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Maudereten aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Emil Thomas t- — „Kettenglieder" von Heyermans. — Bom Roland von Berlin.
Der Tod unseres einstmals besten Berliner Komikers ist für das große Publikum sehr überraschend gekommen. Prangen doch noch heute an allen LitsaWulen der Residenz die Affichen des „Luisen-Theaters" mit dem Bilde des Heimgegangenen, um zu seinen dort vor wenigen Tagen begonnenen Gastspielen einzuladen. Aber seine Freunde wußten es längst, daß die Tage des Unermüdlichen gezählt waren, daß seine unerschöpflich scheinende Kraft nur noch dank seiner eisernen Energie aushielt, daß sich unter der lachenden, blühend geschminkten Maske ein bleiches, von heimlichen Schmerzen zeugendes Gesicht barg, dem em leiser hippokratischer Zug etwas tragisches verlieh. Emil Thomas litt seit ca. zwei Jahren an einer Nierenverschrumpfung, die den immer lustig scheinenden Liebling der alten Berliner nun auf das letzte Lager geworfen. Erstaunt wird mancher fragen, warum der beinah Siebzigjährige, der sich bis in seine letzten Jahre mit den höchsten.Gagen verwöhnen lassen durfte, nicht früher ausgespannt hat, um sich den Wend seines Lebens behaglicher zu gestalten und nach Möglichkeit zu verlängern. Wer Emil Thomas war trotz seiner enormen Einnahmen, die unsere Ministergehälter weit überstiegen, ein armer Manu. Aus den Jahren seiner Direktionssührung hatten sich ihm Schulden angehängt, Vie wie sch-vere unlösbare Ketten hinter ihm her schleiften; fehlgeschlagene Spekulationen mögen das Uebel noch vergrößert haben — kurz: es war ein offenes Geheimnis, daß der alte Virtuose des Lachens zum größeren Teile für seine alten Gläubiger arbeiten mußte. Und so ist er denn „in den Sielen gestorben", ein Los, das sich einst der Recke Bismarck gewünscht hatte, dem es zu seinem Leidwesen nicht zu teil geworden. Für das künstlerische Charakterbild des alten Schauspielers wäre es zweifellos von Vorteil gewesen, wenn er ein Jahrzehnt früher von den Brettern, so die Welt bedeuten, hätte abtreten können. Sein Humor hatte zuletzt etwas Forziertes, manchmal Automatenhaftes, zumal an der Stätte seiner letzten längeren Tätigkeit, am „Metropoltheater" wo er seine prächtige Kunst nicht just den edelsten Ausgaben widmen mußte. Auch sein Organ war greisenhaft und knarrig geworden. Aber die Berliner, die mit ihm alt geworden waren, spürten davon nichts und jubelten ihm nach wie vor zu als „unserem Thomas". Dem Mimen sticht die Nachwelt keine Kränze. Dieser berufene Vertreter der heiteren Berliner Muse wird zu den wenigen gehören, die wenigstens im Gedächtnis ihrer Zeitgenossen, fortleben. Am „Metropoltheater" hat schon mit Beginn der Saison ein Wiener seine Erbschaft angetreten, dessen drolliger Begabung ein Stich ins Karrikaturenhafte mitgegeben ist: Josef Giampietro, früher am „Neuen Theater"' des Herrn Reinhardt. Sein Talent genügt vollauf, um Thomas an dieser Stelle zu ersetzen. An die von ihm geschaffenen Berliner Typen in den Volksstücken L'Arronge's usw. reicht sein Wienertum nicht heran.
In das Theater des Herrn L'Arronge, das als „Deutsches Theater" lange Zeit als das beste Musenhaus Berlins galt, ist inzwischen Paul Lindau als Direktor eingezogen, nachdem Otto Brahm mit seinem Repertoir und seiner Künstlerschar in das „Lefsingthcater" übergesiedelt ist. So ist aus dem „Lcssing- theater" eigentlich das „Deutsche Theater" der Tradition geworden, uns das liebe Publikum wird sich im Laufe des Winters ganz sicher manche Verwechslung leisten. Habe ich doch unlängst erst einen Bekannten am „Lessingtheater" vergeblich auf seine Schwägerin wartend getroffen. Er war beordert, sie aus dem „Zapfenstreich" abzuholen, den man auch lange genug dort gegeben hat, aber seit Brahms Einzug im „Berliner Theater" verzapft. Wie Paul Lindau in der Schumannstraße seine Aufgabe als Direktor lösen wird, läßt sich nach den knappen Anfängen von heute noch nicht übersehen. Sein aus dem Nichts geschaffenes Ensemble bedarf noch sehr der Sichtung und Ergänzung. Seine ersten Vorstellungen waren zwar glänzend inszeniert, aber im übrigen herzlich mittelmäßig. Mit der unlängst erfolgten Aufführung von Hermann Heyermans' „Kettenglieder" hat er mehr Glück gehabt, obgleich die Familien-Tragikomödie, wie alle Heyer- mans'schen Stücke, viel Unerquickliches und Gequältes hat. Dieses vom Dichter, natürlich ironisch, als fröhliches Spiel am häuslichen Herd bezeichnete Drama zeigt uns einen alternden Selfmademan, der es vom Kettenschmied zum Fabrikbesitzer gebracht hat, gegen den Willen seiner erwachsenen Kinder, noch einmal auf Freiersfüßen. Tie um ihr Erbe besorgten lieben Verwandten trium- phiercn schließlich mit Hilfe des Irrenarztes und Staatsanwalts und treiben die Geliebte des Alten aus dem Hause. Viel Bosheit und Häßlichkeit, viel Roheit und Schnmtz lebt in diesem Stücke, aber es' ist flut gemacht und daher wirkungsvoll. Außerdem ist es von einem Ausländer, der in Berlin ja immer Glück hat. Auch Leoncavallo, der wohlgenährte Masstro Italiens, wird demnächst seine Lorbeeren an der Spree einheimsen dürfen. In der Königlichen Oper arbeitet man mit heißem Bemühen an der Inszenierung des „Roland von Berlin". Doch schioebt noch ein dichtes' Geheimnis, um die dicke Partitur, das anscheinend etwas ängstlich gehütet wird. T-er gute Meister soll nämlich der alten
Ueberlieferung, wonach der rebellische Bürgermeister von der fallenden Rolandsäule getötet wird, ein unglaubliches Schnipp« chen geschlagen und in seiner Oper eine brillant vertonte Bcr- söhnungsszene zwischen Fürst und Bürgermeister als Schlußeffekt ausgebrütet haben. Wie man sich mit dieser leichtherzigen Ver—Änderung des Berliner Rolandstofses abfinden wird, ist eine recht heikle Geschichte. Tapfer hat Leoncavallo gegen alle die vom Leder gezogen, die die Uebertragung dieses urbrandenburgischen Vorwurfes an einen Ausländer nicht für zweckentsprechend hielten. Trotzdem ist es nicht ausgeschlossen, daß sein „Roland", der den Berliner Bürgermeister so glimpflich aus der Bedrängnis entkommen läßt, üun nach einer anderen Seite füllt und irgend ein Malheur anrichtet. Der Berliner Roland muß doch ein alter ungefügiger Koloß gewesen sein!.-...
A. R.
Are Arautschuke.
Endlich hat eine deutsche Frau den Mut gefunden, in unserem Schulwesen eine Lücke zu entdecken, die von Huüderk- tausenden von Ehemännern aufs schwerste empfunden wurde, ohne daß auch nur einer von ihnen die Geistesgegenwart besaß, einen Vorschlag zur Abhilfe zu formulieren. Nun, wo einmal das erlösende Wort gefallen: „Es gibt keine Schulen für Bräute", nun wind die Pädagogik alsbald ihren letzten, ihren größten Fortschritt vollziehen. Wir werden zu Fachschulen gelangen, in denen der Lehrplan ausschließlich den Bedürfnissen der Bräute angepaßt ist. .In dem neuesten Heft der „Frauen-Rund- schau" wird sie Notwendigkeit der Schulen für Ehe- Aspirantinnen überzeugend motiviert: „In jedem Berufe", so schreibt eine Frau Carola, „dem ein Mädchen sich widmet, wird eine gründlicye und gediegene Vorbildung verlangt, gute Zeugnisse, und womöglich schon eine Zeit der praktischen Arbeit auf diesem Gebiete. Wie steht es aber mit unseren Bräuten, mit den Mädchen, die dem schönsten und heiligsten Berufe sich widmen wollen, dem der Hausftau und der Mutter?"
Ferner zur näheren Erläuterung:
„Eine Braut soll nicht nur aus dem wirtschaftlichen Gebiete und im Haushalt gut Bescheid wissen, sondern vor allen Dingen auf dem Gebiet der Kindespflege und -Erziehung. Was ist denn wichtiger: ob ein Braten mit oder ohne Sahne zubereitet wird, oder: welches sind die besten Ersatzmittel für Muttermilch für den Säugling? Aber von solchen „heiklen" Dingen darf man ja als Braut garnicht reden, wenigstens heutzutage leider noch nicht! Deshalb sollte jede Braut vor ihrer Verheiratung einen Kursus durchmachen, in dem sie theoretisch und praktisch in all den Dingen unterrichtet wird, die eine junge Mutter durchaus wissen muß."
Ich habe wörtlich zitiert. Jedermann fühlt auf den ersten Anhieb, daß es sich hier um die Anregung einer bedeullwgs- vollen Reform, um die Entwickelung eines ganz neuen Zweiges der Kurlst zu unterrichten handelt, um die Begründung des bisher gänzlich unangebaut gebliebenen Gebietes der Ehestands- pädagogik. Mit Freuden wird jeder Unbefangene dem Vorschläge der Frau Carola zustimmen. .Auch jede Unverheiratete. Denn niemand ist vor seinem Tode glücklich zu preisen, und cs kann im Jahre 1905 schon verheiratet sein, wer im Jahre 1904 noch seine rauhe Seele an den schlimmsten Schwiegermutterwitzen erlabte.
Indessen ist niemals in der Welt eine große Reformidee Wirklichkeit geworden, ohne daß sich ihr tausend Schwierigkeiten entgegengetürmt hätten. Wer soll den Bräuten den dringend erwünschten Unterricht geben? Frau Carola hat Recht: Wer spricht gern mit einer Braut über Kindererziehung? Die einzigen Menschen, die das heutzutage ungescheut tun, sind die katholischen Geistlichen, wenn sie den bekannten Revers unterschreiben' lassen, der ihrer Kirche die Anrechte auf die Seelen der aus einer ncubegründcten Ehe ins «Piel kommt. Im übrigen werden sich diese Herren selbst nicht für kompetent halten, den von der „Frauen-Ruudschau" empfohlenen Unterricht zu erteilen aus Gründen, deren Erörterung zu weit führen würde. Vielleicht .aber verstehen sich bewährte „weise Frauen" zur Abhaltung eines Kleinkinderbehandlungskursus. . Sie haben ihrerseits das Fach erlernt; sie haben ein Examen über ihre Befähigung av- gelegt, und^wenn, Ivie dies in Preußen fast selbstverständlich ist, ihnen der Ltaat bei treuer Pflichterfüllung einen ansprechenden Amtstitel beilegt, etwa „Brauträtin" oder dergleichen, so geht der Beruf der Wehemütter schöneren Zeiten entgegen. Ihm werden sich alsdann aus den Kreisen der „Damcnbewegung" manche Frauenrechtlerinnen zuwendcn, die den Hebammenberuf bisher von oben herab angesehen und gemeint haben, die Frau, die sich um das leibliche Wohl ihrer Brüder und Schwestern bekümmern wolle, dürfe dies unter dem Tr. med. nicht tun.
Wer es hieße den ehrenwerten Stand der Bräute herabdrücken, wenn man in den Brantschulen sich nur auf das beschränken wollte, was man in jeder „Krippe" in mehr oder minder kürzer Zeit lernen könnte. Soll die Brautschule das Ansehen genießen, das ihr im inodernen Völkerleben zukommk, so muh in ihr alles gelehrt werden, was einer allen Ansprüchen der Neuzeit gerecht nordenden Gattin zu wissen srvmmk. ^Ns-


