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Laben, die ihnen das Privilegium der „besseren Halste" raubt. In einem einzigen Raume sind viele Hunderte der verschiedensten kunstgewerblichen Kleinigkeiten zusammengedrängt worden: Gläser und Lampen, Bilderrahmen und Spiegel, Bucheinbände und Stickereien — kurz eine ziemlich wahllose Kollektivausstellung.
Ich stand gerade mit einem bekannten Berliner Architekten auf der Schwelle dieses . . . dieses Speichers und wir sprachen davon, wie unvorteilhaft sich diese kritiklose Anhäufung von den anderen geschmackvoll eingerichteten Zimmern unterscheidet, als neben uns ein amerikanisches Ehepaar austauchte, das mit großer Freude konstatierte, neben all' den anderen „leeren" Räumen endlich ein wohnliches Zimmer gefunden zu haben. Das ist amerikanischer Geschmack. Man stellt soviel Möbel in ein Zimmer, wie man irgendwie unterbrsilgen kann und hat für eine geschmackvolle architektonische Anordnung der Möbel, unter sorgfältiger Vermeidung jeder Ueberladung, keinerlei Verständnis. Es ist deshalb sehr fraglich, ob die deutschen Zimmereinrichtungen hier einen praktischen Erfolg haben werden. Am meisten zu gönnen wäre ein solcher unstreitig Proftssor Alsted Grennnder, der zwei imposant vornehme Interieurs ausgestellt hat. Die Einzelheiten lassen auch hier freilich die Sicherheit vermissen, die vorher den Japanern nachgerühmt wurde. Als Beispiel sei eine kleine Kaminnhr genannt, die auf einem hohen Gehäuse angebracht ist, wie man es sonst für Standuhren verwendet. Oeffnet man den Kasten, in dem sich die Gewichte zu befinden pflegen, so sieht man ins Leere. Diese „Täuschung" des Beschauers ist einer der schlimmsten Fehler, von dem wir uns leider noch immer nicht befreien können.
Tiefer Widerstreit zwischen der konstruktiven Form eines Gebrauchsgegenstandes und feiner äußeren Hülle feiert manchmal wahre Triumphe. So hat Peter Behrens für einen Bibliothek- faal Beleuchtungskörper geschaffen, die einem Vogelbauer so ähnlich sehen, daß man sich ihre „Belebung" durch Zeisige oder Stieglitze wirklich herbeiwünscht. Eurt Stöving hat Stühle ausgestellt, die offenbar für irgend ein noch unbekanntes Riesenvolk bestimmt find, denn ihre Lehnen find fast genau so hoch wie eine danebenstehende große Standnhr. ,Und selbst Joseph Olbrich hat Stühle entworfen, bei denen der hellgrüne Seidenbezug der Sitzfläche vorn bis beinahe auf die Erde hinabgeführt ist!!
Nichtsdestoweniger muß Olbrichs „Sommersitz eines Kunstfreundes" als d er Clou dieser' Abteilung bezeichnet werden. Um einen architektonisch großzügig gegliederten Hof, dem ein überaus eigenartiger Springbrunnen heitere Anmut verleiht, zieht sich ein offener Gang, an dem etwa zehn verschiedene Zimmer belegen sind. .Jedes von ihnen zeigt als Wohnraum einen anderen Charakter und die ganze Anlage bot überaus glücklich die Gelegenheit, die verschiedensten Innendekorationen zu zeigen.
Leider kann das Publikum den vollen Wert dieser Anlage nicht kennen lernen, da jedes Zimmer durch Stricke abgesperrt worden ist. Den Grund hierfür bot die wahrhaft erschreckende Anhäufung von" Diebstählen. Was nicht niet- und nagelfest war oder beständig bewacht wurde, war der Gefahr ausgesetzt, entwendet zu werden. Die Wächter gaben sich alle Mühe, die Diebe zu fassen, aber diese benutzten die Zeit, in der man sie in den Olbrich'scheu Zimmern erwartete, dazu, um in Ruhe das Frühstück der Aufpasser zu verzehren. Das amerikanische Sprüchwort „Zeit ist Geld'" findet' eben auch auf diesem Gebiete seine. Anwendung und die Langfinger halten den achtstündigen Arbeitstag nicht inne. Zn der vergangenen Nacht haben sie mit großem Geschick in der deutschen Koloniulabteiluno eine Kassette geöffnet und für viertausend Mark Granatsteine daraus entnommen. Unter diesen Umständen haben es verschiedene Regierungsvertreter schon jetzt für angebracht gehalten, die Repräsentationshäuser ihrer Nationen nur noch für eingeladene Gäste zu öffnen. Wieder andere drohen mit der Schließung .ihrer Häuser, die in einem Falle sogar schon durch- geführt ist, weil die Zugangswege so unbeschreiblich vernachlässigt sind, daß die Teppiche und der Fußboden durch den hereingetragenen Schmutz völlig ruiniert zu werden drohen.
So steht es schon heute, nachdem die Ausstellung erst fünf Wochen geöffnet ist; wie wird es erst am Schlüsse sein?! Der Charakter der hiesigen Bevölkerung äußert sich immer stärker in der Richtung .daß die Aussteller bestrebt sind, .ihre Waren der allgemeinen Besichtigung mehr und mehr zu entziehem Da nun ohnedies die Ausstellungshäuser wochentäglich um 6 Uhr abends geschlossen und an den Sonntagen aus Gründen der „Frömmigkeit" überhaupt nicht geöffnet werden, so wird bald gar keine Gelegenheit mehr fein, sich.eingehend mit der Ausstellung zu beschäftigen.
Dasselbe Publikum, dem der Sonntag zu heilig ist, um ihn zum Besuche einer ernsten Ausstellung zu benutzen, verwendet ihn dazu, um in ungeheuren Massen einen — Stierkampf anzusehen. In einer gewaltig.großen, eigens zu diesem Zwecke erbauten Arena sollte gestern dieses blutige Schauspiel zum erstenmale stattfinden. ,Etwa 6000 Personen waren anwesend und die Vorstellung hatte mit der Vorführung von allerlei Reiterkuuststücken bereits begonnen, als plötzlich der Sheriff einfchritt und die Fortsetzung verbot. .Die Besucher waren so empört, daß man ihnen ihr harmloses Vergnügen störte, daß sie tumultuarisch ihr Geld zurück begehrten und als ihnen dieses nicht sofort ausgezahlt wurde, ttrrt Demolierung .der ganzen Anlage begannen, deren klägliche
Ueberreste schließlich jin Brand gesteckt wurden. Der ganze Vor- 8äug bot ein unbeschreibliches Bild schlimmster Verrohung. So.
eht in Wahrheit das Volk dieser Kulturstadt aus, die eine Welt-i ausstellung .abhält. .Noch jämmerlicher ist die Entschuldigung, die die Behörden heute für ihr merkwürdig spätes Einschreiten ait<> geben. .Sie behaupten nämlich, daß.der Unternehmer ursprünglich versprochen hätte, die Stiere mit — Korkmänteln zu umgeben, in denen die Spieße stecken bleiben sollten. Erst als man sah, daß er dieses Versprechen anscheinend nicht halten wollte, habe man die Vorführung unterbrochen. So unterstützen die hiesigen Bei Hörden den lächerlichsten und widerlichsten Humbug!
Der erfinderische Korkmanteltore-chor wäre beinahe gelyncht worden. .Und auch unter der erregten Menge selbst schien es anfänglich .zu blutigen Kämpfen zu kommen. Die kostbaren Stiere brachen aus und entkamen. So entgingen sie wenigstens dem Flammentode. Auch die anderen Bestien wurden alle gerettet . .. j -
Literarisches.
=== Von der 17. Auflage des altbewätzrtest Hausbuchs „Dr. Bocks Buch vom gesunden und kranken Menschen" (20 Lieferungen zu je 30 Pfg., Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, Berlin Leipzig) sind uns soeben die Lieferungen 11 bis 16 zugegangett. Das in tausenden von Familien eingeführte Werk wird somit in.Kürze vollständig vorliegen. Es sei unfern Lesern hiermit erneut empfohlen.
Der Nährwert des Kakaos wird sehr häufig überschätzt, und die irrtümliche Annahme ist weit verbreitet, daß eine Tasse Kakao, wenn sie auch mit Wasser bereitet ist, sehr nährwertig wäre. Gewiß hat, so schreiben die „Blätter für Volksgefundheitspflege", Kakao gegenüber Kaffee und Tee, seinen Konkurrenten auf dem Gebiet der Genußmittel, einen hohen Nährwert, der besonders in Fetten und Eiweiß besteht. Abgesehen aber davon, daß das Fett der Kakaobohne in dem in den Handel gebrachten Kakao zum großen Teil fabrikmäßig entfernt wurde und jener Gebrauchskakao als der beste gilt, welcher der fettärmste ist, möge man doch auch die Menge in Betracht ziehen, die tatsächlich zu einer Tasse Kakao verwendet wird. Wenn auf 100 Gramm Wasser drei Teelöffel Kakao genommen werden, so werden die meisten Hausftauen das schon für sehr, reichlich halten. Diese drei gehäuften Teelöffel Kakao sind höchstens 20 Gramm, und wenn man im Kakaopulver durchschnittlich 30 Prozent Fett und 15 Prozent Eiweiß annimmt, so hat eine solche Tasse sehr starken Kakaos doch nicht mehr als 3 Gramm Eiweiß und 6 Gramm Fett. Selbstredend sind auch diese geringen Nährwerte immer besser als keine; aber daß sie nur gering, sind, müßte jedem bekannt sein, der eine Tasse Kakao genießt oder genießen soll, und die unklare Vorstellung des Publikums über den großen Nährwert des Kakaos muß auf das richttge Maß zurückgeführt werden, damit häufiger, als es heute der Fall ist, und zwar vor allem bei den Kindern, statt Wasser zur Bereitung des Kakaos Milch genommen werde, wodurch natürlich das Gettänk einen viel höherwertigen Nährcharakter erhäll. Auch durch reichlichen Zusatz von Zucker zur Tasse Kakao kann diese nahrhafter gemacht werden. Freilich sättigt sie dann auch sehr erheblich und verringert den Appetit gegenüber nährwettigeren Zuspeisen. Das letztere gilt in Micher Weise wegen ihres-- hohen Zuckergehaltes für die Schokolade, und ohne Kakao oder Schokolade diskreditieren zu wollen, ist es doch entschieden richtiger, bei Widerwillen nicht zu ihrem Genuß zu zwingen, sondern in einer Tasse leichtem Tee und einem bis zwei Eiern ein Frühstück zu bieten, welches an Nährwert und auch vielleicht an Verdaulichkeit- bedeutend günstiger beurteilt werden muß; denn mit einem Ei führen wir dem Körper durchschnittlich 6 Gramm Eiweiß und 15 Gramm Fett zu. Auf der Jagd und bei Bergtouren hat natürlich die Schokolade eine andere Bedeutung als im gewöhnlichen. Haushalt, und es wird dem Jäger und dem Wanderer stets zu empfehlen sein, sich in reichlicher Menge mit diesem Präparat zu versehen, welches wenig Raum einnimmt und doch den Hungrigen und Ermüdeten in vorzüglichster Weise zu erquicken vermag. Im Hause aber können Kakao und Schokolade nur als Frühstücks- form empfohlen werden, und wo Neigung zu Verstopsimg besteht, sollte man auf beide lieber gänzlich verzichten.
Merkrätsel.
(Nachdruck verboten.)
Waldemar, Ehrenwort, Verfehlung, Salomo, Schleuder.
Bon jedem Wort sind zwei nebeneinanderstehende Buchstaben zu merken. Diese Buchstabenpaare müssen im Zusammenhang gelesen einen dem Verkehr dienenden. Raum bezeichnen.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Zahlenschrift in vor. Nr. r
Das Leben ist der Güter höchstes nicht . . . (Schlüssel: Asien, Rügen, Dante, Blei, Schönheit).
Redaktion-. August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcu Aniversitäts-Buch- und Ctciudrrickerei. R. Lange, Gießen.


