1904
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Ireitag den 23. 2>f$em6er^
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Das Testament des Man Kiers.
Kriminalroman von A. M. Barbour.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Merrick und sein Gefährte fuhren fast eine Stunde in beständig erweiterten Kreisen umher, aber resultatlos. Endlich, während Skott das ihm unbekannte Gesicht des Ruderers aufmerksam betrachtete, stieß dieser plötzlich einen leisen Ruf aus und hielt das Boot an. Das Netz wurde aufgezogen, und als es mit dem aufgefischten Gegenstände an die Oberfläche kam, konnte Skott kaum einen Laut der Ueberraschung unterdrücken. Ehe die beiden Männer aber ihren Fang geborgen hatten, glitt er wieder in die Tiefe.
„So, das war ja recht geschickt!" schalt Merrick, während sein Gefährte unverständliche Verwünschungen ausstieß. Tann wurde das Netz wieder hinabgelassen und die Fahrt begann aufs neue.
Diesmal dauerte es nicht lange, bis sie das Netz wieder in die Höhe zogen und auch den Inhalt glücklich an Bord brachten. Es war aber nicht jener Gegenstand, den sie zuerst heraufzuziehen versucht hatten, sondern ein Revolver.
Merrick zog etwas aus seiner Tasche, was er mit dem Revolver verglich. Dabei sagte er zu dem ihm neugierig zusehenden Bootsgenossen:
„Na, Jim, ein ganz guter Fang, ganz gut, wir wollen aber doch auch den anderen Gegenstand herausfischen."
Tas Suchen nahm seinen Fortgang. Plötzlich zogen sie wieder an. Ein Kasten kam zum Vorschein. Er wär zwar schlammbedeckt, Skott aber erkannte in ihm sofort den Gegenstand, der mit dem ersten verunglückten Zuge auf der Oberfläche des Wassers erschienen war.
Nun trat Skott, nachlässig schlendernd und ein Liedchen summend, aus dem Haine heraus, gerade so, als ob er sich in der Morgenfrische so recht erlaben wollte.
Ter Fremde im Boot bemerkte ihn zuerst und machte Herrn Merrick ärgerlich aufmerksam; dieser aber tat so, als ob ihm die Begegnung ganz gleichgiltig wäre. Er winkte Skott zu und geberdete sich, als ob er sich einem gern betriebenen Sport hingebe.
„Ah, guten Morgen!" rief Skott heiter. „Wie ich sehe, haben Sie gefischt. Guten Fang gemacht?"
„O ja,ich bin ganz zufrieden!" lautete die Antwort, während das Boot dem Ufer zuglitt.
Stott wartete, bis der Detektiv ans Land gesprungen war und seinen Begleiter nach Anketten des Bootes mit dem Schleppnetz fortgeschickt hatte; dann sagte er, auf den Kasten deutend, leise:
„Wissen Sie, was Sie da haben?"
„Nein. Kennen Sie das Ting?"
„Gewiß. Es ist nichts Geringeres als der gestohlene gutvelenkasten!"
Ein leiser Pfiff entfuhr Merricks Lippen. Mechanisch
schüttelte er den Kasten. „Na, Juwelen sind keinesfalls mehr drin", erwiderte er trocken, „aber wir wollen ihn doch bald öffnen. Kommen Sie mit nach dem Stall; die Leute sind noch nicht aus; dort werden wir am ungestörtesten sein."
Im Stalle angekommen, war Skott erstaunt, den Mann, der das Boot gerudert hatte, an der Stallarbeit zu finden:
„Ah, Martin, schon da?" redete Merrick ihn an. „Sie werden wohl nichts dagegen haben, wenn wir mal auf ein Weilchen Ihre Stube benützen." Und den fragenden Blick Skotts bemerkend, setzte er hinzu: „Tas ist der neue Kutscher. Ich dachte, Sie wüßten schon von ferner Anstellung."
Skott begrüßte den Mahn freundlich, und dieser, die Mütze abnehmend, erwiderte respektvoll: „Zu Befehl, der neue Kutscher."
Als Skott mit dem Detektiv die Treppe zur Kutscherwohnung hinaufstieg, fragte er: „Seit wann ist er denn im Dienste?"
„Seit gestern nachmittag. Er bewarb sich um die Stelle, und da ich ihn zufällig kannte, nahm ihn Herr Main- waring auf meine Empfehlung in Dienst."
Nachdem Merrick die Zimmertür verriegelt hatte, öffnete er den Kasten mit einem Stemmeisen. Bald sprang der Teckel auf. Ter Kasten war leer; als Merrick jedoch weiter suchte, fand er in einem Geheimfach ein paar eigenartig geformte Schlüssel und ein blutiges Taschentuch, womit offenbar das Blut einer Wunde gestillt worden war.
„Ah, sehen Sie ei al!" rief der Detektiv, auf das in einer Ecke befindliche : ... nogramm H. M. deutend. „Trug Hugh Mainwaring solche Taschentücher ?"
„Jawohl. Dieses oder ein vollständig gleiches habe ich in letzter Zeit bei ihm gesehen."
Ter Detektiv faltete das Tuch langsam zujammen. „Und dre Schlüssel sind Ihnen auch bekannt?"
„Ganz genau. Es sind die Privatschlüssel Herrn Main- Warings zu der Bibliothek und der südlichen Halle!"
„Tie, nach der Angabe Hardys, abhanden gekommen waren?"
„Ja, diese sind's."
Merrick steckte die Schlüssel mit dem Taschentuch zusammen ein. Tann setzte er die Untersuchung des Kastens fort, die aber nichts mehr ergab.
Stott sah ihm schweigend zu.
Gleichgiltig sagte nun Merrick: „Herr Skott, ich darf Sie wohl bitten, vorläufig nichts von dem Funde zu sprechen."
„Gewiß, kein Wort soll über meine Lippen kommen. Wie wichtig auch der Fund sein mag — rr soll lediglich Ihr Geheimnis bleiben."
„Na, eine besondere Wichtigkeit messe ich ihm gerade nicht bei", entgegnete der Detektiv, die Treppe hinabsteigend^ „er bestätigt nur die Ansicht, die ich mir schon gebildet hatte."
„Tas heißt also wohl die Ansicht, daß Raub die Ver-


