Ausgabe 
23.11.1904
 
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Wr. 175

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Kaschtanka.

Won Anion T s ch e ch o f f. (Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Ter Kater miaute heiser unter Kaschtankas Pfoten, aber in diesem Augenblick ging der Pelz auf, der Herr sagte hop!" und Theodor und Kaschtanka sprangen auf den Boden hinab. Sie befanden sich in einem kleinen Zimmer mit grauen Bretterwänden. Außer einem Tisch mit Spiegel, einem Taburett und verschiedenem Lumpenzeug, das in den Ecken hing, gab es hier keine Möbel, und "statt einer Lampe oder eines Lichts brannte eine helle, fächerförmige Flamme, die an einer kleinen, in die Wand gesteckten Röhre befestigt war. Theodor leckte sein Fell, welches Kaschtanka zerknüllt hatte, ging unter das Taburett und legte sich hin. Ter Herr, der sich 'noch immer aufgeregt die Hände rieb, begann sich zu entkleiden. Er zog sich aus, wie er sich gewöhnlich zu Hause auszuziehen pflegte, wenn er im Be­griffe war, sich zu Bett, unter die wollene Decke zu legen. Er legte alles außer der Wäsche ab, setzte sich dann auf das Taburett und begann vor dem Spiegel ganz sonderbare Tinge mit sich vorzunehmen. Zuerst zog er sich eine Perrücke über den Kopf, mit einem Scheitel und zwei Haarbüscheln, die wie Hörner aussahen, dann schmierte er sich das Gesicht mit irgend etwas Weißem dick ein und malte sich über der weißen Farbe noch Augenbrauen, Schnurrbart und rote Wangeu. Dancit war aber der Spaß noch nicht aus. Nachdem er sich Gesicht und Hals so besudelt hatte, begann er ein ganz sonderbares, unsinniges Kostüm anzuziehen, wie Kasch­tanka ein solches früher nie, weder in den Häusern, noch auf den Straßen gesehen hatte. Man stelle sich unglaublich weite Hosen vor, die aus einem großgeblümten Baumwoll­stoff gefertigt, wie er in kleinbürgerlichen Häusern zu Fenstervorhängen und zu Möbelbezug verwendet wird, Hosen, die ganz oben unter den Achseln zugeknüpft wurden; das eine Bein braun, das andere hellgelb. Nachdem er in diesem Kleidungsstück fast versunken war, zog der Herr sich noch eine baumwollene Jacke mit gezacktem Kragen und einem goldenen Stern auf dem Rücken au, verschieden- farbene Strümpfe und grüne Schuhe. . .

Kaschtanka wurde es bunt vor den Augen und in der Seele. Won der weißgesichtigen, sackförmigen Figur roch es nach dem Herrn, auch die Stimme war die Stimme des Herrn, aber es gab dennoch Augenblicke, wo Kaschtanka Von Zweifeln befallen wurde, und dann war er bereit, von dieser bunten Figur wegzulaufen und sie anzubellen. Der neue Ort, die fächerförmige Flamme, der Geruch, die Metamorphose, die mit dem Herrn geschehen war alles das erzeugte in Kaschtanka, eine unbestimmte Furcht und eine Ahnung, daß er sicher irgend etwas Fürtcherlichem begegnen iverde, wie dem dicken Scheusal mit dem Schwanz statt der Nase. Dazu spielte noch irgendwo in der Ferne

hinter der Wand die verhaßte Musik, und von Zeit zu Zeit ertönte ein rätselhaftes Gebrüll. Eines nur beruhigte« Kaschtanka die unerschütterliche Ruhe Theodors. Dieser schlummerte ruhig unter dem Taburett und öffnete nicht mal dann die Augen, wenn das Taburett sich bewegte.

Ein Mensch in Frack und weißer Weste sah ins Zimmer herein und sagte:

Gleich ivird Miß Arabella auftreten. Dann kommen! Sie."

Ter Herr antwortete nichts. Er holte unter dem Tischj einen kleinen Koffer heraus, setzte sich uird begann zu warten. An seinen Lippen und an den Händen konnte mack merken, daß er aufgeregt war, und Kaschtanka hörte, wie sein Atem bebte.

Monsieur George, bitte!" rief jemand hinter der Tür)

Ter Herr stand auf und bekreuzte sich dreimal, dann holte er unter dem Taburett den Kater hervor und steckte ihn in den Koffer.

Komm, Tante!" sagte er leise.

Kaschtanka kam, ohne irgend etwas zu begreifen, zu seinen Händen heran. Der Herr küßte ihn auf den Kopf und tat ihn neben Theodor in den Koffer. Darauf trat völlige Dunkelheit ein. . . Kaschtanka trampelte auf dem Kater herum, kratzte an den Wänden des Koffers und konnte: vor Schreck keinen Ton von sich geben, während der Koffer wie auf den Wellen schwankte und zitterte. . .

Da bin ich ja!" schrie der Herr laut auf.Da bin ich ja!"

Kaschtanka fühlte, wie nach diesem Schrei der Koffer auf irgend etwas Hartes aufschlug und aufhörte zu schwanken. Ein lautes, volles Brüllen ertönte: auf irgend jemand wurde dreingeschlageu, und dieser irgend jemand- wahrscheinlich das Scheusal mit dem Schwanz anstatt der Nase, brüllte und lachte so laut, daß das Schlößchen am Koffer zitterte. Ms Antwort aus das Gebrüll ertönte ein schrilles, durchdringendes Gelächter des Herrn, wie er zu Hause niemals lachte.

Ha!" rief er, bemüht, das Gebrüll zu überschreien. Hochverehrtes Publikum! Ich komme eben vom Bahn«! Hof! Meine Großmutter ist verreckt und hat mir eine Erb­schaft hinterlassen! In dem Koffer ist etwas sehr schweres, wahrscheinlich Gold . . . Haa! Und wenn ich hier plötz­lich eine Million finde! Wir wollen mal gleich aufmacheU und nachsehen. . ."

Tas Schloß am Koffer knackte. Grelles Licht schlug- Kaschtanka in die Augen. Er sprang aus dem Koffer und begann, vom Gebrüll betäubt, in schnellem Lauf um seineu Herrn zu kreisen, wobei er em schallendes Gebell ausstieß.

Ha!" schrie der Herr.Onkel Theodor! Verehrtest« Tante! Daß euch der Teufel hole, meine lieben Verwandten!"

Er warf sich mit dem Bauch in den Sand- ergriff Kasch­tanka und den Kater und begann sie zu umarmen. Während er ihn in feiner Umarmung fast erdrückte, warf Kasch­tanka einen flüchtigen Blick auf jene Welt, in die ihn das.