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Die Kinderzttchtigung.
„Hast du deine Kinder lieb, so züchtige sie!" Es gab eine Zeit, wo man dieses Wort der Bibel so ausfaßte, als sei eine Erziehung ohne Stock-, Peitschen- oder Rittenstreiche unmöglich, weshalb denn auch 'int Mittelalter die körperliche Züchtigung nicht allein als Strafe, sondern auch als Vorbeugungs- und Anregungsmittel für die Jugend au der Tagesordnung war. Namentlich das alte Frankreich konnte sich dieses Brauches rühmen. Es gab dort Schulen, deren Zöglinge grundsätzlich jeden Samstag gezüchtet wurden, und ein Pariser Geschichtsschreiber sagt, der einzige Unterschied zwischen der Erziehung des 14. und 15. Jahrhunderts bestehe darin, daß in diesem die Peitsche um ein Tritte! länger sei als in jenem. Aus einer Beschreibung der Hausordnung im College von Montaigu, das nur Söhne aus vornehmen Familien aufnahm, geht hervor, daß die Schüler dieser Anstalt zweimal im Tage gestäupt wurden. Man schien der Ansicht zu huldigen, daß die Arbeit eine Last sei, daß man nur durch Zwang etwas lernen könne und daß der Unterricht, um wirksam zu sein, seine Schreckensseite haben müsse. Aber nicht allein in der Schule, sondern auch zu Hause wurde kräftig geprügelt, und junge Herren und Tamen der höheren Stände, ja Prinzen von Geblüt, kamen bis ins 18. Jahrhundert an häufigen körperlichen Züchtigungen nicht vorbei. Margarete von Valois, die Gemahlin Heinrichs IV., gesteht in ihren Memoiren, ihre Kenntnisse des Griechischen und Lateinischen nur dem Umstände zu verdanken, daß sie ,,wre ein Mann" gepeitscht worden sei. Ihr Gemahl schrieb an die Erzieherin des Dauphins, Fran de MontglaS: „Ich habe als Kind viele Schlüge bekommen und befehle Ihnen, meinen Sohn jedesmal zu prügeln, wenn er halsstarrig sein oder etwas Böses tun sollte." Ter spätere König Ludwig XIII. brauchte sich denn auch über Mangel an Hieben nicht zu beklagen. Es besteht noch ein Verzeichnis sämtlicher Strafen, die er bis zu seinem 15. Lebensjahre erhalten hat. Tie Liste beginnt mit folgender Eintragung: „Am 9. Oktober 1603 zeigte sich Monseigneur, als er um 8 Uhr geweckt wurde, eigensinnig und wurde gezüchtigt." Monseigneur zahlte damals 21/« Jahre! Aus dem Verzeichnis ergibt sich des weitern, daß der Dauphin in der Folge jeden Monat zwei- bis viermal seine Bekanntschaft mit dem Stock erneuerte, u. a. noch am 22. Mai 1610, also zwölf Tage nach seiner Proklamation zum Könige. Ludwig XV. ging es als Tauphin nicht besser, wie daraus hervorgeht, das; Frau de Maylus, durch die Leiden des Prinzen gerührt, die Marquise v. Maintenon schriftlich bat, ihm „die allzuhäufigen und allzuheftigen Rutenstreiche zu ersparen." Jede Schule besaß zu damaliger Zeit mehrere Werkzeuge zur körperlichen Züchtigung. Bald wurde die wirkliche Peitsche, bald die Weiden-, bald die Lederrute angewandt. Für die Züchtignng bestanden mehrere Vorschriften. Schläge ins Gesicht, Fußtritte und andere Gewalttätigkeiten waren verpönt. Aber man kam auch auf dem erlaubten Wege weit genug. So erzählt Saint- Simon, daß der junge Herzog von Bouffleurs infolge einer Züchtigung nach vier Tagen starb. (Köln. Ztg.)
Literarisches.
Björn stjerne Björnson, Flaggen über Stadt und Hafen, Roman. Berechtigte Uebersetzung von Clare Gre- verus Mjöen. Geh. 4 Mk., Verlag von Albert Langen in München. Björnsons großer Erziehungsroman liegt hier zum erstenmal in einer ungekürzten Uebersetzung, elegant ausgestattet vor. Ter große nordische Dichter erweist sich auch in diesem Werke als der wundervolle Charäkteristiker, der er immer gewesen ist. Namentlich ein paar Frauengestalten stellt er in diesem Buche wieder hin, die von einem durchdringenden und dabei liebevollen Verständnis für die weibliche Psyche zeigen, wie es unter allen lebenden Dichtern keinem zweiten in dem Maße gegeben ist. Tie schöne Menschlichkeit des Verfassers durchtränkt überhaupt alle Gestalten dieses Romans und gibt ihnen eine menschliche Wärme und Rundung, daß der Leser mit ihnen lachen und weinen, jubeln und sich bangen muß.
Knut Hamsun, Im Märchenland. Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien. Berechtigte Uebersetzung von Cläre Greverus Mjöen. Umschlagzeichnung von Marens Behmer. Geh. 3 Mk. Verlag von Albert Langen in München. Ties neue Werk Hamsuns ist eine Reisebeschreibung, und wieder keine Reise- befchreibung, wie schon die Worte „Erlebtes und Geträumtes" im Untertitel andeuten. Taß der Dichter hier den Schelm im Nacken hat, merkt man, wenn man ein paar Seiten gelesen hat.
Asmus Sempers I u g e n d l a n d, Ter Roman einer Kindheit von Otto Ern st. 23 Bogen in vornehmer Ausstattung, br. Mk. 3.50. Otto Ernst verdankt das schnelle Bekanntwerden seines Namens zunächst, solchen „Schlagern" auf dramatischem Gebiete, wie den Komödien „Jugend von heute" und „Flachsmann als Erzieher". Daß er aber nicht ein für den Tag arbeitender Schriftsteller ist, wissen alle, die sein „frohes Farbenspiel" und seine Gedichte kennen. Hat er sich in diesen als ein Meister bewährt, so erbringt er jetzt in dem vorliegenden Buche den Beweis, daß auch das Zeug zu einem Romanschreiber in ihm steckt. Er nennt
das Buch „Roman einer Kundheit", ein Roman im modernen Sinne ist es wber nicht, es ist die Entwicklungsgeschichte eines Kindes, die sich tu einem engen Raume abspielt. Welch köstliches Zeitbild ivetö der Dichter daraus zu gestalten! Nicht umsonst ist er in seinem einstigen Berufe ein Kenner der Kindesseele geworden. Er versteht es, ihren Regungen zu lauschen, und er hat sich einen eigenen Stil ge,chaffen, um ihre Regungen und Gefühle darzustelleu. Ten kleinen Asmus Semper gewinnt man lieb, und man faßt für seinen Werdegang so lebhaftes Interesse, daß mmt voller Spannung zuschaut, welche Richtung er nehmen wird. Mit der Kunst eines Wilhelm Raabe treibt der Tichter hier Klein- und Feinmalerei. Nicht bloß in den Kinderseelen versteht aber Otto Ernst als ein Kundiger zu lesen, auch die anderen Personen des Romans zeugen von seiner Beobachtungsgabe.
N e u e s M ä d ch e nb n ch. Eine Sammlung von Erzählungen, Gedichten, Unterweisungen aus der Natur, Anregungen zur Selbst- beschäftigung, zur Handarbeit, zu Spielen und anderem mehr. Herausgegeben von Margarete Pro mb er. 144 Seiten Text, Buntbilder, Textillustrationen. Oktav. Hübsch geb. 2.50 Mk. Loewes Verlag Ferdinand Carl in Stuttgart. — Ein Mädchenbuch im vollsten Sinne des Wortes, das Unterhaltung und Belehrung in glücklichster Weise verbindet und geeignet ist, den Sinn für die Natur zu erschließen. In bunter Reihe wechseln nützliche Unterweisungen für Küche, Haushalt, Handarbeit mit Erzählungen, Anekdoten sowie Gedichten. Beiträge über Kunst und die verschiedenen Gebiete des Wissens finden Behandlung. Bei alledem ist das Buch ein treuer Spielgefährte. Berufene Autoren haben die Herausgeberin unterstützt, vorzügl. Jllastra- tionen und eine künstlerisch angelegte Decke schmücken den Band.
Das. Weib, vom Matt ne erschaffen. Bekenntnisse einer Fran. Nach der 10. Auflage der Originalausgabe ins Deutsche übertragen. Verlag von Bruno Cissirer in Berlin. Mk. 2.50. — Ein Buch von hohem Ernst und weh- mütigem Reiz, in dem sich eine „fennne de trente aus" — tu an glaubt in ihr die literarisch hochbegabte Gattin eines bekannten norwegischen Dichters erkennen zu bürfert — über ihre Ehe und die Kämpfe und Forderungen ihrer tioch ungebrochenen Seele ergreifend ausspricht. Selten wohl hat eine Gattin und Mutter sich unerbittlicher geprüft, mit mehr Lichtsehnsucht zugleich und mehr Selbstbescheidung tun den Sinn ihres Lebens, als. Weib, gerungen, selten wohl aber auch tiefstes Bekennen mit soviel gewinnender Anmut und Güte umgeben, so daß man nicht weiß, was man mehr bewundern sott, ihre große Wahrhaftigkeit ober ihre große Liebenswürdigkeit.
KumoMisches.
* Versäumte Gelegenheit. Professor.Fadusius, der keine Hörer hat, schildert im Bekanntenkreise, wie er jüngst zu Hanse einen Einbrecher überraschte. „Ehe er mir entkommen konnte", sagte er, „warf ich ihn auf den Rücken, faßte seine Hände und kniete mich an sihn — er war wehrlos —" — „Hm", meint sein Kollege Crassns, „da hättest Du ihm ja eine Vorlesung halten können!"
* Kleines Mißverständnis. Gutsbesitzer (der Hunde- zuchter ist): ...... Glauben Sie nicht, gnädige Frau, daß
Sie sich entschließen sollten, zu Ihrem persönlichen Schutze ein ein treues, intelligentes Tier zu sich zu nehmen?!" — Witwe: „Herr Baron, Ihr Antrag ehrt mich sehr — aber er kommt mir so unerwartet!"
* Modern. „Und wie machst Tn's, wenn Tu von Deinem Mann für Deine Garderobe etwas brauchst? Fällst Du auch in Ohnmacht?" — „Ach was, Ohnmacht — längst veraltet! Ich drohe ihm einfach, daß ich meine Individualität ausleben lasse!"
* Kunstver st ä n d n i s. Kommerzienrat Nos. ittipel besucht mit feiner Gattin die Gemäldeausstellung. Wie sie eben vor einem mystischen, unklaren Bilde eines Modernen stehen, nähert sich dem Herrn Kommerzienrat ein ihm bekannter Kunstfreund. „Sarahleben", stößt er seine Ehehälfte diskret an, ^iuerb' tiefsinnig !"
Höchste Leistung.
Ihr meint, es sei nichts Wahres an den Späßen
Von all' den Professoren, die zerstreut?
Ich kannte einen, der den Schirm vergessen
Bei einem Regen, den er selber prophezeit!
Zusammenstell-Rätsel.
(Nachdruck verboten.)
Werden nachfolgende 19 Worte:
Aloe Bast Chor Egge Elen Gips Glut Holz Igel Lira Lohn Rast Reif Sand Senf Skat Talk Trog Ukas
richtig geordnet, so ergeben die Anfangsbuchstaben einen dem deutschen Volke besonders lieben Gedenktag im November.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in vor. Nr.:
Tage — Dieb Tagedieb.
Redaktion: 81 uau ft Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen.


