Ausgabe 
24.6.1904
 
Einzelbild herunterladen

1904

LZLLL.

?y fi-. H

eis

(Nachdruck verboten.)

Irühüngsstürme.

Roman von Paul Oskar Höcker.

___ ,(Fortsetzung.)

Sie kämpfte mit sich, ob sie ihn begleiten sollte. Eine Sekunde lang ruhten ihre Micke ineinander. Mer die Tür schloß sich dann hinter ihm, ohne daß sie der Versuchung erlegen war, mit ihm zu gehen.

Nun also wieder an die Arbeit!" sagte sie langsam und stockend zu Stojentin und setzte sich ans Pult. Die Feder zitterte jedoch in ihrer Hand. Besorgt blickte der Buchhalter auf. Sie war leichenblaß und ihre Stirn war feucht wie von Angstschweiß; er schrieb ihre Erregung aber dem Unfall auf dem Werk zu.

So nahm die Arbeit denn ihren Fortgang. *

An diesem Abend zeigte sich Zupitza seit längerer Zeit zum erstenmale wieder auf demMenschentag".

Ein paar Herren wollten eine gewisse Verstimmung gegen ihn berauskehren, aber da er's gar nicht zu merken schien, wurden sie bald wieder gemütlich.

Daß der Doktor reisen wollte, interessierte sie alle lebhaft.

Leikschat, der Referendar, der von Beginn des Abends an, in einer besonders übermütigen Laune gewesen war, zwinkerte ihm plötzlich vergnügt mit den Augen.Sie leben, Sie genießen!" rief er parodistisch.Und unsereiner dient hier treu der Bürgerpflicht und dem teuren Vater- lande."

Wollen Sie üfteit^ wieder mal Sommerleutnant spielen?" schnarrte Herr' v. Gamering, der sich fortgesetzt die ehrlichste Mühe gab, den Doktor zu schneiden, ohne es dahin zu bringen, daß diese Msicht deutlich in die Erscheinung trat.

Nein, das nicht. Wer" der Referendar machte eine Spannungspauseaber ich feiere morgen offiziell meine Verlobung."

Das elektrisierte die Herren. Gemunkelt hatte man freilich längst so allerlei.

Gegen wen?" kalauerte der Reichsbankbeamte.

Natürlich handelte sich's um das jüngste Fräulein Behr.

Krappe ergriff, nachdem der Sturm sich gelegt, das Wort zu einer längeren Glückwunschrede, wie er das so liebte. Der Gefeierte mußte ein paar Flaschen Sekt kalt­stellen lassen, und es versprach ein sehr bewegter Abend zu werden.

Auch Zupitza hatte dem jungen Bräutigam gratuliert. Heimlich klopfte Leikschat ihm hernach einmal auf die Schulter.

,,Eine Viertelmtllion, Doktor", flüsterte er,hatten Sie bavon 'ne Ahnung? Sehen Sie und das haben Sie sich verscherzt."

Verscherzt ich wieso?"

Na, Mulchen, die ältere, die war doch riesig vernarrt in Sie."

Ich habe nie etwas davon gemerkt."

Der Referendar lachte.Na noch deutlicher konnte! sie nicht gut werden. Wer aus Ehre, Sie haben die Leutchen miserabel behandelt. Mein zukünftiger Schwiegervaterj sprach noch heute nachmittag davon."

Es war Zupitza peinlich, mit Leikschat, der die ersten paar Glas Seit in seiner Festfreude wohl zu rasch hinab­gestürzt batte, in diesem Tone über em solches Thema zu reden."

Na, Doktor, ich bin ja diskret. Und tvenn Sie von! Ihrer Reise zurückkehr^n und sich die Sache Überlegt h<wen. . ."

Ich werde überhaupt nicht mehr hierher zurück­kehren", sagte er rasch.

Verdutzt sah Leikschat ihn an.Wieso?"

Ganz einfach: ich legst meine Praxis hier nieder." Doktor!"

Die anderen waren auf Leikschats Bestürzung aufmerk­sam geworden, ohne jedoch hören zu können, um was es sich handelte. Zupitza war das Letzte fast ohne seinen Willen herausgefahren. Nun winkte er dem Referendar flüchtig abwehrend zu; der verstand ihn; und sie mischtest sich beide in das allgemeine Thema am Tisch.

Es war schon ziemlich spät, als Leikschat, der inzwischstst viel humoristische Toaste hatte erdulden und ungezählte Gläser auf das Wohl seiner Zukünftigen hatte leeren müssen, sich der Bemerkung Zupitzas wieder dunkel ent­sann. Er stellte ihn im Billardzimmer.

Sagen Sie mal, Doktorchen", begann er mit etwas schwerer Zunge", aber wer soll denn Ihr Nachfolger hier werden? Hören Sie, das ist ja ein Ereignis von von Bedeutung!"

Ich dachte an eilten gemeinsamen Studienfreund vost Krappe und mir. Doktor Wenglein."

Ach, der jetzt in Königsberg ist?"

Zupitza bejahte kurz. Dann empfahl er sich, ohne erst an den Stammtisch zurückzukehren.

Lange konnte Leikschat sein Geheimnis nicht bet sich behalten.

Es bildete das zweite große Ereignis dieses denk­würdigen Wends.

Krappe war nicht mehr da, von ihm konnte man nichts' Näheres über Zupitzas Vertreter erfahren. Der Rittmeister aber meinte, in seiner alkoholischen Ueberreiztheit auf den Tisch schlagend, das sei gar keine Art vom Doktor, so über ihre Köpfe hinweg einen Nachfolger zu bestimmen. Er hatte selbst einen jüngeren Arzt zum Verwandten, den er schost im vorigen Jahr, als Collenberg starb, empfohlen hatte. Der würde sich für die Praxis hier hervorragend eignem sagte er. Und überhaupt: er dulde und dulde eine solche Vergewaltigung nicht!