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kegeutlich eines Balles, wo er durch Meyerbeers Schwiegersohn, Baron Korfs, seinen „Goldfuchs", Helene v. Tönniges, zu seinem Unglück kennen lernte Zwischen Ferdinand Lassalle und Hans v. Bülow entstand ein intimes Freundschaftsverhältnis, und Lassalle erzählte, daß seine Liebe zur Musik und deren Verständnis hauptsächlich durch seinen Freund Bülow entdeckt imb entwickelt worden seien. Bülow habe ihm die heiligen Hallen der Musik erschlossen. In Bülows Hause wurde dann auch fleißig musiziert und geplaudert. Eines Tages, nachdem Cosima das Zimmer verlassen hatte, sprang Lassalle plötzlich auf und sagte zu Bülow: „Lieber Freund, nimm es mir nicht übel, wenn ich V situ Besuche in Deinem Hause einstelle." — „Aber warum denn?" frug Bülow erstaunt. — „Weißt Du, Deine Frau, sie ist ja lieb, sie ist gut, sie ist hübsch, aber ich habe weiß Gott nicht immer Lust, mit ihr gelehrte Disputationen über Philosophie, Theologie, Politik und das Wesen der Demokratie zu führen. Weißt Tu, bet welchem Thema mich Deine Frau heute anderthalb Stunden festhielt? lieber die Philosophie des Herakleitos und den Glauben der Unsterblichkeit der Seele bei den Römern und Assyrern. Es war ein Glück, daß Du endlich kamst, sie wäre sonst imstande gewesen, mich noch über den Ursprung des Mondes zu interpellieren. Und dabei hat sie es immer auf mich abgesehen; so oft sie mich erhaschen kann, kommt sie auf die schwierigsten Themata der Philosophie, Theologie und Politik zurück, für die sie offenbar nicht das geringste Verständnis hast Ihre Sucht, mit einem Bildungsniveau in der Höhe französischer Mädchen- pensionate mir gegenüber die Geistreiche zu spielen, ist mir einfach unangenehm; deshalb nimm es mir nicht übel, wenn ich Dich künftig nicht mehr besuche; komm Tu lieber zu mir, denn meine Wohnung wird Deine Frau gewiß niemals betreten, denn im Grunde ihrer Seele las ich längst, daß sie eine geheime Antipathie gegen meine Person hat." — „Ja, das ist wahr", lachte Bülow, „obwohl Du meiner Frau Unrecht tust, wenn Du glaubst, daß sie keine Ahnung von Philosophie, Theologie und Politik hat. Da komm mal her!" Bülow führte Lassalle in das nächste Zimmer und deutete auf einen hohen Wandschrank, der in einer Ecke stand. „Diese Bibliothek von oben bis unten und von unten bis oben, kreuz und guer hat Cosima durchgekostet, hier findest Du die tollsten philosophischen und theologischen Werke, sozialpolitische Abhandlungen und sogar Deine Schriften." — „Gräßlich", und damit beschwert Deine Frau ihr armes Köpfchen?" Von nun an war Bülow, zum Aerger seiner Frau, bei Lassalle als Gast.
— Von der Kunst des Schenkens. Dagobert von A m y n t o r, der bekannte feinsinnige Schriftsteller, veröffentlicht int „B. L.-A." eine vorweihnachtliche Betrachtung, in der es u. a. heißt: Wie rücksichtsvoll weiß oft die wohlhabende und innerlich vornehme Frau einer ärmeren Freundin oder Familie durch ein taktvoll dargebrachtes Geschenk Freude zu bereiten. Sie spielt dabei die Rolle der Empfangenden, und ihre Augen strahlen vor Glück, daß man ihr die Freude und Ehre erweist, ihre Spende freundlich anzmtehmen. Zur Ausübung solcher Schenkkunst gehört aber keine vornehme Geburt, sondern nur die Vornehmheit des Herzens, keine hohe gesellschaftliche Stellung, sondern nur selbstlose und opferfreudige Liebe und jene Anmut, die besonders ein Schmuck der weiblichen Natur ist. Wenn die Grazien bei einem Schenkungsakte nicht zugegen sind, dann wird er entadelt und zu einem Akte der Demütigung für den Empfangenden. Im zweiten Teil des „gauft" geben die Grazien in dieser Hinsicht beherzigenswerte Lehren. Tort sagt Aglaia: Anmut bringen wir ins Leben.
Leget Anmut in das Geben.
Hegemone lehrt den Empfänger: Leget Anmut in's Empfangen! Lieblich ist's, den Wunsch erlangen.
Und Euphrosine krönt den Schenkungsakt mit der ?,.<: Und in stiller Tage Schranken Höchst anmutig sei das Danken.
Weiynachlsöücher.
— Goethes kleinere Aufsätze. Mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Äoldemar von Seidlitz. Ein starker Band in Klein-Oktav. 2.50 Mk. — Unter den halb ver- gessenen kleinen Aufsätzen Goethes befinden sich manche so vortreffliche, und fast möchte man sagen „aktuelle" Sachen, daß sie eigentlich jedem Deutschen vertraut sein sollten. Ihre Verzettelung über verschiedene Teile der gesammelten Werke, sowie ihre Untermiichung mit vielen recht glerchgiltigen Anzeigen er
klären indessen ihre geringe Verbreitung. Es erschien nun dem Herausgeber eine dankenswerte Ausgabe, die bedeutendsten der kleineren Aufsätze Goethes, solche, die auch heute noch ein lebendiges Interesse beanspruchen, auszuwählen, zu ordnen und mit Einleitung und Anmerkungen versehen in einer handlichen Auswahl zu vereinigen. Für Goethe-Freunde wird das vornehm ausgestattete, 371 Seiten starke Büchlein eine angenehme Ueber- raschung sein.
— Ter Verlag von Schafstein u. Cie. in Köln a. Rh. gibt Cervantes' Meisterwerk Leben und Taten des scharf- sinnigenEdlenTonQuijotevonLaMancha nach der Tieck'fchen Uebersetzung. bearbeitet von Guido Höller, heraus. Es ist sichtlich nach dem Grundsatz hergestellt, daß das Buch nicht nur der Träger des Gedankens sein und achtlos aus der Hand gelegt werden soll, nachdem es gelesen ist, sondern daß es an sich cirt Kunstwerk darstellen soll, in dem sich Buchschmuck, Papier und Einband zu einem künstlerischen Ganzen harmonisch vereinigen. In diesem Sinne ist das Buch musterhaft, wenn es auch der Illustration entbehrt.
— Seiner Vollendung nahe (von 16 Lieferungen sind 14 erschienen) steht die dritte Auflage des schönen Werkes Herm. Wagners über die deutsche Flora. (Stuttgart, Verlag für Naturkunde, brosch. 12 Mk.) Das Buch bietet eine übersichtliche Beschreibung sämtlicher in Deutschland und der Schweiz einheimischen Blutenpflanzen und Gefäßkryptogamen; es will nicht nur dem Anfänger und Liebhaber beim Aufsuchen und Bestimmen der Pflanzen ein zuverlässiger Ratgeber sein, sonderw auch ein Nachschlagebuch für Gärtner und Gartenfreunde. Tie neue Auflage umfaßt etwa 1550 Holzschnittabbildungen.
— Ludwig Thoma, Lausbubengeschichten. Aus meiner Jugendzeit. Ilmschlagzeichnung von Th. Th. Heine. Geh- 3 Mk. Vwlag von Albert Langen in München. — Tiefe Geschichten sind zum Teil int Simplizissimus erschienen. Ludwig Thoma schildert in derselben scheinbar streng sachlichen Weise, in der er den bayerischen Bauern beschrieben hat, hier den typischen „Lausbuben", len Schuljungen in der Blüte der Flegeljahre. Und wie bei der Schilderung der Bauern verwendet er dies Kunstmittel der scheinbaren Trockenheit meisterhaft. Und wie ist der Schuljungenton in diesen Geschichten getroffen und gewahrt! Er beschreibt alles vom Standpunkt des Knaben und zeigt die Tinge dabei doch, wie sie sich dem Erwachsenen darstellen und wirklich sind.
— Backe backe Kuchen, Eine Sammlung von 50 der meistbekannten und beliebtesten Kinderreime und Rätsel. Mit 85 Silhouetten und bunten Bildern von Nelly Bodenheim. Kart. 2.50 Mk. (Verlag von S. L. van Looy, Leipzig). — Was dem Büchlein seinen eigenartigen intimen Reiz verleiht, sind nicht allein die alten trauten Kinderreime, die schon unsere Großmütter uns lehrten, als viel mehr die entzückend naiven Bilder, mit denen Nelly Bodenheim es geschmückt hat. Tie schlichte Natürlichkeit und Gemütlichkeit, die aus diesen Bildern spricht und uns manche selbst beobachtete drollige Kinderszene wiedergibt, kann ihre Wirkung weder auf die Kinder noch auf die Erwachsenen verfehlen. Wer seinem 4—6 jährigen Kinde etrt reizendes und seinem Verständnis entsprechendes Bilder- und Bersbuch schenken will, dem kann die Sammlung „Backe backe Kuchen" empfohlen werden.
— Für die Kinder Welt. Von Anna Ausfeld. Band 1 zweite Aufl. Band 2. Gedichte und dramatisierte Märchen zum Deklamieren und Aufführen. Jeder Band: brosch. 1.80 Mk. Bd. 1: 71 Gedichte. Schneewittchen. Aschenbrödel. Dornröschen. Weichhnachtsmärchen. — Bd. 2: 29 Gedichte. Rumpelstilzchen. König Lenz. Freiheit in der Kinderstube. Rotkäppchen. Weihnachtssreude. König Drosselbart. Hänschen und Gretchen. Tiefe für, verschiedene Altersstufen passende Gedichte nebst dramatisierten Märchen sind aus der Tiefe kindlichen Empfindes geschöpft ; sie gehen den Kleinen in ihr eigenes Leben und ihre eigene holde Fantasie nach, verleiden ihnen umnerklich schlechte Laune, Trägheit und andere Fehler und machen ihnen Genügsamkeit, Barmherzigkeit, Selbstlosigkeit lieb. Tr. O. D.
— Paul Heyse Novellen. Verlag der I. G. Cotta- schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart. Von der neuen wohlfeilen Ausgabe von Paul Heyses Novellen, die im Cottaschen Verlage erscheint, ist uns ein neuer Band zugegangen. Sie enthalten den zweiten der „Italieni schen N o v ell en" (Auferstanden, Tie Stickerin von Treviso, Beppe der Sternseher, Romulusenkel, Tie Hexe vom Korso, die Kaiserin von Spinetta, Tie Frau Marcheja, Die Mädchen von Treppi). Die Vorzüge Heysescher Erzählungskunst treten auch in diesem Bande, in dem der Tichter Bilder aus dem italienischen Leben bietet, sein und fesselnd zutage.
Scherzrätsel.
(Nachdruck verboten.)
ist besser Sehn Sehn als Auflösung in nächster Nummer.
Redaktion: Au au st Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


