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nicht anklagen. Wer er hat doch schwer an mir gesündigt — viel, viel schwerer, als er ahnte."
Als sie sich jetzt erhob, um zu gehen, trat er zu ihr. Es war ihm, als müsse er ihr irgend etwas Tröstliches sagen. Ihre seltsam wunde Gefaßtheit, ihre Zerschlagenheit ergriff ihn mehr als eine aufgeregte Szene voll stürmischen Entsetzens ihn hätte peinigen können. Wer sie ließ nicht zu, daß er etwas sagte.
„Bitte, bitte, lassen Sie mich nun gang still von Ihnen gehen. Nur ein paar Sekunden noch hier stehen bleiben und die Gedanken wieder sammeln. Damit die draußen nicht sehen . . ."
Sie steckte auch das Taschentuch wieder fort und $og tun Schleier hinunter. Während sie dabei ein Paar Löckchen ordnete, saß sie sich mechanisch um, als suche sie den Spiegel. Müde lächelte sie dann darüber, daß sich auch jetzt n-,hj instinktiv die kleine weibliche Eitelkeit in ihr regen wollte.
Er mußte sie schließlich allein lassen, mußte sich in das anstoßende Zimmer verfügen: sie bat ihn so dringend darum.
Die Litauerin trug auf. Zupitza fand aber doch nicht die Ueberwtndung, sich niederzusetzen, um zu tafeln. Gr blieb am Hoffenster stehen und lauschte nach nebenan. Es währte noch zwei, drei Minuten, dann ging die Tür zum Hausflur, und kurze, flotte, leichte Schritte entfernten sich. Gleich darauf hörte man den Sakuthener Wagen davonrollen.
Seltsam, wie ihn dieses Gespräch erregt, ihn im Innersten Aufgewühlt hatte: er war sich fast als Henker vorgekommen.
3. Kapitel.
So mühselig die mit vielen langen Fahrten über ein- sanres Land verbundene Praxis war, die Zupitza vom alten Collenberg übernommen hatte, sie versprach ihm doch große innere Befriedigung.
Arbeit blühte ihm hier jedenfalls in Hülle und Fülle. Die Gegend war arm, in den Sumpfniederungen ungesund, Ernährungskrankheiten^ Fieberzustände und Epidemieen waren häufig, dazu kam, daß die breiteren Schichten der Bevölkerung noch erschreckend wenig aufgeklärt waren, daß namentlich unter den starrköpfigen Litauern noch viel Werglaube herrschte.
Sein schwerster Patient war aber doch der Besitzer von Sakuthen.
Wie er es vorausgesehen, wie er's Frau Lotz auch schon angedeutet hatte, war der Stillstand in seinem Leiden nur von kurzer Dauer gewesen. Gegen Schluß der Woche klagte der Kranke bereits wieder über das beängstigende Augenflimmern, von dem er eine geraume Zeit verschont geblieben war, das ihm nun aber die Erledigung seiner Korrespondenz sehr erschwerte.
Zupitza erklärte es ihm als eine Folge der Aufregung, die den Kranken beim Tode des alten Collenberg erfaßt hatte. So oder ähnlich suchte er ihn auch bei neuen Klagen zu beschwichtigen. Nicht immer war's ihm danach zu Mute. Manchmal erschien ihm dieses Versteckspielen geradezu kindisch und für ihn selbst entwürdiget. Wer wenn ihm Frau Lotz dann über den Kopf des Gelähmten hinweg einen rührend bittenden Blick zuwars, fiel der in ihm aufsteigende Groll jedesmal wieder ab.
Es war ein ganz seltsames Paar. Eine körperliche Ehe führten sie ja nicht mehr, die war überhaupt nur von kurzer Dauer gewesen. Aber um so tiefer, um so leidenschaftlicher schien dre geistige Innigkeit zwischen ihnen geworden zu sein. Sie hatten sich eben beide lange Zeit einig in dem Trost gewußt, daß sie ihr Leben, ihr Liebesglück, ihre Jugend später doch noch einmal in vollen Zügen würden genießen können.
Diese Hoffnung hatte er der jungen Frau nun endgiltig genommen.
Ten Bekannten der Sakuthener Herrschaften wollte es scheinen, als ob Frau Fränze neuerdings mächtig eingelegt habe. Irgend etwas hatte sich mit ihr verändert, auch äußerlich, sichtbar. Ihr gesunder, bräunlicher Teint war blasser geworden, ihr Kinn, ihr ganzes Gesicht erschien schmaler, ihre Augen verloren den Glanz, sie hatten einen müden Ausdruck,
Sie hielt sich auch nicht mehr so stolz aufgertchtet wie früher.
Ob es ihrem Manne schlimmer ging? Ob sie Sorge um ihn hatte?
Nein — so erzählten die Herren, die den Arzt gelegentlich in der Kneipe trafen — der Zustand des armen Lotz war ganz derselbe geblieben, keine Verschlimmerung, aber freilich auch keine Besserung.
Aus dem „Menschentag", der allsonnaSendlich im Giller „Gasthaus zum Löwen" stattfand, hatte der Amtsrichter seinen ehemaligen Studienfreund gleich am Tage seiner Ankunft eingesührt. Seit Generationen versammelte dieser Dämmer- und Abendschoppen sämtliche Honorationen von Gill und Umgegend. Man spielte Billard und Skat, und einige Wüstlinge bauten nach Mitternacht ein unschuldiges Tempelcheu. Im übrigen gingen die paar Abendstunden Bei verschiedenen lokalberühmten Pünschen und mehr oder weniger heftigem Stammtischklatfch urgemütlich hin.
Zupitza hatte den ehemaligen Kommilitonen stark verändert gefunden. Der Amtsrichter besaß zwar noch immer die gutmütigen, wasserblauen, kleinen Schweinsäuglcin und den breitslatternden blonden Bart, sprach auch nach wie vor den unverfälschten Königsberger Dialekt, aber er war erschreckend in die Breite gegangen, und seine Schädeldecke präsentierte sich so glatt und haarlos wie eine Billardkugel. Er war übrigens sehr glücklich- was er, sobald er ein paar Glas getrunken hatte, ost und sehr gerührt versicherte. Die rundliche kleine Frau Amtsrichter hatte ihm in der sechsjährigen Ehe vier Kinder geschenkt, ein fünftes deutete bereits sein Kommen diskret an; zum Ueberfluß gestand dies Krappe verschämt-selig dem Ankömmling gleich bei der ersten Begegnung.
Zu den Honoratioren zählte außer dem Amtsrichter der Pfarrer Ostischkeit, der litauischer Wkunft war, neben dem deutschen Gottesdienst auch in litauischer Sprache predigte, der Lehrer Balke, ferner ein reicher Holzspediteur Namens Behr, der Gutsbesitzer Rittmeister von Gamer- ling aus Sangallen, der int Gerüche eines unverbesserlichen Dors-Don-Juans stand, Rotselser, der Leiter der Reichsbanknebenstelle, die sich im Orte befand, und als jüngster Nachwuchs der flotte Refereudar Leikschat, der aus einer alten Gutsbesitzersfamilie der Tilsiter Niederung stammte, Leikschat war bisher der einzige Junggeselle am Stammtisch gewesen; seine Liebesabenteuer hatten den älteren Herren daher öfters Gelegenheit zu nicht ganH ernst zu nehmenden Moralpredigten gegeben.
Zupitza schenkte den kleinen Indiskretionen in der ersten Zeit nur wenig Aufmerksamkeit. Er horchte aber aus, so ost von Frau, Lotz die Rede war. Die Sakutheneriu schien für die meisten Giller Herren einen gewissen pikanten Reiz zu besitzen.
Als „baute" wollte Herr von Gamering, der sich auf diesem Gebiet Ktznnerurteil zumaß, sie nicht gelten lassen, aber mehrmals versicherte er in seinem schnarrenden Offi- zierston: „Rasse, meine Herren, Rasse ist da, und das ist die Hauptsache! Die Augen, die ganze Person, und das Temperament! Tä! — Und wenn man sich vorstellt, das ist nun alles gewissermaßen ,— hm, wie soll ich sagen — totes KapitaU Aeh, es ist ein Jammer, ein veritabler Jammer!"
(Fortsetzung folgt.)
Aas Oordon-MenetL-Rennen.
Nur noch wenige Wochen trennen uns von dem größten Ereignis im automobilistischen Sportleben, von dem Tage, für welchen seit Monaten Hunderttausende von Menschen rastlos im Wettbewerb um die Vervollkommnung der Automobil-Technik gearbeitet haben, von dem Tage, der im friedlichen Wettstreit die größten Nationen des Erdballs an der S a a l b u r g versammeln wird. Dieser Kampf um die Palme der Vollendung auf dem Gebiete unserer modernsten Industrie ist nicht zu vergleichen mit einem „Automobil-Rennen", das lediglich vom sportlichen Geiste beseelt ist. sondern dieser Kampf und der Ausgang ist von weittragender Bedeutung für die Industrie desjenigen Landes, dem es gelingt, durch Fleiß und Arbeit den Beweis zu erbringen, daß es an der Spitze dieser internationalen Industrie marschiert.
In diesem Sinne hat Mr. Gordon-Bennett, der Besitzer des „Newhork Herald" im Jahre 1899 dem Automobile-Club de France den Wanderpreis gestiftet, den die beiden ersten Male Frankreich (1900 Charron auf 27 P. S. Panhard, 1901 Girardot auf 24 P. S. Panhard), das dritte Mal England (Edge auf Napier-Wagen) und das vierte Mal Deutschland (Jenatzy auf 60 P. S. Mercedes der Daimler-Werke Cannstatt) gewann; da nach den Bestimmungen.


