Ausgabe 
24.6.1904
 
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WettausstellungsSriefe.

Von Paul Gartmann.

3. Der Wett st reit der Nationen.

St. Louis, Anfang Juni.

Japanische Kultur. Der japanische Pavillon. Deutsche Kunst­ausstellung. Das deutsche Kunstgewerbe. Diebstähle auf der Ausstellung. Schlechte Wege. Ein Stierkampf.

Geht man jetzt durch den Vergnügungspark der Ausstellung, so kann man zwischen den lärmhaften Ausschreiern, die das Publikum für Kiesenmenagerien und andere Bestien anlocken,

einen kleinen, schmächtigen Japaner bewundern, der unbeküm­mert um seine Umgebung in grösster Ruhe damit beschäftigt ist« ein großes Holzhaus mit dekorativen Malereien zu schmücken. Er hat eine Reihe Farbcntövfe neben sich und malt aus freier Hand, ohne jede Schablone oder Vorzeichnung, Blumenstücke uni» Tiere. Er malt Hunderte von Füllungen, aber niemals kehren dieselben Motive wieder. Je länger man ihm zusieht, desto größer wird die Bewunderung für das beinahe unbegreiflich« techniche Können, das hier ein einfacher Handwerker an den Tag legt und das allen fernen Landsleuten wie etwas selbstverständ­liches erscheint. Ohne Uebertreibung darf man sagen, daß man bei uns bis in die Reihen der hervorragendsten Kunstmaler hinaufsteigen müßte, um diese verblüssende Sicherheit des Far­bengeschmackes und der Raumkomposition zu finden.

In der Arbeit dieses Handwerkers spricht sich der entscheidend? Zug aus, der den Japanern hier auf allen Gebieten der Aus­stellung einen Erfolg verschafft hat, dem man geradezu eine welt­historische Bedeutung zusprechen muß. Die unerhörteSicher­heit", die sie in der Gestaltung des größten Kunsttverkes und des kleinsten Gebrauchsgegenstandes übereinstimmend bekunden, ist von einer Großartigkeit, die mit Worten nicht gewürdigt wer­den kann. Eine kulturelle Tradition vieler Jahrtausende hat auf diesem asiatischen Jnselreiche in allen Bevölkerungsschichten einen so feinen Geschmack herausgebildet, daß man ganz in­stinktiv in allen Punkten dasRichtige" trifft. Auf keinem Bilde gibt es Verzeichnungen oder nicht zusammenklingende Far­ben. Jeder Gegenstand des Kunstgcwerbes hat die Form, die ihm seinem Charakter nach notwendig ist. Nirgends wird man finden, daß Ledcrtapeten aus Papier gemacht werden oder Eisenkonstruk­tionen holzartig angestrichen werden, daß ein Damcnsalon aus- sieht wie eine unterirdische Katakombe oder ein Eßtisch wie ein Sarg. Es gibt in diesem Sinne nichtsFalsches". Als vor wenigen Tagen das Rcpräsentationshaus der japanischen Nation eröffnet und hierbei den Spitzen der Gesellschaft ein kleines Fest gegeben wurde, tuschelten sich viele Europäer das Wort von dergelben Gefahr" zu. Dieses kleine Haus, das auf einem Hügel liegt, dessen Abhänge zu einem Garten ausgestaltet sind, ist der ästhetisch schönste Punkt der ganzen Weltausstellung. Der Garten an sich ist ein kleines Meisterwerk. Anmutig, farbenfreudig, im besten Sinne abwechselungsreich, hat er nicht eine Stelle, die tot oder leer wirkt. Einzelne Plätze, die man ihrer besonderen Lage wegen nicht anders ausgestalten konnte, hat man kühü Llurch die Aufstellung einzelner großer Basen oder Bronzen belebt. Das hat zunächst etwas befremdendes, aber es läßt sich nichts Ernsthaftes dagegen sagen, denn in jedem einzelnen Falle paßt sich der aufgestellte Kunstgcgenstand so völlig der landschaftlichen Umgebung ein, geht seine Farbe so harmonisch mit dem Grün des Rasens und der Bäume zusammen, daß man staunend die intime Kenntnis der Gärtner für den wesentlichen Charakter einer jeden Erscheinung anerkennen muß.

Tarin besteht der große Unterschied zwischen den beiden Völkern, die hier, wie schon allgemein begriffen und anerkannt wird, um die Siegespalme streiten: zwischen Japan und Deutsch­land, daß bei den zähen und selbstbewußten Asiaten eine völlig fertige und in sich abgeschlossene Kultur zu konstatieren ist, während sich bei uns allerlei fremde Einflüsse kreuzen und ein emsiges Suchen und Ringen nach neuen Formen den Aus­schlag gibt. In unserer deutschen Kuustabteilung kommt das freilich nicht zum Ausdruck. Das ist der schwerste Vorwurf, der den zuständigen Behörden gemacht werden muß, daß sie durch den kleinlichen Streit mit den Sezessionen hier eine Bildersammlung zusammengestellt haben, die der Forderung, ein Ausdruck des Geistes zu sein, der unsere deutsche Malerei und Bildhauerkunst beherrscht, geradezu Hohn spricht. .Die überwiegende Anzahl der hierher gesandten Kunstwerke stammt aus jener traurigsten Epigoncnzeit unserer Kunst, in der die Maler überhaupt nicht den Ehrgeiz hatten,Maler" zu sein, also die Ausdrucksmög­lichkeiten der Farbe zu erschöpfen, sondern in der sie meist süß­liche und sentimentale Geschichtchen mit dem Pinsel erzählten. Alle die großen Schlagworte, die seit zwanzig Jahren und noch länger unsere deutsche Kunst in ihren tiefsten Tiefen aufgewühlt haben, scheinen für die Veranstalter der hiesigen deutschen Kunst­abteilung nicht zu existieren. Realistnus, Naturalismus, Frei­lichtmalerei, Impressionismus alles nur Ausdrücke fikr das heiße Streben nach künstlerischer Wahrheit sind nur aus einigen wenigen Arbeiten erkennbar, die sich wie durch einen Zufall hierher verirrt haben. '

Unvergleichlich viel besser ist hingegen die deutsche kunst­gewerbliche Abteilung, in der etwa sünzig völlig eingerichtete Zimmer von dem großen Eifer zeugen, mit dem zur Zeit von Malern und Architekten daran gearbeitet wird, bie Re- naissanceformen zu überwinden, die die zweite Hälfte des neun­zehnten Jahrhunderts beherrscht und in dem überwältigenden Muschclaufsatz" unseligen Angedenkens ihren reinsten Ausdruck gesunden hatten Die besten Kräfte unserer neuen kunstgewerb­lichen Entwicklung haben hier mitgearbeitet. Dennoch sind manche Ungeheuerlichkeiten schlimmster Art unterlaufen. Das ist in Zeiten des Kampfes nicht anders. In dem Bestreben, neu« Wege zu entdecken, geht man häufig in die Irre. Das Schlimmste haben in dieser Beziehung hier die Damen geleistet, die eine Sammlung vonTumbach", wie der Berliner sagt, hergeschickl

ist charakteristisch, daß L. erzählte, sein mächtiger 60 HP Mercedes, der über 100 Kilometer die Stunde zu machen im stände ist, sei lenkbar wie ein Kind. .Das Fahren damit sei ein Kinderspiel und er bedauere nur, daß das Vehikel nicht schneller sei. Er erwähnte die Bestellung eines 90 HP Mercedes und sagte, er freue sich schon darauf, diesen in Besitz zu nehmen. Sein Sechzigpferder sei ihm zu langsam.

Interessant ist, auf welche Weise Baron Leitenberger zu semem neuen Sechzigpserder kam und daß dieser Wagen eigentlich ein rechter Unglückswagen ist. Jin Sommer 1902 verun­glückte der ehemalige Radrennfahrer Paul Alberts auf einer Trainingfahrt für das Rennen Paris-Madrid; er fuhr bei In g e l - heim auf seinem 60 HP Mercedes im Renntempo, wobei er eine Mulde in der Straße Nicht rechtzeitig geivahr wurde. Es erfolgte ein fürchterlicher Sturz, wobei Albert sein Leben ein­büßte. Jene Teile seines Mercedes-Wagens, die noch zu brauchen waren, wurden von der Fabrik bei dem'Sechzigpserder verwendet, mit dem Graf Zborowski im Frühjahre 1903 in Nizza das Turbie-Rennen bestreiten wollte. Graf Zborowski hat schon bei der ersten Biegung, wo sein Wagen an die Felsemnauer anprallte, den Tod gefunden.

Ten rekonstruierten Zborowski-Wagen, der, wie erwähnt, Teile des Albert-Wagens in sich hatte, erwarb der französische Konsul in Stuttgart, M. Pallu de la Barriere. Um dieselhe Zeit hatte Leitenberger einen 60pferdigen Mercedes bestellt, und da er nicht warten wollte, bis er fertig wurde, so kaufte er von Herrn Pallu den 60 HP, der, wie ftir seine früheren Besitzer, nunmehr auch für ihn ein Unglück-Wagen geworden ist. In dem genannten Blatte wird noch weiter geschrieben: Es gehört schon eine ziemlich physische Kraft dazu, um einen solchen Wagen bei einem Tempo von 90 bis 100 Kilometer in seiner Fahrbahn zu erhalten. Baron Leitenberaer war nichts weniger als ein Riese. So lange der Wagen auf der geraden Straße fuhr, konnte er ihn wohl noch meistern. Tas traurige Ereignis hat aber gezeigt, daß der Ver­unglückte einer sich plötzlich zeigenden kritischen Situation nicht gewachsen war. Seit Wochen fuhren die Rennfahrer die Renn­strecke fast täglich ab, um sich mit ihr nur recht vertraut zu machen. Wenn nun so erprobte Fahrer es nötig fanden, die Rennstrecke auf das allergenaueste kennen zu lernen, um sie ohne Zwischenfälle befahren zu können, wie schwierig mußte das Befahren dieser Route nun für einen Amateur sein, der sie nicht kannte und einen viersitzigen Tourenwagen lenkte, der mit seinen Passagieren ein Gewicht von mehr als 1400 Kilo gramm hatte! Man stelle sich die Situation vor: Baron Leitenberger, der nicht sehr kräftig war, saß am Steuer eines 60pferdigen Wagens und führ in einem Tempo von 90 bis 100 Kilometer. Plötzlich sah er sich .vor einer scharfen Kurve, die wahrscheinlich so gelegen war, daß sie erst im letzten Moment bemerkt werden konnte. Ter Renn­fahrer, der die Strecke schon wiederholt abgefahren hat, weiß, selbst wenn er im 110 Kilometer-Tempo und noch schneller fährt, daß jetzt diese und jene Kurve zu nehmen ist, und weiß nun auch, was er zu tun hat; er ist also auf die Situation, die er bemeistern soll, vorbereitet. .Hier ist aber ein Amateur, den das Rennfieber gepackt hat; er verliert die Geistesgegentvart und tut instinktiv das, was vielleicht einem Stärkeren, Geübteren gelingt, ihm aber fehlschlägt; er betätigt plötzlich alle ihm zur Verfügung stehenden Bremsen. Am Boden des Wagen, unter den Füßen des Fahrers, sind neben einander drei Pedale plaziert. Das äußerste linke dient dazu, den Motor auszuschalten, die beiden anderen sind Fußbremsen. Zur rechten Hand des Lenkers ist der Hebel der Handbremse, die auf beide Hinterräder wirkt. Wenn nun durch plötzliche Betätigung sowohl der Hand- als auch der Fuß­bremsen dem Trägheitsmoment der sich mit so enormer Geschwin­digkeit bewegenden kolossalen Masse entgegengearbeitet wird, so ist es nicht möglich, daß dieK entfesselte Kraft durch das brüske Bremsen plötzlich verschwindet; sie muß sich in irgend einer Art und Weise äußertr und es wird der Wagen zu schlettdern und eventuell sich zu drehen be g in neu. . .

SSarott Leitenberger war als überschneller Fahrer bekannt und ist von seinen Verwandten wiederholt gewarnt worden, seine Vor­liebe für üngetvöhnlich rasche Fahrten einzudämmen. Er hatte noch in der Vorwoche eine Fahrt Semmering-Wien in der Zeit von einer Stunde 22 Minuten gemacht und sich dieser Fahrt gerühmt. In automobilischen Kreisen war man hiervon peinlich berührt und man versuchte es, Baron Leitenberger begreiflich zu machen, daß derartige schnelle Fahrten auf öffentlicher Land­straße nicht geeignet sind, das Automobil bei dem großen Publi­kum beliebt zu.machen.