(Nachdruck verboten.)

Irühlingsstürme.

Roman von Pau lOskar Höcker.

(Fortsetzung.)

Gnädige Frau", sagte er, noch mit sich ringend, nach kurzem Zögern,und eben weil ich kein Recht habe, Ihnen diese Hoffnung zu nehmen, muß ich Sie bitten, mir Zeit zu lassen, um den Kranken erst noch genauer zu beobachten. Freilich daraus kann und will ich Ihnen kein Hehl machen, daß sein Zustand besorgniserregender ist als er glaubt."

Hastig hatte sie ihm den Kops wieder zugewandt. Ihr Ausdruck'war gespannt, dabei aber anscheinend fast ruhig und gefaßt, vielleicht auch starr.Collenberg sagte, die Lähmung sei die Folge der Verletzung eines Nervenstranges. Bet seinem Sturze damals. Das ist es aber nicht. Nicht wahr, Herr Doktor, es ist etwas viel viel Furcht­bareres ?"

Bestimmter kann ich mich darüber heute noch nicht aussprechen, gnädige Frau. Ich fühle sehr wohl die große Verautwortung. Denn mit einer Beschönigung wäre Ihnen ja auä) nicht gedient."

Herr Doktor, Ihre Augen strafen Sie Lügen. Ja, Ihre Augen. Oder warum senken Sie sonst den Blick? Für Sie gibt es doch keinen Zweifel." Erregt wartete sie wieder. Dann fuhr sie fort:Ich fand hier ja in der Ein­samkeit niemals Gelegenheit, mich von einem andern Arzt belehren zu lassen. Hätte ich die Zuziehung eines Spezia­listen durchsetzen wollen mein Zweifel ganz allein hätte meinen Mann vielleicht schon über alles orientiert. Aber, ich habe mich in der letzten Zeit, so gut oder so schlecht ich's verstand, heimlich aus Büchern zu unterrichten gesucht. Und seitdem ist Mir's, als Müsse es ein ganz anderes Leiden sein, als Collenberg sagt. . . Ja, alles trifft zu, alles, wie es da geschildert wird, als der Anfang von einem furchtbaren Ende. Ich täusche mich ja vielleicht dennoch. Ich möchte ja so gern eines andern, eines besseren belehrt werden. Wer ehrlich und offen. Denn diese Ungewißheit jetzt oder diese halbe Gewißheit die ist ja soviel, viel grausamer!"

Sie brach plötzliche in Weinen aus. Indem sie das Taschentuch aus der Tasche riß und vor die Augen preßte, ließ sie sich aus den nächsten Stuhl sinken.

Vor der Wr machte sich jemand zu schaffen, man hörte klapperndes Schlürfen von Holzpantinen. Gewiß wollte die Magd melden, daß das Gssen fertig sei. Zupitza öffnete ungeduldig die Tür.Lassen Sie!" ries er, schroff ab­weisend der Litauerin zu. Dann wanderte er in sichtlicher Erregung zweimal übers Zimmer. Der flehende, vor­wurfsvolle Ton der jungen Frau hatte ihn geradezu er­schüttert. Noch nie zuvor hatte er sich in einem ähnlichen Konflikt befunden.

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Frau Lotz war zusammen gefahren, als sie die Tür gehen hörte. Hastig trocknete sie ihre Augen.

Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, Herr Doktors brachte sie tonlos hervor.Wenn Ihr Vorgänger mich schonen wollte vielleicht weil er sah, wie innig mein Mann und ich zusammenleben, wie eines mit dem andern verwachsen ist in allem Unglück 1 ich lasse feine gute Wsicht gelten und grolle ihm nicht mehr ins Grab nach. Aber an Sie, den Fremden, wende ich mich als verzwei­felnde Frau, die nur die Wahrheit hören will, ich bitte Sie als den Mann der Wissenschaft, ich nein, ich ver­lange Ihr Wort als Ehrenmann, Herr Doktor, daß die Aus­kunft, die Sie mir geben, nach bestem Wissen und Gewissen' gegeben ist."

Hiernach machte Zupitza auch nicht einmal mehr bett Versuch, auszuweicheu.

Nun, gnädige Frau, der Fall liegt allerdings viel schlimmer, als Collenberg es Sie wissen lassen wollte. Bei dem unglücklichen Sturz damals hat eine Verletzung nicht nur zweier Wirbel, sondern auch zweifelsohne des Rücken­marks stattgefunden. Seitdem ist ein Schwund der Rücken- marksstränge und der hinteren Nervenwurzeln eingetreten. Es ist das eine nicht Mehr zu heilende Entartung."

Die also tödlich ist?"

Ja."

Und welche Frist hat solch ein Kranker?"

Zwei bis drei Jahre. Es haben sich Kranke aber auch schou bis zu zehn Jahren gehalten."

Und die Lähmung schreitet unaufhaltsaiil weiter es ist also schließlich ein elendes Zugrundegehen?"

Zupitza nickte ernst.Es lassen sich vorübergehend Besserungen erreichen manchmal kann sogar ein zeit­weiser Stillstand eintreten, tote es momentan bei Ihrem Gatten der Fall zu sein scheint. Wer eine Genesung ist ausgeschlossen."

Die junge Frau stand eine ziemliche Weile ganz gelassen da. Wenigstens gab sie sich keinem lauten Ausbruch ihres Schmerzes hin. Wer ihr ganzes Wesen hatte sich seltsam verändert, indem die Spannung sich in ihr löste. Ihre Stirn senkte sich immer tiefer, ihre Angen füllten sich langsatn mit Tränen. Gin bitterer, schmerzlicher Zug tauchte um ihre zusammengepreßten Lippen auf. Sie hatte alle Haltung verloren, war wie gealtert.

Endlich ließ sie sich am Tisch nieder rind stützte, still vor sich hin weinend, den Kopf auf.

Lange blieb sie stumm. Als sie dann aber sprach, klang ihre Stimme beinahe gefaßt und ruhig, wenn auch tonlos und erschöpft.

Ich danke Ihnen, Herr Doktor", sagte sie.Sie habe»! ja dem Aermsten das Todesurteil gesprochen aber Sie haben tnich wenigstens von der Folter befreit. Nun muß ich eben suchen, mich mit dem Schicksal abzufinden." Sie atmete tief auf.Sehen Sie, der humanere waren doch Sie. Nein, nein, ich versprach Ihnen ja, ich will Collenberg