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Schicksal verschlagen hatte, und einen Augenblick erstarrte er vor Staunen und Entzücken, von der Großartigkeit des Anblicks bewältigt. Dann machte er sich aus der Umarmung des Herrn los und begann, vor Jntensivität des Eindrucks, sich auf einem Punkte wie ein Kreisel zu drehen. Tie neue Welt war groß und voll hellen Lichtes. Wohin er auch blickte, überall, vom Boden bis zur Tecke, sah er nichts als Gesichter, Gesichter und Gesichter.
„Tante, ich bitte Sie, Platz zu nehmen!" rief der Herr.
Kaschtanka hatte noch nicht vergessen, was das zu bedeuten habe, sprang auf den Stuhl und setzte sich. Er sah den Herrn an. Seine Augen blickten ernst und freundlich wie immer, das Gesicht aber und besonders der Mund und die Zähne waren durch ein breites, erstarrtes Lächeln entstellt. Er lachte, sprang, zuckte mit den Schultern und tat, als sei er durch die Anwesenheit der Tausende von Gesichtern hoch erfreut. Kaschtanka glaubte seiner Lustigkeit, empfand plötzlich mit seinem ganzen Körper, daß diese Tausende von Gesichtern ihn ansahen, hob sein Fuchsschnäuzchens in die Höhe und heulte lustig auf.
„Sie, Tante, bleiben etwas sitzen", sagte der Herr, „während wir mit Onkelchen die Kaniarinskaja tanzen wollen."
Theodor stand in Erwartung des Augenblicks, wo man ihn zwingen wiirde, Dummheiten zu machen, da und blickte sich gleichgiltig nach allen Seiten um. Er tanzte schlaff, lässig und finster, und man konnte es seiner: Bewegungen, seinem Schwanz und dem Schnurrbart ansehen, daß er die Menge, das grelle Licht, den Herrn und sich selbst tief verachtete. . . Nachdem er seine Portion abgetanzt hatte, gähnte er und setzte sich.
„Nun, Tante", sagte der Herr, „zuerst woll'n wir mit jJhnen etwas singen, und dann tanzen wir mal. Gut?"
Er holte aus der Tasche eine Pfeife heraus und begann zu spielen. Kaschtanka, der keine Musik vertragen konnte,, fing an, auf dem Stuhl unruhig hin und her zu rücken! und zu heuten. Bon allen Seiten ertönte Gebrüll und Beifallsklatschen. Ter Herr verbeugte sich und fuhr fort, als alles pich beruhigt hatte, zu spielen. . . Während einer sehr hohen Note schrie irgend wo oben unter dem Publikum jemand aus.
,,,Vater!" rief eine Kinderstimme. — „Das ist doch Kaschtanka !"
„Natürlich Kaschtanka!" bestätigte ein etwas angeheiterter, zitternder Tenor. „Kaschtanka! Fedjuschka, straf Mich Gott, das ist Kaschtanka! Füit!"
Auf der Galerie pfiff jemand, und zwei Stimmen,, eine männliche und eine Kinderstimme, riefen laut:
„Kaschtanka! Kaschtanka!"
Kaschtanka erbebte und schaute nach der Stelle hin, von wo aus gerufen wurde. Zwei Gesichter, das eine behaart, angetrunken und lächelnd, das andere dick, rotwangig und erschrocken, schlugen Kaschtanka in die Augen, wie es vor- deni das elektrische Licht getan hatte ... Er erinnerte sich plötzlich an etwas, fiel vom Stuhl hinunter und begann auf dem Sande zu zappeln; dann sprang er aus und stürzte fieudig auf die Gesichter zu. Ein betäubendes Gebrüll erschallte, durchdrungen von Psisfdn und dem schrillen Ruf einer Kinderftimme:
„Kaschtanka! Kaschtanka!"
Kaschtanka sprang über die Barriere, dann über die Schulter irgend jemandes und befand sich in einer Loge. Um in den nächsten Rang zu gelangen, mußte man über eine hohe Wand springen. Kaschtanka sprang, aber zu kurz, und rutschte längs der Wand zurück. Darauf ging er von Hand zu Hand, leckte irgend welche Gesichter und Hände, kam immer höher und höher und gelangte endlich auf die Galerie.
Eine halbe Stunde später lies Kaschtanka auf der Straße Hinter zwei Menschen her, die nach Leim und Lack rochen. Der Tischler Luka Alexandritsch schwankte und hielt sich instinktiv, durch Erfahrung belehrt, möglichst weit von der Straßenrinne weg.
,Lm Pfuhle des Lasters gehe ich vmter", murmelte er. »llud Du, Kaschtanka, bist ein Mißverständnis. Im Vergleich «u uns Menschen bist Du so... so wie ein Zimmermann' jm Vergleich zum Tischler..."
Neben ihm schritt Fedjuschka einher, tu der alten Mütze lkes Vaters. Kaschtanka blickte ihnen beiden auf den Rücken', Wrd. xs war ihm, als Linus er. schon lange hinter ihnen
her, und als wäre sein Leben nicht einen Augenblick unter-! brochen worden . . .
Er erinnerte sich an das Zimmerchen mit den schmutzigen Tapeten, den Gänserich, an Theodor, an die schönen Diners, die Stunden, den Zirkus, aber alles erschien ihm. jetzt wi,q ein langer, wirrer, schwerer Traum. J ‘
Kerösttage im Taunus.
Von A. Trinius. ... ,k.
Cs war wie ein Glanz durch Märchenland, da! ich iN diesen goldenen Herbsttagen unter den Laubkronen der weiten Wälder des Taunus üahinschritt. Ein feiner, lichtblauer Nebelduft witterte zwischen den grauen Stämmen und tauchte die Tiefen der breiten, langgestreckten Waldflraßen in geheimnisvollen Dunst, gleich Weihrauchwolken, die aus Domeshallen zur erdentrückten Himmelsdecke schweben. Man meinte immer. Gestalten müßten lautlos auftauchen, spukhaft, mit großen, stillen Augen, um dann wieder hineinzutauchen in das webende Nebelmeer, Wie von Blut übergossen, lag der Waldboden da. Und dazu immer ein leises, flirrendes Rieseln von Millionen goldbrauner, fonnenmüder Blätter, das die Lust unaufhörlich füllte. Ein fast tändelndes Abschiednehmen von! aller Lust und Herrlichkeit! Ein lächelndes Hinübergleiten zur Allmutter Erde! Schönheit auch noch im Tode!
Eine warme, fast schwüle Luft lag in diesen Tagen über dem so reich gesegneten Gau, dessen heiße Quellen vor zwei Jahrtausenden bereits die wasserliebenden Römer anzogen, daß sie hier Siedelungen gründeten!, Paläste sich errichteten und ein Wohlleben führten, das sie das ferne Rom wohl vermissen ließ. Durch die stillen Wälder, über Feldmarken hin kann man noch heute die uralte Grenze zwischen Rom und Germanien verfolgen, den Limes, um dessen Wiederaufdeckung sich Mommsen und Cohausett so hohe Verdienste erwarben, daß man mit Recht beider Bildnisse auf Leinwand und in Marmor der Sammlung aus der Saalburg einverleibte. An jene fernen Tage römischer Herrschaft erinnert heute auch noch ein großer Teil der Frauen dieses Gaues zwischen Main und Rhein, Starkes, f chwerfließendes Römerblut kreist noch immer in ihren Adern. Die herbe norddeutsche Frische mangelt ihnen, Ihre Augen blicken groß, dunkel und sinnenfroh in die Welt, in üppiger Pracht wölben sich Hüften und Busen. Auf deutsches Wandern schmälen sie, doch in Bechern und! Küssen nehmen sie es ernst und fleißig.
Während man in den Taunuswäldern emsig dabei war, die herab gefallenen eßbaren Kastanien einzusammeln, zum Rösten und — für die Chokoladesabrikanten, herbstete man im Rheingau die letzten Edeltrauben ein, Scharen von fröhlichen Frauen und Mädchen, „den Tag 'ne Mark und eine Kanne Aeppelwoin". Ob die Römer bereits Rheinwein tranken, sei dahingestellt. Die lleberlieferung berichtet, daß es Karl der Große gewesen sei, welcher zuerst den Weinbau längs des grünen Stromes einfiihrte. Won seiner Pfalz Ingelheim soll er bemerkt haben, wie drüben am rechten Rheinufer stets der Schnee an einigen Stellen rasch verschwand. Da ließ er Rebstöcke aus Frankreich kommen und solche dort einpflanzen.
Ob der große Kaiser aber auch längst gestorben ist/ seine Reben hat er nicht vergessen. Alljährlich einmal in einer warmen Sommernacht schreitet er mit Szepter und! Krone im wallenden Purpurmantel am Rheinufer entlang, die Reben still und fromm zu fegnen. Wer ein Sonntagskind ist und Märchenaugen hat, der kann ihn schauen in all' seiner Herrlichkeit. ;
Wer von Thüringen her in das Land der Reben und der dunkeläugigen Frauen fährt, der nimmt den Weg durch die Täler, durch welche auch einst die eroberungslüsternen Römer zogen, als sie bis zur Elbe drangen, um hier aufs. Haupt geschlagen zu werden: längs der Hörsel, Werra, Fulda, Kinzig und des Mains. Noch einen Wbschiedsblich auf die leuchtende Wartburg. Ein Stück Werra entlang. In Bebra, alles Pfeifen und Lärmen übertönend, schalltj noch immer die Löwenstimmo des bekannten Portiers, dessen Kartenbildnis ihn lächelnd zeigt, nur leider die, Macht s einer Lungenflügel nicht. Ueber dem altertümlichen! Tächergewirr von Hersfeld ragen anklagend die herrlichen! Ruinen der von den Franzosen zerstörten Abtei. 'Ihr Gründer war zugleich der Erbauer der Stadt, die ihm! ein Denkmal setzte und alljährlich noch das. Lullusfest be-


