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er siegen müsse, um jeden Preis. Fünf Pferde standest bereit für den Start: Möve, Leutnant Gras Adlerskron; Tiger, Rittmeister Nikitsch; Kätzchen, Leutnant Freiherr von Boden; Sybille, Rittmeister v. Uhde und der Kommandeur, Leutnant Freiherr v. Urau. Tie Flagge fiel. Weich einem Pseil schossen die fünf Tjxre dahin, alle Köpke in einer Reibe, die Sckiweiie in der Lufi. Wenigs Sekunden. Möve war eine Kopflänge voraus: Tiger, ein rotbrauner Wallach, überholteste bald. Harro gab dem Kommandeur die Zügel, er schoß vor; Sybille und Kätzchen strengten sich an, sie hielten die Reihe ein mit dem Kommandeur.
Tie erste Hecke nahte. Der Kommandeur nahm sie brillant. Sybille und Kätzchen sprangen nicht gleich gut; aber sie machten es mit Lausen wett und blieben in der Reihe mit dem Kommandeur, auch als die nächste genommen ward. Bei der großen Mauer erst blieben Sybille und Kätzchen zurück. Dafür aber, wie aus der Pistole geschossen flogen plötzlich jetzt Tiger und Möve daher. Ter Tiger kam wieder vor. Harro fühlte nur noch das Schneiden der Lufi, hörte, wie im Fieber, das Schnauben der erregten Pferde neben seinem Pferde. In wahnsinniger Hast ging es weiter, im Hui wurden die Hindernisse genommen. Doch meinte er, sich nur einen Augenblick um eines Kopfes Länge zu behaupten, flatterte in dem nächsten schon wieder die rote Mähne des Tigers vor seinen Blicken. Der Gaul lief wie der Teufel, aber auch Möve machte ihrem Namen Ehre und war kein zu unterschätzender Rivale. Immer mehr gab Harro die Flanken seines Pferdes frei. Fast saß er ihm aus dem Hals. „He, he", ermunterte er. „He/ he!" schrie die Menge, und der Kommandeur lies, als wisse er um die Stimmung seines Herrn, als gälte es seinem Geschick. Da, endlich schienen Möve und Tiger etwas matter zu werden. „Der Kommandeur hat es, ho, der Kommandeur!" jubelte es ringsum, und in der Tat, er behauptete! bereits, unbestritten, die Töte.
Jetzt galt es, den großen Graben zu nehmen. War es^ daß die Erxegung des Reiters auf seinen Renner überging,' oder auch nur ein einfaches, ganz gemeines Pech, wie es jeden besallen kann. Um einen Hauch weniger sicher, setzten die Huse des Tieres drüben am jenseitigen Ufer auf, der Kommandeur sank aus die Kuiee, alles schien verloren. Doch sein Reitergeschick versagte Harro in diesem entsetzlichen Augenblick nicht. Die Not gab ihm die nötige Ruhe wieder, und damit den vollen Gebrauch seiner Meisterichait. Als sei er mit ihm aus Erz gegossen, blieb er Eins mit seinem Pferde. Im Nu half er ihm in die Höhe — sofort aber schlug ihm der rote Schweis des Tigers an die Brust, auch Diöve war wieder vor aus dem Plan. Das durfte nicht' sein. Tief jetzt drückte der Reiter dem Renner die Sporen in die Weichen, die Gerte berührte tert, stolzen Pferdenacken. Es war, als ob das Tier stöhnte. Dann aber, ein edles Geschöpf, gab es her, was sein war, legte los, als ob es ums Leben ging, und schoß allen um eine Pserde- -änge voraus durch das Ziel.
Jubelnd tobte die Menge, die mit graueluder Wonne dem aufiegenden Schauspiel zugesehen. Schreiend, streitend, gingen die umher, so dem Neuen noch nicht trauend, ihren Satz auf die anderen verloren hatten. Zitternd, keuchend, schweißtriefend, schaumbedeckt, die Flanken schlagend, blutend, stand der Kommandeur nehpn seinem Reiter. Fast tat es diesem leid, daß er das Tier so zu dem Aeußersten getrieben. Doch stolz mit seinem schönen Kopse nickte der Kommandeur, als wollte er sagen: Wir konnten ja nicht anders. Uttb strahlend blickte auch wieder sein Reiter drein. Doch inmitten derjenigen, die ihn beglückwünschten, galten seine Gedanken zuerst dem Pferd; ja, er legte selbst Hand mit an, daß es wohl versorgt ward. Tann erst stand er allen Freunden zu Diensten, auch Ellinor. Der Rittmeister war vergnügt, wie lange nicht. Der Kommandeur war um ein bedeutendes gestiegen an Wert. Er hatte seinem Herrn Ehre und eine hübsche Summe eingebrachr. Ellinor strahlte. Im Triumph ließ sie sich von dem Sieger aus die Tribüne zurückbeglerten, noch eine glänzende Folie mMr für sie selbst.
Es war gegen acht Uhr, als der Biererzug des Grafen mit all seinen Insassen wieder vor dem Hotel Bristol hielt ,-Frau v. Urau müssen wir doch telegraphieren",, siel nun Ellinor liebenswürdig eim Es schien, es machte ihr Vergnügen, jedermann wissen L« lassen, wie besorgt sie für die Frau von dein Leutnant ihres Mannes und
„Ich wußte, daß es Ihnen Freude machen würde", sagte sie in tadelloser, rzrhig kühler Haltung. Ganz wie von ungefähr streiften aber dabei die großen Federn ihres breitrandigen Hutes seine Wange. Er verstand, was sie damit sagen wollte. „Ich weiß, daß ich nur Ihnen alles zu bauten habe", gab er warm zurück, griff nach ihrer Hand und führte sie dankbar an seme Lippen. Ellinor ließ die Hand schnell in die Falten ihres Kleides versinken, um- K hier seine Finger mit zärtlichem Druck, während sie ß wie eine Königin.
'Harros Stirn färbte sich dunkel. Unbefangen wendete sich Ellinor an ihren Nachbar rechts: „Wollen wir den Kleinen nicht ein paar Pfennige werfen? Sie laufen sich die Lunge aus." Damit zog sie ein kleines Portemonnaie von Elsenbein aus der Tasche und streute seinen Inhalt aus die Straße. Noch andere folgten ihrem Beispiel. Und die Wfder, die, bettelnd ihre Kornblumen emporhaltend, den Wagen begleiteten, stürzten sich auf die Münzen. Man belustigte sich au der Balgerei. Den Abend verbrachten so ziemlich alle, die mit dem Biererzug des Grafen hereingefahren waren, zusammen. Harro saß nicht bei Ellinor; doch er empsand ihre Anwesenheit gleich einein Rausch. Als man in Rücksicht auf den anderen Tag, an dem einige der anwesenden Herren reiten wollten, früher auseinanderging, lud Frau v. Greditz die ganze Gesellschaft für den nächsten Abend ein, zur Feier für den Sieg des Kommandeurs. „Das ist etwas unvorsichtig, meine Liebe", meinte der Rittmeister lächelnd. „O nein, man muß au den Erfolg glauben!" rief sie heiter dagegen. „Sie müssen uns Glück bringen, Herr v. Urau", wandte sie sich an Harro, sodaß jeder es hören mußte. Leiser „ich habe gewettet. Borsicht, es darf niemand darum wissen." So reichte sie ihm die Hand. Wieder verborgen in den Falten ihres Kleides umschloß sie seine Finger mit heimlichem Druck.
Harro stand einen Augenblick wie verwirrt, wie betäubt. Was hatten sie mit den Worten sagen wollen? Galt die Vorsicht ihrer Wette, seinem Reiten, oder — Und wie Feuer lief es plötzlich durch seine Wern. Er schüttelte sich, als gelte es, einem zu wehren. Er liebte sie ja doch, seine ehrliche, warmherzige, natürliche Frau. Es graute ihm eben fast vor der anderen. — Nun fiel es ihm ein, daß er doch hätte seiner Frau schreiben lönneit, zuerst hatte er es nicht gewollt 9cun aber sollte es noch geschehen, sofort. Als er aber mittlerweile in seinem Zimmer angekonrmen war, stellte es sich heraus, daß es hier weder Karte gab, noch Papier. Es war wohl verbraucht und vergessen worden, zu ersetzen. Na, denn morgen früh, heute kam doch nichts mehr an. Mochte es also darum sein. Morgen, morgen wollte er gewiß schreiben.
Harro v. Urau war jung und gesund. Der Schlaf liebt die Jugend und Gesundheit. So schlief er denn, trotz seiner Erregungen und Erlebnisse, bald ein; ja er verschlief sich sogar bis fies in den Morgen hinein. Trotzdem war er hochgradig erregt und begab sich sofort, ohne jemand zu sehen, fteilich auch ohne zu schreiben, nach Hoppegarten hinaus. Der Kommandeur war abermals famos im Stand. Er sah ihn an mit so großen, klugen Augen, als wisse er, ■ um was es sich handelte, rieb seine weiche Pserdewange an des Offiziers Schulter, als wollte er sagen: „Nur ruhig, ich tue meine Schuldigkeit." Er ging auch bei dem kurzen Ritt Mit wunderbarer Gleichheit und Leichtigkeit. Dennoch wich Harros Erregung nicht. Er konnte es nicht begreifen, er hatte doch schon Mehrmals geritten und immer mit Erfolg. Aber seine Erregung steigerte sich, ihm war, als ginge es um sein Schicksal. Er konnte nichts essen, lebte eigentlich nur von ein paar Schluck Kognak, die er so nebenher genommen, um wenigstens etwas im Magen zu haben. Dann kam die Stunde der Rennen. Greditz und seine Frau erschienen vorher, um noch nach ihrem Pferde Und seinem Reiter zu sehen.
Ellinor trug ein Kleid von mattgelbem Crepe de chine, wunderbar arrangiert mit langen, goldglänzenden, seidenen Franse», einen großen, mattgelben Hut mit wallenden Federn, und als einzigen Schmuck ein paar dunkelgraue Perlen im Ohr, in den Spitzen bet Halskrause, einen Strauß weißer Rosen mit grünem Kelch in der Hand. „Na, dann los!" Der Rittmeister klopfte seinem Pferde den Hals und seinem Pferde die Schulter. Ellinor steckte ihm eine Rose in die silbernen Schnüre auf dem Rock. „Das find Unsere Farben", sagte sie heiter, neigte den schlanken Kops ■ Und iah ihn an. In dem Augenblicke sagte er sich, daß


