Ausgabe 
24.2.1904
 
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(Nachdruck verboten.)

Wssa Aafcsnieri.

Von Richard Voß.

Zweiter Band.

(Fortsetzung.)

Einem Menschen alles sein, heißt für die Frau nicht leben und lieben, sondern ein Evangelium verkünden, eine Mission erfüllen: die Frau tut das, wofür sie gesandt ward.

Es ist gewiß nicht wahr, daß moderne Jrauenpriester- innen der Decadence sind, daß unsere Entwicklung eine sinkende Lilie bildet. Wir steigen und steigen!

Mer wir müssen einem einzigen Menschen alles sein können.

Menn ich also wirklich bald sterben sollte er sein alles bald verlieren müßte dann besäße er mich ja erst ganz und für ewig; denn Liebe kann kein Ende nehmen.

Ich wollte, ich! wärie gestorben in der Nacht, wo sie aus der Pinienwiese den Saltarello tanzten, wo ich zu ihm gehen wollte und ihn bei der kleinen, grünen Pforte traf, wo ich seine schlummernde Jugend wachküßte.

Tas Glück hätte mich töten müssen.

Auch, für ihn wäre es besser gewesen, viel, viel besser. Aber das ist ein schivermütiger Gedanke.

*

Unt Gottes willen, nur nicht unglücklich werden!

Tas Unglüick ist etwas zu Häßliches.

Mr müssen in strahlender Schönheit enden.

*

Taß es dergleichen gibt!

Tenn er ist mir Bruder und Freund, Gatte und Ge­liebter eben alles!

Aber er soll nur mein Geliebter sein, nichts anderes als mein Geliebter!

Würde mich mit nicht inmitten des erstickenden Jubels plötzlich die Angst wieder befallen: die Todesangst vor mir selbst! Ich kann'sie nur einwiegen, wenn ich bei ihm bin, wenn ich mich, an seine Brust dränge.

Seine Nähe ist für mim Wiegengesang.

*

Menn ich ihm meine Märchen vorgeplaudert habe, er­zählt er mir vou seinem Leben in der Villa Falconieri, die er noch mehr liebte als mich, und auf die ich eifersüchtig bin. Und das mit großem Grund! Tenn seine Villa Fal­conieri ist ohnegleichen, und seine arme kleine Viviane die Angst! O, die Angst! Was kann ich nur tun gegen diese entsetzliche mordende Angst?

Also er erzählt mir, wie er mit Kohlenbrennern, Hirten, Jägern und Campagnuolen gelebt hat: über zwanzig Jahre! Wir sitzen vor unserem kleinen Hause, die Marmorleiber, die eingemauerten, wollen zu uns heraustreten, können

nicht, scheinen sich zu krümmen und zu winden, scheineu zu stöhnen und zu seufzen. Tie Riesenhand krampft sich in Qualen zusammen und erhebt sich drohend gegen uns. Die Augen der jungen Fran, die leben möchte und sterben muß, können sich noch immer nicht schließen, ihre wim­mernden Lippen noch immer den letzten Seufzer nicht aushauchen. Es wird Abend. Ueber dem Cavo steigt die blasse Mondsichel auf; aus dem Molaratal quillt der Dunst des heißen Tages in Nebelwellen zu uns empor.

Im Hause zündet mein vertrauter alter Diener die Kerzen an. Wir bleiben draußen sitzen und er erzählt mir.

Es sind Geschichten von Menschen aus einer Welt, von der ich nichts wußte. Welch tierisches Dasein! Er hat ein Mitleid mit allen diesen Leuten, welches ich nicht fühlen kann. In diesem einen sind wir einander ganz fremd. Menn es ein böses Fieberjahr gab, hat er oft wochenlang in der Campagna gelebt, den Leuten Chinin gebracht, die Kranken gepflegt und die Sterbenden getröstet. Biele sind in seinen Armen gestorben.

Er ist eine Samariterseele und tut Werke der Barm­herzigkeit mit solcher Naturnotwendigkeit, wie eine Mon- daine unausgesetzt an ihre Schönheit und Eleganz denken muß. Ich habe von einer Samariterin keinen Atemzug in mir; und wenn ich wie eine Heilige unter meinen Bett­lern und Krüppeln stehe, so ist das nur eine Pose.

Ich, könnte ihm aus meiner Welt auch Geschichten er­zählen. Aber ich werde mich hüten.

O, ich bin klug!

*

Wir müssen vorsichtiger sein.

Vorsicht ist häßlich,; und es empört mich, die Häßlich­keit dulden zu müssen. Es hilft jedoch nichts.

Ter Prinz ist jetzt merkwürdigerweise weniger als sonst in Rom. Er ist jetzt immer sehr ritterlich, beängsti­gend höflich.

Es ist eine Caprice von Cola, daß er nicht in die Villa Taverna kommen will. Wir disputieren darüber; aber er gibt mir nicht recht. Ich bitte ihn; aber er schlägt mir meine Bitte ab. Ich schmolle mit ihm; doch bleibt er dabei, daß er nicht kommen will. Ich werde ernstlich böse, und er kommt trotzdem nicht!

*

Wir sahen uns einige Tage nicht.

*

Ich, eilte ihm entgegen, ich warf mich in feine Arme, drängte mich an seine Brust. Ich wollte aus seinen Armen gar nicht wieder heraus.

Er ist so gut, so gut!

Ich bin bei ihm so sicher und geborgen, werde so gut bei ihm, so viel, viel besser.

Er ist mein Hort und mein Heil.

Er war nicht böse mit mir; nur sehr ernst, selch traurig.