Ausgabe 
24.6.1904
 
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Man debattierte dann noch bis in den lichten Pfingst- morgen darüber, daß Zupitza so Knall und Fall Weg­gehen wollte. Und man forschte nach Gründen.

*

Gleich nach seiner Sprechstunde am Pfingstmontag vor­mittag ließ sich Zupitza übersetzen, um zur Bahn z>u fahren.

So entging er dem Besuch des Amtsrichters, der von der Kunde, sein Freund wolle die Praxis hier niederlegen, rein erschlagen" war.

Bei allen Begegnungen, die heute zwischen Gillern stattfanden, ward das Thema eifrig erörtert. Auch das Diner, das der Spediteur Behr aus Llnlaß der Verlobung seiner jüngsten Tochter gab Zupitza war nicht geladen worden, weil er im Frühjahr mehrmals abgesagt batte ftcunter dem Eindruck dieser sensationellen Meldung.

Was in Gill gesprochen ward, wußte man stets einen Tag später auf dem Schmalschen Werk. Von dort kolpor- uerte Sjojentin, dessen Wohnung sich in der nächsten Nach- barschast der Schmalschen Villa befand, alles Mssenswerte nach Sakuthen.

Ain Mittwoch nach Pfingsten brachte der Buchhalter gleich früh die Botschaft ins Bureau: Zupitza sei tags zuvor bei Frau Hartung, seiner Hauswirtin, gewesen und habe mit ihr ausgemacht, daß sein Nachfolger in den Miets­kontrakt eintrete. Doktor Wenglein treffe morgen mittag in Gill ein, Znpitza werde fast zur gleichen Stunde ab­reisen, denn er wolle bereits am Freitag von Hamburg aus mit dem neuen deutsch-brasilianischen PostdampserLa Plata" in See stechen.

Dauernd weg? Er will dauernd weg? Wohin? Wa­rums Dann wird er aber doch zuvor noch einmal Her­kommen?" fragte Dieter Lotz in höchster Erregung.Er hat es uns doch versprochen! Und warum in aller Welt will er uns verlassen? So plötzlich? Was ist ihm? Was fehlt ihm hier? Fränze weist Du? Mein Gott, das kommt ja so überstürzt!"

Fränze suchte müde zu erklären: es sei wohl bloß die Nervosität daran schuld, unter der Zupitza seit einigen Wochen leide. Sie stand so, daß der Kranke ihr Gesicht nicht sah. Sie preßte die Lippen aufeinander, um ge- waltsanc das Schluchzen zu unterdrücken, das aus ihrer Brust emporsteigen wollte das ihr schon die Kehle zu­sammenschnürte.

Kaum eine Stunde zuvor hatte sie einen Brief von Zupitza mit seinem letzten Lebewohl erhalten: er kam nicht mehr nach Sakirthen! Für Dieter treffe, wenn er fort sei, ein kurzes Abschiedsschreiben ein. Noch einmal ihm gegen­überzutreten, das brächte er nicht über sich. Seine Koffer waren gepackt. Er benutzte den letzten Zug, der heute abeud von Ußditten abging. Den Bekannten hatte er gesagt, daß er morgen in der Frühe reisen werde, denn er wollte von niemand zur Bahn gebracht sein. Von niemand wenn es sie nicht zu einem letzten Händedruck drängte, zu einem letzten, allerletzten Scheidegruß.

Das war nun das einzige, was ihr von ihm bleiben sollte, dieses armselige Blatt, das in bitteren, Hoffnungs­leeren Worten vom Scheiden und Meiden sprach.

Sobald sie entrinnen konnte, ohne daß Dieter Ver­dacht schöpfte, schlüpfte sie in ihr Zimmer im Giebel. Da warf sie sich auf ihr Bett und weinte, weinte. Es war ihr eine solche Wohltat, ihren dumpfen, quälenden Schmerz in Tränen sich auflösen zu lassen, in kaum versiegbaren, heißen Tränen.

*

Dieter wartete Stunde um Stunde in wachsender Spannung auf den Doktor.

Als es mittag ward, ohne daß Zupitza kam, tröstete ihn Fränze:Gewiß hat er sich vorgenommen, uns abends zu besuchen."

Sie wunderte sich selbst darüber, wie geläufig ihr diese bewußte Unwahrheit über die Lippen ging. Dieter war nur für eine SBteile beruhigt. Aber dann meinte er wieder, man sollte doch einmal telephonisch in Gill an fragen.

Als Fränze vom Apparat aus dem Bureau zu ihm zurückkehrte, schien sie ganz unbefangen, aber sie sah ihren Gatten nicht an.

Hast Du ihn gesprochen?"

Za, Bär. Es könnte spät werden neun Uhr viel­leicht Lider noch später aber er habe sich's natürlich fest vorgenommen."

Nun siehst Du!" sagte Dieter aufatmend.

Nachmittags sollten Alex und Theo dessen Ferren diesmal nur ein paar Tage gedauert hatten nach Ußditten zur Bahn gebracht werden. Pratje, der Theo abgeholt hatte, war mit ein paar Bekannten auf einer Pfingstfahrt durch Finnland unterwegs, daher hatte sich Frau Stojen- tin erboteu, die beide« Feriengäste im Sakuthener Wagen nach der Station zu bringen.

Als es Zeit ward, anspannen zu lassen, schickte Fränze aber rasch noch die beiden Jungen mit Süßigkeiten für die Stojentinschen Kinder zu der jungen Frau hinüber: sie danke ihr vielmals für ihr Anerbieten, aber sie wolle ihre kleinen Pfleglinge doch lieber selbst begleiten, sie habe Ge­schäfte in der Stadt, und auf der Rückfahrt müsse der Wagen noch zum Lachsfang nach Moikehmen, um dort eine bestellte Lieferung in Empfang zu nehmen.

Seit jenem stürmischen Frühlingssonntag hatte sie das Haus und den Kranken nicht mehr verlassen. Dieter war dadurch so verwöhnt, daß er ihren Entschluß fast ängstlich vernahm. Er rechnete die Zeit aus, die er hier allein bleiben würde. Wb sie noch so viel Einkäufe und Besorg­ungen zu erledigen hatte, konnte sie vor acht, halb neun Uhr nicht zurück sein. Vor der Einsamkeit graute es ihm seit damals noch sehr.

Nun, wenn dann der Doktor kommt, feiern wir noch einmal einen fröhlichen Abend", sagte er, sich zu einem Aufschwung zwingend.Ihr müßt musizieren. Ja, was meinst Du? Es geht mir ja leidlich und ich denke, es wird uns alle wieder ein bißchen auffrischen. Den Doktor auch." Er seufzte aus.Daß es freilich das letzte Mal sein soll nein, das will mir gar nicht in den Sinn. Man hat ihn doch lieb gewonnen. Nicht, Fränze?"

Sie nickte still vor sich hin.

Mehr und mehr versank er in schwermütiges Sinnen.

Collenberg ging, Pratje ging Zupitza geht nun wandern auch die Jungens wieder und die dableiben, so von den Bekannten, ach, von denen trennt einen vielleicht noch mehr als bloß die Eisenbahn- oder Damhfschisfstrecke. Fränze, Fränze, warum wird's denn mit eins so trüb!- selig einsam hier bei uns?"

Sie hatte sich auf die Armlehne seines Amerikaners gesetzt, halb dem Lichte zugewandt, ließ ihre Linke in seinen zuckenden Fingern, mit der freien Rechten strich sie sich langsam über die Stirn.

Wir beide bleiben ja beisammen, Bär", sagte sie leise. Und schließlich: wenn uns auch alles verläßt wir brauchen uns deswegen doch nicht einsam zu fühlen auf unserm kleinen Eiland." Sie atmete tief auf.Wir müssen selbst nur die innere Freiheit besitzen, dann ist es uns kein Kerker."

Er entsann sich eines hübschen Wortes, das sie früher einmal gesagt hatte.Ja, die Phantasie kann sich frei aufschwingen kann uns ein Glückvorgaukeln". Er nickte müde, ein letztes Nestchen wehmütiger Sehnsucht flammte in seinem halberloschenen Blick auf.Die Hoff­nung !"

Und die Erinnerung, Dieter!" flüsterte sie, die Augen schließend.

Bald darauf kamen die Küaben, schon reisefertig, um Abschied zu nehmen. Dem Kranken ging es immer sehr nahe, wenn es' zum Lebewohlsagc« kam.

Tirsell, der seit seiner kleinen moralischen Entgleisung doppelt besorgt um seinen Herrn war, ihm jeden Wunsch von den Augen ablas, schob den Stuhl des Kranken ans Fenster.

Von da aus sah Dieter dem davonrollenden Magen nach. Aber die im Wnd flatternden Taschentücher der kleinen Reisenden, auf die ihn Tirsell aufmerksam machte, konnte er nicht mehr erkennen. Seine Sehkraft hatte rapide abtzenommen in den letzten Wochen.

Wenigstens hörte er die lebhaften Rufe des Paares, die noch von der Landstraße her fröhlich zurückklangen und ein mattes Lächeln auf seine massen Züge weckten: Auf Wiedersehn tut Sommer!"

Im Sommer!" wiederholte er melancholisch.

(Fortsetzung folgt.)

Aas Knde eines Schneikfahrers.

Zn dem tötlichen Unfall, den der österreichische Groß­industrielle Baron Leitenberger im Taunus mit seinem Automobil erlitt, bringt dasN. Wien. Tgbl." eine Reihe inter­essanter Mitteilungen, denen nackütebendes entnommen sei: ES