Ausgabe 
24.2.1904
 
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Ich weinte.

Er dichtet. Er schreibt ein Drama. Er ist wie be­rauscht.

Seit fünfzehn Jahren dichtet er wieder!

Immer wieder und wieder sagt er mir: er danke es mir, einzig und allein mir! Ich mache ihn nicht allein zum glücklichen Menschen ich mache ihn auch wieder zum Dichter.

Es wird ein modernes Stück: eine Verherrlichung der Frau. . . Wiederum eine Verherrlichung der Frau; noch dazu der modernen Frau!

Ich sorge mich etwas.

Er scheint zu wünschen, daß die Neri sein Stück spielt.

*

Ich bin gar nicht so froh, wie ich sein sollte. Ich bin eifersüchtig auf seine Arbeit: sie zieht ihn ab von mir. Wozu braucht er wieder zu dichten? Er soll lieben! Er soll mich lieben. Er soll nie mehr etwas anderes tun, als an mich denken, als mich in seine Arme schließen. Was kümmert ihn die moderne Frau?

Er kennt sie ja doch nicht-

Es ängstigt mich geradezu, daß er uns Frauen wiederum verherrlicht.

Wer er ist so rührend in seiner Glückseligkeit, endlich wieder arbeiten zu können.

*

Heute sprach er mit mir über Maria.

Es war das erstemal, daß er ihren Namen nannte.

Ich wandte mich ab.

Er hat ihralles" geschrieben. Sie bleibt in Deutsch-- land. Ich mochte ihn nicht fragen, was sie ihm geant­wortet hatte. Er machte solch sonderbares Gesicht, als er ihren Namen nannte.

, Ich, stahl ihn dieser Fran! Er gehört mir, ganz mir, ewig mir! . . . Ja, ich raubte ihn ihr.

Nein! Denn er hat ihr niemals gehört.

Eigentlich tut sie mir leid.

Sb er wohl viel an sie denkt?

Es geschah ja doch nur aus Mitleid, daß er sie an sein Herz nahm.

. Ihre weißen wilden Wolfshunde habe ich jetzt zu meinen Füßen. Das ist auch ein Triumph! Zuerst fletschten sie die Zähne gegen mich hätten mich am liebsten zerrissen; jetzt kriechen und winseln sie vor mir. Nach der Wreise ihrer Herrin suchten sie diese tagelang; tagelang rührten sie kein Fressen an.

Und jetzt spiele ich mit ihnen tote mit Mäuslein.

Cola liebt nicht, daß die Hunde bei mir sind. Sie kommen jedoch immerfort auf den Berg gelaufen, lassen sich nicht fortscheuchen, bleiben bei mir als meine Trabanten.

Ich weiß recht wohl, weshalb er mich nicht gern mit Marias Hunden sieht.

*

Ein Bekenntnis !Es treibt mir vor Schchm das Blut ins Gesicht. Ich! komme mir vor, wie noch einmal ent­weiht.

Ter Prinz machte mir eine Erklärung: er sei in mich verliebt!

Ich soll seit kurzem seltsam verändert fein. Es soll etwas über mir liegen, etwas Unaussprechliches, Unver­ständliches.

Wenn er wüßte, welche Gottheit mich berührt hat. . .

Das nenne ich Deeadenee: die Decadence des Mannes am Ende dieses Jahrhunderts! Er verliebt sich in seine Frau erst dann, wenn sie einen andern liebt. Er findet sie erst dann begehrenswert, seitdem ein anderer sie besitzt ^U^tetwas Glanzvolles über ihr liegt, was nicht von dieser

hätte es ihm so gern ins Gesicht gesagt! Zum Gluck schwieg ich

Wie ich mich schäme!

*

Cola nennt mich seinSchicksal".

, Ich bin also für ihn eine überirdische Macht, gleichsam eine göttliche Gewalt und könnte Vorsehung spielen. So etwas gefüllt einer eitlen Frau.

Er hat manchmal einen ganz eigentümlichen Blick, wenn er mich sein Schicksal nennt: solchen Seherblick! Wer der Dichter soll ja wohl 'Prophet sein?

Heute setzte ich meinem Liebsten die Gründe aus­

einander, weshalb ich ihn lieben muß: aus Naturuotweudia-- keit lieben!

Erstens: weil er ganz anders ist als alle anderen Männer, ganz, ganz anders. Zweitens: weil er mich liebt, wie kein anderer mich lieben kann. Drittens: weil er ein guter Mensch ist und seine Güte mich gut macht. Viertens: weil er etwas in seinen Augen hat eben die Himmels­flamme, die große Leidenschaft. Fünftens: weil er mich immer verstehen, immer entschuldigen wird, also niemals verdammen kann was auch geschehen möge. Sechstens Ich vergaß, welchen Grund ich ihm sonst noch angab. Es sind ja auch Gründe genug und übergenug.

Wenn er mich jemals aus seinem Herzen fortstoßen sollte, würde ich ihm folgen. Ich würde ihm nachschleichen wie ein Hündlein seinem Herrn. Ich würde nicht eher ruhen, als bis er mich wieder an sein Herz genommen hätte. Denn' nur an seinem Herzen finde ich Rettung.

Rettung wovor?

Vor mir selbst!

Wie klein, wie jammervoll klein ist doch alles, wenn man fühlt, was ich fühle: eine große Leidenschaft! Um den Wert aller Dinge kennen zu lernen, muß man lieben.

Kami Liebe jemals enden?

Nein! Nein!

Es müßte denn fein, daß Was müßte feb*

Besinne Dich!

Es müßte sein, daß Uebersättigung eintritt: ein physisches und seelisches Zuviel! Ein Zuviel, welches Ekel einflößt. Und Ekel ist der Tod eines jeden Gefühls.

Heute sprach ich mit ihm hierüber. -Er verstand mich gar nicht, war ganz entsetzt, geradezu empört.

rief:

Eine seelische Uebersättigung! Was meinst Du eigent­lich damit? Wie kann es eine seelische Uebersättigung geben?!"

Ich lächelte:

Mein Gott, ja! Eben ein embarras de richesses an Gefühlen. Man wird so müde davon, so"

Ich verstummte unter seinem entsetzten Blicke.

Es war nicht recht von mir; denn ich wollte ihn quälen. Ich verspürte plötzlich solche Lust dazu, daß es mir selbst ganz unheimlich war.

Es sind dies Anwandlungen jenes alten schändlichen Jchs, das in mir noch nicht ganz erstorben ist. Ich wollte, es würde in mir umgebracht: so mit einem einzigen Schlage!

Denn immer wieder diese Angst, diese Todesangst . ,.

*

Hoffentlich liest er mir fein Drama nicht vor.

Ich kann es nicht ausstehen, wenn Dichter ihre Sachen vorlesen! Sie sind dann so pathetisch.

Und alles Pathos ist geschmacklos.

Ich werde ihn bitten, mich mit der Aufführung zu überraschen.

*

Heute wollte er mit mir über die Zukunft sprechen: über unsere Zukunft. . . Still, v still! Ich will von keiner Zukunft hören. Und ich küßte ihn so lange, bis er still war.

Ich glaube wahrhaftig, er wünscht, daß ich dem Prinzen alles eingestehen soll. Gerade jetzt, wo der Prinz

Er ist doch durch und durch ein großes Kind: eben ein Dichter, ein Verklär er der grauen Wirklichkeit.

Darum liebe ich ihn ja!

Mein junger Held von diesem Sommer wird von seiner jungen Herzogin so rasend geliebt, daß sie sich von ihrem Mann trennen lassen will.

Also auch einegroße Leidenschja.fi".

Merkwürdig!

*

Assunta Neri kommt im Herbst.

Ich freue mich! sehr auf sie. -Eigentlich verdanke ich ihr den Anfang meiner Erweckung, meiner Erlösung. Sie sprach damals so große, feierliche Worte zu mir; und seit jenen Worten begann ich anders über mich selbst zu denken. Ohne ihren hypnotischen Einfluß hätte ich mir niemals die Kraft zugetraut, die Verantwortung zu übernehmen.

Verantwortung

Das Wort hat solchen sonderbaren Klang!

*

Sehr freue ich mich auf Assunta Neri