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geht. Gegenüber den östlich aufragenden Basaltkuppen der Hohen Rhön tauchen jetzt Türme und malerische Berg- kapellen auf: Fulda grüßt uns, in dessen Tom der Apostel Thüringens ruht, Bonifazius, dessen schönes Denkmal sich Vor dem Residenzschlosse erhebt. Wallfahrtskirchen rings auf den Höhen, Mischen den Feldern und an den Ruinen verstreute Kreuze und Muttergottesbilder. Und dann wird Nm sichtbar, wo der Zug sich in kühnen Schleifen hinab zur Kinzig schlängelt und ein Landschaftsbild von farbenreicher Schönheit sich in Tiefe und Weite plötzlich zeigt. Süddeutsches Wesen, lachendes Gelände offenbart sich uns. Weichere Luft streicht bereits einher.
Am rechten Ufer ruht Gelnhausen. Steil steigen seine Gassen die Berglehne hinan, von deren Höhe der köstliche rote Sandsteindom niedergrüßt, den Kaiser Barbarossa er- baueu ließ, sich selbst aber drunten, noch in ihren Ruinen bewundernswert, auf einer Insel der Kinzig eine stolze Pfalz, in der er mit Vorliebe lange Hof hielt. Romanisch ist auch noch das Rathaus, der einstige Fürstenhof, vor dem sich die Büste des Erfinders des Telephons erhebt, des in .Elend und Jammer umgekommenen Philipp Reis. Hanau erzählt uns von deutscher Goldschmiedekunst und von zwei Märchenkünstlern, den Gebrüdern Grimm, die hier das Licht der Welt erblickten. Der Main ist erreicht. Taunushöhen grüßen drüben in sanft geschwungenen Linien; an den Feueressen von Offenbach-, dem „Meppelwoin"-Himmelreich Sachsenhausens vorbei, drängt der Zug in die weite Bahnhofshalle Frankfurts hinein. Goethes Vaterstadt ist er- xercht! Doch schon der nächste Zug entführt uns nach Wiesbaden. Wer das weltberühmte Taunusbad längere Zeit Archt ausgesucht hat, wird über seinen Ausschwung erstaunt sem. Im Grunde genommen, ist es kein glänzender Auftakt, der uns bet der Einfahrt empfängt. Man meint in irgend -eine der modernen Großstädte etozurollen.
Himmelstürmende Mietskasernen, Lagereien, dampfende Mbrrkschlote, öde Bretterzäune, Schuppen und Gemüsefelder drängen sich da zusammen, einen unfrohen Akkord anklmgen lassend. Dann vom Handel und Leben durch- hastete Straßen, die alles, nur nicht die beschauliche Ruhe .eines Kurortes gewähren. Aber dann, mit einem Schlage, umfließt uns Schönheit, prachtflutendes Licht, vornehm ab- gestrmmtes Treiben: Paläste und Denkmäler ragen auf. Schmuckplätze breiten sich in lachenden Farben aus, Wasser -rauschen, uralte Baumkronen wölben sich über uns; auf Roß und Rad, zu Fuß und zu Wagen wogt das Leben drefes einzigen Wiesbaden an uns vorüber. Pracht und Rerchtum zum äußeren Ausdruck zu bringen, kann sich Wresbaden, wie mir scheint, nicht genug tun. Wie ein Rauschtrunk ist es über die herrliche Stadt gekommen Gast- und Badehäuser, die jeder anderen Stadt zur Zierde ge- xetchen würden, werden abgerissen, um mit aller Verschwendung ausgestatteten Neubauten Platz zu machen. Selbst das stilvolle Kurhaus, dessen Erinnerungen eine Romanbibliothek füllen würden, muß jetzt einem Prachtbau weichen. Ruinen auf Schritt und Tritt. Und mit jedem treuen Grundstein mauert man ein.e Welt keimender und verlockender Hofsnungsträume ein.
. Woran ist das neue Hoftheater gegangen', das mit iernem Glanz ohne Gleichen, einer fast überlasteten Pracht jaußen wie innen ausgestaltet wurde. Auf dieser Hofbühne >,Oberon" zu schauen, in den Zwischenpausen das flutende Menschenmeer in dem ganz einzigen, kostbaren Foyer än ftch vorüber wogen zu -lassen: das wirkt
Noch lange nach wie ein fast verwirrender
Traum hinreißender Farbenschöne, berückender Melodien, Zauberbrlder unerhörter Pracht und fein abgestimmter Linienführung. ' ~
Wandelt man in den Anlagen- die sich- um Theater und Kurhaus drängen, so erblickt man immer wieder zwischen den mit malerischen Villen besäeten Hügelwellen, die zur Stadt niederstreichen, die herrlichen Berge des Taunus. Ihre meilenweiten Wälder leuchteten blutgold herab. Das Nächste Ziel der Wiesbadener Kurgäste bleibt doch der Nero- berg. Sein Name hat mit dem grausamen Imperator durch- Ms nichts zu tun, so nahe auch dies hier läge. Römischen Ermuerungen zuliebe hat man diese Lautverschiebung vor- genommen, während in Wirklichkeit Neroberg gleich Nürburg, Nürnberg nur auf eine frühere Oede des einst un- bewachsenen Berges hindeutet.
Wer den Neroberg besteigt, der wandelt wohl nach Wl-ger Trennung gern, wieder ein-mal hinüber, zur griechi
schen Kapelle, deren sünf vergoldete Zwiebeltürme sich so' stimmungsvoll von der waldumrauschten Berglehne abheben Ter heutige Großherzog von Luxemburg, ehemalig Herzog Adolph von Nassau, hat sie einst feiner so früh Heimgegangenen Gemahlin in Liebe erbauen lassen. Ein halbes Jahrhundert ist inzwischen dahingegangen. Als ein jung- blühendes Weib kam sie aus Rußland herüber, um nach einem Jahre sich mit ihrem Neugeborenen auf den Todespfuhl zu legen. Nebeldunst und aufkeimendes Mondlicht umgeisterte bereits die einsam liegende Kapelle, da ich durch Wergunst noch in den wundersamen Kirchenraum treten! konnte, in dessen Seitennische unter einem Marmor-Sarkophag das fremde Königskind schläft. Um diese Stunde ein ergreifendes Bild! So menschlich schön! So eindringlich predigend, daß auch. Kronen nicht vor Leid und Tränen' schützen.
Auch an dem Limes bin ich in diesen warmen Herbsttagen entlang gestreift. Rieselnder Blätterregen und zuweilen das Geschrei ausfliegender Eichelhäher unterbrachen nur die Stille. Germanen und Römer haben hier wachhaltend gestanden. Auch jener Römer, der sein Herz an ein blondes Ehattenmädchen vertändelte und von dem Scheffel das Schelmenlied vom „verrissenen Camisol" gesungen. Und wer die Mär nicht glauben will, der wandere nur hinüber Mr Saalburg, wo unweit des wiederhergestellten Kastells der Eingang zu einer Halle diese Liebestragödie in tollem farbenfrohen Wandbildern feiert.
Auch auf der Saalburg war's in diesen Tagen still. Man war bemüht, die -letzten Spuren der Auto-Wettfahrt zu beseitigen und den geweihten Platz seiner Würde und Feierlichkeit zurückzugeben. Und neben der Wettkampfstraße arbeiteten Gruppen von Männern^ aus dem Boden nach fast zweitausendjährigem Schlafe römische Kultur zum Sonnenlichte wieder zu heben.
Wer im Taunus weilt, den drängt es eines Tages auch mal ivieder hinüber zum alten Rhein, dessen Rebenblut ihm jeden Tag goldene Grüße aus dem Römer winkt. Bereits auf der Fahrt bis Rüdesheim hat man des öfteren Gelegenheit, recht tief den Hut zu ziehen, wenigstens doch tot Geiste. Denn das Auge schweift über Rebengelände, deren Namen allein schon einen Irrgarten voller Lieder! aufsprießen lassen. Und als nun gar Johannisberg in Sicht trat, da erhob ich mich stillschweig-end und huldigte so dem Gott der Reben. Daß man doch aus dem Heidentum nie ganz herauskommt! Rüdesheim stand noch aus dem alten Fleck, und die leidige Zahnradbahn haspelt für bein- schwache Menschenkinder noch immer die Höhe zu Deutschlands Nationaldenkmal empor. Wer aber zu Friß emporwandelt, der muß sich erst kämpfend Bahn brechen durch eine Reihe geschmackvoller Poftkarten-Raubburgen. „Frau Germania schien nicht ganz wohl zu sein. Man hatte ihr einen bretternen Umschlag übergelegt, und eine Grupps Doktoren arbeiteten geschäftig und besorgt an der starken Dame herum. Auch schien eine Verstimmung mit dem französischen Nachbar bei ihr Platz gegriffen zu haben. Sie hatte den Blick von ihm abgewandt und schaute hinüber ins. deutsche Vaterland.
IN der „Krone" zu Aßmannshausen wird noch immer ein gar trefflicher Eigener verzapft. Ob man in diesem traulich-anheimelnden Hause will oder nicht: man entgeht alten literarischen Erinnerungen nicht. Von allen Wänden raunt es nieder. Trinklieder steigen zum Wohle des grünen Stromes draußen vor der Tür, zum Segen des Vaterlandes und seiner holden Frauen, und wie Geisterhauch hallt es zuweilen durch das stille Gemach vom Klingktang aneinander klirrender Römer. Als stünden die toten Sänger wieder aus, die hier so manchmal der Lehre des alten Heraklit folgten: „Alles fließt!"
Wer vom Rhein und aus dem Taunus scheidet, soll den- letzten Abend im neuen Ratskeller zu Frankfurt ausklingen lassen. Vornehm und gemütlich zugleich, bietet er nur das Beste. Ich habe da lange gesessen, und als ich hinaus trat und nun durch das enge Gassengewirr der Altstadt schritt, längs der wackligen, vorübergebeugten Häuserzeilen, als über mir die Glocken des Tomes durcheinander lärmten, der Mond über d-em Main so selig schwamm: da dachte ich in dieser Abschiedsstund e des großen Herzenbezwingers Goethe, dessen Wiege in diesem weingesegneten Lande stand, und der doch schließlich tot Thüringer Lande feine Heimat und. letzte Ruhestatt sand.


