunderst Du nicht die Geduld und Opferfähigkeit dieses armen geplagten Pädagogen, arger Misanihr p, d.n e'.n Zufall auf den gleichen Dampfer v.rschlc-gen hat, .mit dem ein solches Völkchen von Glienicke nach Wannsee fährt? Der alte Griesgram macht dem Kapitän Vorwürfe, daß er ihm nicht gesagt hat, was man in Glienicke für einen Zuwachs bekomme. . Er wäre dann sicher nicht mitgefahren. Der biedere Kapitän aber antwortet lächelnd^Dampfer für Kinderfeinde fahren überhaupt nicht! Sind Sie nicht auch 'mal jung ge­wesen, älter Herr?" Und wie zur Antwort stimmt eben ein Trüppleiii künftiger Heldenmütter den Sang von der alten Burschenherrlichkeit an, der schönen, goldenen, frei und ungebun­denen Zeit, die nie Wiederkehre! Es sind Schülerinnen des Mädchengymnasiums, die doch keine .Schullieder mehr fingen können und sich selbstbewußt in das Kommersbuch geflüchtet haben! Da legt der gräßliche Mummelgreis sein Plaid um den Kopf und blickt anklagend gen Himmel. .Der Kapitän lächelt. DerHerr Doktor" wird rot. Aber er hat gar keine Ursache dazu; denn er hat heute mehr als seine Pflicht getan. Und wenn ihm am andern Morgen der Briefträger, die vierzig Postkarten bringt, die an feilte Adrefse gerichtet waren, und die die nichtsnutzigen Mädels ihn scheinheilig haben mit unterschreiben lassen, so wird er auch lächeln und vielleicht wie der vergnügte Kapitän murmeln:Liebes, olles Rackertüg!" A. R.

KesundHcitspflege.

Nach Pen Erfahrungen, die Dr. K o e p p e in Gießen in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht, sind bie, mit Butt ermilchkonf.erven erzielten Resultate in der Säuglingsernährung durchaus denen mit frisch bereiteter Buttermilch an die Seite zu stellen. Sie eignet sich besonders für atrophische Säuglinge und solche mit chronischem Darmkatarrh, wobei ihre Billigkeit und Haltbarkeit noch besonders ins Gewicht fällt. Bei fiebernden Säuglingen mit' Dyspepsie oder akutem Dünndarmkatarrh ist die Buttermilchnahrung erst zu geben, wenn nach .vollständigem Aussetzen jeder Milch- und fetthaltigen Nahr­ung wieder gleichmäßiger Stuhl vorhanden ist.

LZteramschsr.

Wilhelm Gutekunst: Der Liebesgockel. Ro­man. Verlag von Egon Fleische! u. Co., Berlin W. 35. Preis: Mk. 3.. In diesem Buche wird, statt der jetzt üblichen romantischen Studentengeschichten, einmal das akademische Leben und Treiben in seiner wirklichen Gestalt geschildert, ohne Schönfärberei und bengalische Beleuchtung, mit unerbittlichem Realismus und großer Wahrheitsliebe. So sehr der Held dieses Romans, dessen SpitznameLiebesgockel" schon zeigt, daß es besonders die Beziehungen zum weiblichen Geschlecht sind, die ihm verhängnisvoll werden, eigene individuelle Züge trägt, so sehr ist sein Geschick auch thpisch für eine ganze Reihe junger Leute, die ohne feste Grundsätze, ohne sittlichen Halt von der Schule hinaus in die akademische Freiheit treten und dort in jugendlicher Unreife zu Sklaven ihrer Leidenschaften werden. Die Schuld des studentischen Milieus, der Einfluß der schlechten Ge­sellschaft wird nicht verhehlt, und diese werden ohne falsche Scheu und ohne Zimperlichkeit, oft auch mit erfrischendem Humor geschildert. Mit fester Hand legt der Autor hier den Finger in manche Wunde unseres heutigen Lebens und gibt in seinem Werk, dem jede aufdringliche Tendenz fehlt, doch mit bewußter Absicht den Söhnen eine Mahnung, den Vätern eine Warnung.

* Aus A. Pichlers Tagebüchern. Die Süddeut­schen Monatshefte" veröffentlichen aus Adolf Pichlers un- gedruckten Tagebüchern einige Seiten, die in jeder Zeile von dem Lebensernst und dem frischen Geschmack des trefflichen Tiroler Dichters Zeugnis ablegen. Einiges fei hier notiert:

(1851.) Tas Leben macht uns oft weniger für unsere Taten als für unser Wesen verantwortlich,

*

Der ethische Gehalt unterscheidet den Dichter vom Virtuosem *

(1854.) Was nicht von innen wächst, taugt nichts.

*

(1859.) Habe Achtung vor allem Lebest, denn es ist eist Heiliges!

*

Man spricht so viel vom Recht auf Arbeit, warum so wenig von der Wicht zur Arbeit?

Logogriph.

(Nachdruck verboten.)

Wandrer, mach' ich mit i Dir Beschwer, Trägst Du nach mir mit a Begehr.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.r

Wartehalle.

Auflösung des Preisrätsels in Nr. 86 der Familienblätterr

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1. Preis:Frau Musika", eine Sammlung ausgewählter neuer Kompositionen: Ernestine Ehmer-Gießen. 2. Preis: Friedliche Eroberungen", Sittenroman aus dem modernen Egypten, von Gräfin Uxkull: Christel Schulze -Gießen. 3. Preis: 2 Bände ausNatur und Geisteswelt": PaulKöllner-Lollam

Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonne­mentsquittung in der Geschäftsstelle desGießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen.

Ein dichterisch veranlagter Leser und Löser sandte uns die Lösung mit folgenden Versen:

Herr Redakteur, es war sehr schwer, Die aufgegebne Nuß zu knacken.

Ich hab' gesonnen hin und her, Mich wollte schier Verzweiflung packen.

TasFahrzeug" ließ ich drum im Stich, Mich zog es übern Erdenbaü, Nicht länger plagen wollt' ich mich, Ich flog zum fernen Portugal.

Und die Provinz war schnell zur Hand, Denn Portugal ist etwas klein, Entdeckte" bald dasneue Land", Nur BEIRA könnt der Name sein.

Das I im Mittelpunkte dann Fuhrt mich zum weiblichen Geschlecht, Gab mir den schönen Namen an: ELISE, ja! so ist es recht I

Durch Spanien gingS die Kreuz und Quer Ach war dort etwas lang verschwunden.) EA gibt mir die Deutung her, ECJJAl endlich roarS gefunden.

Nun wagt' ich wieder mich hinein Jn's Fahrzeug, doch es gibt so viele!

Ich stieg beim schönen Mondenschein In eine BARKE, nah' dem Ziele.

Dann ging es nach der Heimat hin, Ich schied von südlicher Natur.

Die Frucht und Pflanze, war mein Sinn, Die suchst du nur auf Deutscher Flur.

ERIKA war es und die BIRNE, Nun stimmte alles schwarz auf weiß.

Es rann der Schweiß mir von der < 'vite, Mir bleibt die Hoffnung aus den Preis. Leider traf den Dichter das Glüüslos nicht.

Redaktion; August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schcn Universitäts-Luch- und Ctcindruckerei. R. Lange, Gießen.