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Hol's der Teufel, er denkt nur ans Essen!" brummte der Philosoph Milkin mit einer verächtlichen Grimasse.Gibt es im Leben denn wirklich keine anderen Interessen als Pilze und Pasteten?"

Nun, also vor der Pastete muß man eins trinken", fuhr der Sekretär mit halber Stimme fort. Er war schon so in den Zug gekommen, daß er, wie eine schlagende Nach­tigall, nichts mehr außer seiner eigenen Stimme horte. Die Pastete' muß appetitlich und schamlos in ihrer rosigen Nacktheit sein, damit sie verführerisch tvirkt. Man blinzelt ihr zu, schneidet sich ein Stück ab und macht nur so mit den Fingern vor Ueberfluß an Gefühl. Wenn man sie ißt, träufelt die Butter wie Tränen herunter . . . Die fette/ saftige Füllung mit Ei, Gekröse, Zwiebeln. . ."

Dem Sekretär gingen die Augen über und er verzog den Mund bis an das eine Ohr.

Der Ehrensriedensrichter räusperte sich und machte eine Geste, aus der man ersehen konnte, wie lebhaft er sich die Pastete vorstellte.

Das rst ja weiß der Teufel was" Brummte der MZzirksfriedensrichter, zu dem anderen Fenster hinüber- ^gehend.

Zwei Stück ißt man und das dritte hebt man sich zu der Kohlsuppe auf", fuhr der Sekretär begeistert fort.So­bald Sie mit dep Pastete fertig sind, lassen Sie gleich, ohne den Apparat einschlafen zu lassen, die Kohlsuppe auf­tragen Kohlsuppe muß brennend heiß sein. Am besten aber, mein Berehrtester, ist ein Borstschok aus Beeten auf kleinrussische 'Art mit etwas Schinken und Wiener Würsteln. Dazu wird saure Sahne und frische Petersilie mit etwas Dill genommen. Vorzüglich ist auch eine Rassoljnik-Suppe mit Gekröse und jungen Nieren; lieben «sie dagegen Bouillonsuppen, so ist die beste die Julien-Suppe aus Ge- müse und Kräutern: Karotten, Blumenkohl und ähnliche Jurisprudenz."

Ja, die schmeckt vorzüglich" redete der Präsident, den Blick vom Papier losreißend. Aber er kau: sogleich! wieder zur Besinnung und stöhnte:Daß Sie sich nicht schämen! Aus diese Weise werde ich mit meinerbesonderen Meinung" vor dem Wend nicht fertig! Den vierten Bogen muß ich wegwerfen!"

Gut, gut, sich werde nicht mehr Verzeihen Sie!" entschuldigte sich der Sekretär und fuhr fort zu flüstern:

Sobald Sie den Borstschok oder die Suppe gegessen haben, mein Berehrtester, lassen Sie sofort^ den Fisch aus­tragen. Bon den Zischen ist der beste in Lahne gebratene Karausche; nur muß jntan sie, damit sie fein wird und nicht nach dem Sumpf schmeckt, vorher vierundzwanzig Stunden lebend in Milch halten."

Auch ein kleiner Sterlett ist Nicht übel", sagte der Ehrenfriedensrichter, die Augen schließend.

Aber sofort und ganz unerwartet sprang er auf, machte ein wütendes Gesicht und brüllte, nach dem Präsidenten gewandt:

Pjotr Nikolaitsch, sind Sie bald soweit? Ich kann nicht länger warten! Ich kann nicht!"

Lassen Sie mich nur zu Ende schreiben!"

'Ra, dann fahr ich! allein! Hol' Sie der"

Der Dicke machte eine ungeduldige Geste, griff nach, dem Hut und lief, ohne sich zu verabschieden, zum Zimmer hinaus.

Der Sekretär seufzte auf, und fuhr, zum Ohr des Pro- kureuradjunkts gebeugt, mit halber Stimme fort:

Auch Sandart oder Karpfen mit einer Tunke von To­maten und Pilzchen ist gut. Aber Fischs macht einen nicht satt, Stepan Franzitsch; das ist kein reelles Essen, und die Hauptsache bei ne Mittag sind nicht der Fisch, nicht die Saucen, sondern der Braten. Welches Geflügel schätzen Sie am meisten?"

Der Prokureursadjunkt machte ein saures -Gesicht und sagte mit einem Seufzer:

Ich kann Ihre Gefühle leider nicht teilen: ich leide an einem Magenkatarrh."

Ach was! Magenkatarrhe haben die Aerzte erfunden! Diese Krankheit kommt mehr vom Freisinn und vom Stolz. Beachten Sie sie gar nicht. Sie möchten, wollen wir sagen!, nicht essen, oder es ist Ihnen widerwärtig; achten Sie aber nicht darauf und essen Sie ruhig. Wenn zum Beispiel als Braten ein Pärchen Doppelschstepfen aufgetragen wird und dazu ein RebHühnchen oder ern Pärchen fetter Wachteln, jda vergessen Sie jeden Katarrh, Ehrenwort! Und ein ge­

bratener Truthahn? Weiß, fett, saftig, wissen Sie, wie so 'ne Schmphe

Ja, das muß wohl gut schmecken", sagte mit einem trüben Lächeln der Prokureursadjunkt.Truthahn würde ich vielleicht auch essen."

Mein Gott, und Ente? Wenn Sie eine junge Ente nehmen, so um die ersten Herbstfröste, wenn die Ente viel­leicht zum erstenmal übers Eis gelaufen ist, und sie auf der Pfanne mit Kartoffeln braten und zwar so, daß die Kartoffeln fein zerschnitten sind und schön braun werden und vom Entenfett ordentlich durchjagen sind und"

Der Philosoph Milkin machte ein bestialisches Gesicht und wollte offenbar etwas sagen. Aber plötzlich schmatzte er mit den Lippen, sich wahrscheinlich die gebratene Ente vorstellend, nahm, ohne ein Wärt zu sagen, seinen Hut und lief davon, von einer unbekannten Kraft getrieben.

Ja, vielleich!t würde ich! auch Ente essen" seufzte der Prokureursadjunkt.

Der Präsident stand auf, ging einmal durch das Zim­mer und setzte sich wieder.

Nach dem Braten beginnt der Mensch ein Gefühl von; Sattigkeit zu empfinden und verfällt in einen süßen Dusel", fuhr der Sekretär fort.Der Körper fühlt sich dann wohl und das Gemüt schwelgt in Seligkeit. Da werden Sie; etwa drei Gläschen im Ofen selbst abgezogenen Likörs! nicht ohne innere Befriedigung zu sich nehmen können."

Der Präsident räusperte sich und durchstrich einen Bogen.

Ich verderbe den sechsten Bogen", sagte er ärgerlich. Das ist doch"

Schreiben Sie, schreiben Sie nur, Berehrtester", flüsterte der Sekretär.Ich werde nicht mehr . . . Ich m-ach's leise. Ich muß Ihnen aufrichtig sagen, Stepan Franzitsch', fuhr er in kaum hörbarem Flüsterton fort/ ein selbst abgezogenes Likörchen ist besser als jeder Cham­pagner. Gleich nach dem ersten Gläschen geht Ihre Seele in Verzückung auf so 'ne Fata Morgana und es kommt Ihnen vor, als säßen Sie nicht 'bei sich zu Hause imj Lehnstuhl, sondern irgendwo in Australien auf einem! weichen, sich sanft wiegenden Straußenrücken"

Ach, fahren wir doch, Pjotr Nikolaitsch!" sagte der Prokureursadjunkt, ungeduldig mit dem Bein zuckend. Jawohl", fuhr der Sekretär fort.Während des Likörs' ist es gut, eine Zigarre zu rauchen und Ringe in die Luft zu blasen. Da kommen einem so phantastische Gedanken! in den Kopfals wären Sie Generalfeldmarschall, oder als hätten Sie die erste Schönheit der Welt zur Frau und diese schöne Frau schwimmt den ganzen Tag über vor Ihren Fenstern in so einem Bassin mit Goldfischen herum. Sie schwimmt so umher, und Sie sagen zu ihr nur: Komm, Schätzchen, küß mich!"

Pjotr Nikolaitsch!" stöhnte der Prokureursadjunkt auf.

Ja" fuhr der Sekretär fort.Wenn Sie ausge- raucht haben, nehmen Sie die Schöße Ihres Schlafrockes auf undnur auf ein Piertelstünchen"! Sie legen sich so auf den Rücken, mit dem Bauch nach oben und nehmen eine Zeitung in die Hand. Wenn die Augen einem zukleben und der ganze Körper si chschläfrig dehnt, ist es ganz an­genehm, über Politik zu lesen: hier hat Oesterreich irgend etwas schlecht gemacht, dort ärgert sich jemand über Frank­reich oder der Papst kommt jemandem in die Quere man liest das alles und es wird einem ordentliche wohl dabei"

Der Präsident sprang auf, warf die Feder beiseite und griff mit beiden Händen nach dem Hut.

Der Proküreursgehilfe, der seinen Katarrh vergessen hatte und vor Ungeduld verging, sprang ebenfalls auf.

Fahren wir!" rief er.

Pjotr Nikolaitsch! Und Ihrebesondere Meinung", rief der Sekretär erschrocken.Wann werden Sie die denn ausfetzen? Sie müssen doch um sechß Uhr zur Stadt!"

Der Präsident machte eine abwehrende Geste, und stürzte nach der Tür.

Der Prokureursadjunkt machte ebenfalls eine abweh­rende Geste, nahm sein Portefeuille und verschwand 'mit dem Präsidenten.

Der Sekretär seuszte auf, blickte ihnen vorivurfsvoll nach und begann die Akten zusammenzu legen.