Ausgabe 
24.9.1904
 
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1964.

Samstag den 24. Septemver^v

SJI

Dis Sirene.

Won Anton T f äji echöf f.

(Nachdruck verboten.)

Nach einer Sitzung des Stschien Friedensrichterplenums hatten sich die Richter in dem Beratungszimmer versam­melt, um ihre Uniformröcke abzulegen, einen Augenblick aus­zuruhen und dann ncd): Hause zum Mittag zu fahren.

Der Präsident des Plenums, ein stattlicher Herr mit pompösem Backenbart, der bei »einem der soeben verhandel­ten Prozessebei besonderer Meinung" geblieben war, saß letzt am Tische und beeilte sich) diese seine Meinung schrift­lich niederzulegen.

Der Bezirksfriedeusrichter Milkin, em jjunger Mann Mit einem melancholischen, sehnsuchtskranken Gesicht, der für einen mit dem Milieu unzufriedenen und nach einem Lebenszweck suchenden Philosophen galt, stand am Fenster und blickte trübselig auf den Hof hinaus. Der andere Be­zirksfriedensrichter und einer der beiden Ehrcnfriedens- pichter waren schon gegangen.

Der andere Eh r en fr ie d en s r ichter, ein schwammiger, schwer atmender dicker Herr, und der Prokureursadjunkt, ein junger Deutscher mit einem katarrhalen Gesicht, saßen auf dem kleinen Divan und warteten, bis der Präsident mit dein Schreiben fertig würde, um dann zusammen zürn .Esserr zu fahren.

Bor ihnen stand der Sekretär des Plenums, Shilin, ein kleines Männchen, mit Bartansätzen bei den Ohren und süßern Gesichtsausdruck. Mit halber Stimme und einem honigsüßen Lächeln sprach er, zum Dicken gewandt:

Wir möchten jetzt freilich alle essen, denn wir sind Müde und die Uhr geht schon aus vier, aber das, mein Herz­chen, Grigori Ssawwitfch ist doch nicht der richtige Appetit. Den richtigen Appetit, wahren Wolfshunger, wo man, glaube ich, seinen eigenen Water auffressen könnte, hat man nur nach physischer Bewegung, zum Beispiel nach einer Parforcejagd, oder wenn man so hundert Werst ohne Unterbrechung mit Postpferden gefahren ist. Auch die Ein­bildungskraft macht viel aus. Wenn Sie zum Beispiel Von der Jagd nach Hause fahren, so dürfen Sie niemals an etwas Kluges denken; das Kluge und Gelehrte verdirbt einem immer den Appetit. Sie wissen ja selbst: die Philo­sophen und Gelehrten sind, was das, Essen anlangt, die allerletzten Leute und schlechter als sie essen Sie ver­zeihen fressen nicht mal die Schiweinp. . . Wenn man nach Hause fahrt, muß man nur an die Karaffe und an die Sakuska denken. Einmal schloß ich unterwegs die Augen Und stellte mir in der Phantasie ein Spanferkel mit Meer- rettig vor ich bekam vor lauter Appetit beinahe einen hysterischen Anfall. Ja, und wenn Sie zu sich in den Hof einsahren, muß es gerade nach etwas. . . nach etwas . . . so etwas riechen, wissen Sie. . ."

Gebratene Gänse haben das Duftest los", sagte der Landfriedensrichter schwer atmend.

Ach nein, mein Verehrtester Grigori Ssawwitfch eine Ente oder eine Bekassine ist der Gans darin bei weitem! voraus. Dem Bukett der Gans fehlte es an Zartheit und Delikatesse. Am kräftigsten riechen junge Zwiebeln, toenttj sie, wissen Sie, etwas aubrxnnen rind durch das ganze Haus zischen, die Kanaillen. . . Nun also, wenn Sie eintreten; muß der Tisch schon gedeckt sein. Sie setzen sich, steckest gleich die Serviette hinter die Binde und langen ohne Eile na chder Schnapskaraffe. Und das Schnäpschen gießen St« sich nicht in ein Spitzglas ein, sondern in irgend so einest vorsintflutlichen silbernen Familienbecher, oder in so eist dickwanstiges Gläschen mit der Aufschjrift:Auch, eist Mönch, ein krasser, trinkt nicht immer Wasser I" Und Si« trinken nicht gleiche sondern seufzen zuerst auf, reiben sich die Hände, werfen einen gleichgiltigen Blick an die Decke, führen dann das Schpäpschen ohne Eile an die Lippen( und sofort fühlen Sie, wie Ihren ganzen Körper Vorst Magen aus belebende Funken durchzucken. . ."

Der Sekretär verlieh seinem süßen Gesicht den Ausdruck! von Glückseligkeit.

Funken. . ." wiederholte er, die Augen zukneifestd, Sobald Sie getrunken haben, müssen Sie sich gleich an dis. Sakuska machen."

Hören Sie mal", sagt der Präsident, seine Augen zu dem Sekretär erhebend,sprechen Sie etivas leiser! Ich verderbe Ihretwegen schon den zweiten Bogen."

Ach, entschuldigen Sie, Pjotr Nikolaitsch! Ich werde leiser . . ." sagte der Sekretär und fuhr im Flüsterton fort? ,Mun, und die Sakuska, mein verehrter Grigori Ssaw-, witsch, muß man sich; auch mit Berständnis auswählen. Man muß wissen, was sich dazu eignet. Die beste Sakuska ist, wenn Sie es wissen wollen, her Hering. Haben Sie davon ein Stückchen mit Zwiebeln und Senfsauce gegessen), mein Bester, so nehmen Sie gleich solange Sie noch die Funken im Magen spüren, etwas Kaviar allein für sich oder, wenn Sie wollen, mit Citrone dann gewöhnlichen! Rettig mit Salz, dann wieder Hering. Am besten aber, meist Liebster, sind diese rötlichen Pilze, die Brätlinge, gesalzen, ganz fein wie Kaviar geschnitten und mit Zwiebeln und Provenecröl angemacht... da kann man sich krank drast essen! Und nun gar Aalquappenleber das ist schon das! reine Epos!"

Hm, ja. . ." stimmte der Ehrenfriedensrichter, di« Augen zukneifend, bei.Als Sakuska sind auch. . . hist, gedünstete Steinpilze gut."

Ja, ja, ja mit Zwiebeln, wissen Sie, mit Lorbeer und verschiedenem Gewürz. Man öffnet die Kasserolle und aus ihr steigt so ein Dampf, so ein Pilzaroma, daß einem zuweilen sogar Tränen in die Augen kommen! Nun also, sobald aus der Küche die Pastete kommt, gleich ohne Zett zu verlieren, den zweiten hinter die Binde."

Iwan Jurjitsch!" sagte mit weinerlicher Stimme der Präsident.Ihretwegen, verderbe ich jetzt den drittest Bogen!"