Ausgabe 
23.10.1904
 
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Samstag den 85. Mioöer 1 7.»Tir

?rtm Ä^iegeiitr^njei^er (S^ml-Jnjeyer).

Aus Lieöe.

Roman von M. v. Eschftruth.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Harro geriet wie unter eine Suggestion. Er meinte das Rauschen und Knistern ihrer seidenen Kleider zu hören, töricht! Die Tür zwischen ihnen war ja verschlossen. Er meinte den Duft ihres Haares, ihrer Gewandung zu ver­spüren, die so ganz eigene, wunderbare, halb betäubende und halb erregende Atmosphäre, die ihm identisch mit ihrer Persönlichkeit geworden. Unsinn! Eine Mauer trennte sie von ihm. Wer Ellinor hatte hier gewohnt sie hatten erst später die anderen Zimmer bekommen, hatte ihm der Rittmeister erzählt. Die Erinnerung an sie war zurück­geblieben. Und nun drückte er den Kops in die Kissen. Wohlig betäubte die Erinnerung das gequälte Hirn. Harro Mief ein.

Am anderen Morgen fuhr er bereits in der Frühe nach Hoppegarten hinaus. Er hatte mit dem Rittmeister verab­redet, daß er draußen bleiben würde. Er hatte einmal den Kommandeur zu reiten übernommen; er wollte sich allein an diese seine Sache halten und an weiter nichts. Ernst, nüchtern, nrit leerem Blick war Harro von Berlin abgefahren. Doch der Morgen war klar, die Luft war frisch, der Rasen lockend, glatt und weich. Der Kommandeur hatte sich wohl in seinem Quartier befunden, machte eine famose Figur und ging brillant! Dazu kamen Kameraden, die man lange nicht getroffen; es gab Pferde zu besehen, die man noch nicht rannte. Kurz, Harros Lebensgeister hoben sich, er dachte nur noch fröhlich an den Augenblick und den grünen Grund.

Am Nachmittag sollte das erste Rennen stattfinden. Immer reicher und mannigfaltiger gestalteten sich die Bilder. Zuerst das Zaunpublikum und die, so sich einen guten Platz sichern mußten. Gleich bunten Blumen schoß die Menge auf und verteilte sich über den weiten Plan. Mn der einen Seite neben den Ställen und dem Start mehrten sich die Uniformen, stellte sich die jeunesse doräe ein, in elegantem Roch, eine Blume auf der Brust. Da­zwischen wurden die Pferde herausgeführt, flitzten die Jockeys vorüber oder standen aufpasfeud, lungernd umher. Sportsmänner, hagere Gestalten, hagere Gesichter, meist Mit langen Nasen, gingen um, und am Totalisator häufte .sich das Gedränge. Die Burg der Wagen wuchs jetzt zu­sehends, Mailcoaches erschienen, Wiererzüge. Die Tribünen füllten sich, Damen der vornehmen Welt und Damen der Halbwelt suchten ihre Plätze. Endlich traf auch Ellinor ein. jAm Arm des Gemahls nahm sie zuerst den Weg nach den Ställen. Das Wohl ihres Renners schien der weltgewandten Frau weit mehr am Herren zu liegen, als das seines Retters Mit nicht Mehr als liebenswürdiger Artigkeit reichte sie

ihm die Hand. Dann mußte er Greditzens auf die Tribüne begleiten. I

Das Rennen begann. Und die Sonne schien, in lichtem Mau umspannte der Himmel den weiten Plan, die Pferde? flogen nur so über den grünen Grund: Harro war mit; Leib und Seele dabei! Immer wieder kamen Bekannte, Kameraden, Freunde. Es war ein Durcheinander von! Händeschütteln, Fragen und Willkommen, ein Austausch von) Meinungen, Wertungen hinsichtlich des Tages. Die Uni­formen glänzten, Säbel klirrten und Sporen klangen; die! Toiletten rauschten, schöne Frauen nickten huldvollen Grußs mit dem feinen Köpfchen unter wallendem Federhuh, lächelten bald nach links, bald nach rechts, immer ganz bei der Sache, ob es den Pferden galt oder dem eleganten Flirt, der einmal zum Sport hier draußen gehört. Von unten herauf, etwas gedämpft, doch weithin ertönte das! Jubeln und Jauchzen der Menge.

Ellinor trug ein Kleid von weißem Covercoat, glatter Rock, glatte, lose Jacke, ein Chemisette von echten Spitzen, einen großen, runden Hut mit weißen Federn und weißen) Rosen, den Kelch gelblich getönt, einen weißen Schirm mit langer Schleife und weiße Handschuhe. Es war eine? Toilette, deren Schnitt wundervoll für die hohe, über­schlanke Figur, deren Farben wundervoll zu dem matten Inkarnat ihres Gesichtes, den nachtschwarzen Augen und den nachtschwarzen Haaren stand. Alle Welt war weg über die ausgezeichnete Erscheinung! Die Kameraden neideten Harro um den Platz an ihrer Seite, um solch eine Ritt­meisterin überhaupt! Noch dazu, da er verheiratet war, Daß er verheiratet war! Zuweilen kam es ihn bitter an, umschattete sich seine Stirn. Doch in dem' allgemeinen Brouhaha konnte man über keine Verstimmung brüten. Er vergaß es auch immer wieder, und so ümrde seine Sttrn auch immer wieder heiter. Ellinor erschien heute im ganzen viel gemessener als sonst. Es schien ihr vor allem daraus anzukommen, eine vollkommene, korrekte Dame abzugeben Selbst die bekannte Neigung des schlanken Kopfes, bei Taubenblick und der girrende Ton ihrer Stimme waren verhaltener. Niemand hätte auf den Gedanken komMer können, daß sie auch nur um einen Hauch wärmer, als hätte sein sollen, für ihres Gatten schönen Leutnant em­pfände. Dieser selbst glaubte fast, er habe alles andere geträumt.

Rittmeister v. Greditz und Frau waren mit dem Vierer zug des Grafen Brockendorf herausgefahren. Selbstvev stündlich fuhr Harro nun Mit dem Grafen und noch einen Kameraden aus dem Korps heim. Der Weg war lang staubig, doch belebt von Gefährten und Reitern aller Art Es machte sich famos, so hoch von oben herabzuschauer aus die Menge, zu treiben mit dem! Strome, aber unter die Auserwählten, den creme der Gesellschaft, zu zählen Alte Erinnerungen wurden in Harro lebendig. Seine Auger blitzten, seine Züge sttahlten vergnügt, wie lange nicht Elttnor weidete sich an dem Anblick des schönen Mannes