Ausgabe 
23.7.1904
 
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moderne Völkerwanderung War es, die sich in dieser Juli­hitze den Augen des staunenden Beobachters zeigte. Alle Droschken waren in Bewegung, und Koffer aller Perioden, selbst solche, die ihrer Beschaffenheit nach schon in Naohs Arche gestanden haben konnten, prangten auf den KUtfch- böcken neben den mühsam Balance haltenden Rosselenkern. Alles, was 'n bischen was is", wie der Berliner ironisch zu sagen pflegt, hat sich davon gemacht, um nicht wie voriges Jahr im schmelzenden Asphalt stecken zu bleiben, und wer die statistischen Zahlen zu Gesicht bekommt, die ihm verraten, daß von diesem Bahnhof in vier Tagen 109 000 Personen, von jenem ziemlich 90 000 abgedampft sind, ohne daß die Ausströmung schon beendet wäre, der hat. in seiner Phantasie das Gefühl, Berlin müsse nun leer sein, etwa wie Moskau, nachdem es Rostopschin für Napo­leons Empfang illuminieren ließ. Aber ein Blick in die großen Verkehrsadern im Westen und Osten belehrt ihn schnell eines Besseren. Man spürt so gut wie nichts von diesem sommerlichen Aderlaß. Nur im Tiergartenviertel sind ganze Fronten mit den heruntergelassenen Wetter- Mousieen als lebendige Zeichen der Verödung sichtbar; aber das kann man dort auch um die Tage der Rivierareisen be­merken.

Von denen, die zurückbleiben mußten, weil ihnen leider keine Ferien beschert wurden, traf ich unlängst einen wackeren Optimisten, einen mit echtem Spreewasser ge­tauften Geschäftsleiter, der in früheren Jahren manch Stück Welt gesehen hat, ohne dabei sein Berlin je unterschätzen gelernt zu haben. Gehen Sie mir mit dem verrückten Reiserummel von heute!" sagte er lachend auf meine An­frage, wann er seine Koffer zu packen gedenke.Keine- zehn Pferde kriegen mich aus Berlin heraus, wo ich alles haben kann, was das Herz sich wünscht! Oder halten Sie es für einen Genuß, Tag und Nacht in einem Eoupö dritter Jüte eingepökelt zu sitzen, um sich nachher ein paar Wvchen lang in der Schweiz oder Tirol mit zweifelhaften Beefsteaks füttern zu lassen? Wer em gutes Beefsteak essen will, bleibt in Berlin und geht zu Friede oder auch meinetwegen in den Rüdesheimer. Lieben Sie Wiener Küche, so spa­zieren Sie über die Linden zu Skrevanek. Ein besseres Backhähndl finden Sie drei Meilen um den Stephansturm herum auch nicht! Oder schwärmen Sie für Maccaroni mit Tomatensauce? Auch das weise ich Ihnen nach, daß Sie meinen sollen, Sie seien in Florenz oder Napoli. Schwä­bische Spätzle und Leberknödel kommen in Berlin zur Welt, daß sich alle Allemannen die Finger danach lecken. Und wenn die echten Königsberger am Mittwoch ihren geliebten Fleck' bei Siechen kosten und nicht einfach verhimmeln vor heimatlicher Wonne, dann sind es elende Heuchler!" Die Rede war noch viel länger, die er mir hielt, und es kamen in ihr neben Hamburger Aalsuppe sowohl das Leib­gericht der Westfalen:dicke Bohnen mit Speck", als auch der Schlesier geliebtesHimmelreich" zur Sprache. Außer­dem wußte er, wo mau die Hummern am frischesten, die Krebse am größten und die Gebirgsforellen am billigsten in Berlin zu essen bekommt. Er nannte mir Weinstuben mit Elsässer und Badener Landweinen, Lokale mit Grog­spezialitäten und solche, wo man »unverfälschtes Schwarz­wälder Bauern-Kirschwasser trinken kann. Er war ein Geo­graph , des Gaumens für seine geliebte Spreeheimat, wie mir bis dahin noch keiner vorgekommen war. Aber er kannte auch ihre landschaftlichen Reize. Nur amen ihm diese erst in zweiter Linie. Und er lachte mich aus, als ich ihn deswegen einen krassen Materialisten nannte. Halten Sie nur Umfrage bei den Leuten, wenn Sie heim- kehren und ihr Geld Gott weiß wo verzehrt haben, ob nicht die Hälfte seufzend eingefteht, daß mau tn Berlin doch immer am besten futtert und daß die schönste Natur auf die Dauer nicht über die Mängel auf diesem Gebiete hinweghelfen kann", behauptete er ernsthaft.Und die andere Hälfte?" fragte ich lachend.Das sind nichtsnutzige Schwindler!" erklärte er und schüttelte mir vergnügt"die Hand zum Abschied. Ich aber wünschte im stillen jedem, den unumstößliche Pflichten an die teuflische Glut des großen märkischen Babels festhalten, die so echt Berlinische, gutmütig großkozige Zufriedenheit, die mit Humor über etwas unabänderliches sortzukommen weiß.

Nebenbei ist auch für jene, die auf stärkere Reize rea­gieren, als mein Gaumengeograph, reichlich in diesen Juli­tagen für Abwechslung gesorgt. Neben dem wirklich präch­tig gewordenen Ausstellungspark am Lehrter Bahnhof vrä-

sentiert sich ein anderes großstädtisches Gartenlokal in Halenfee, demDorado" aller Tanzfeen, die sogenannten Terassen" als sommerliche Sehenswürdigkeit, und gar am Kurfürstendamm hat sich ein Stück des fernen großen Ozeans aufgetan, auf dessen weitem Spiegel sich augen­blicklich so ungeheuerliche Vorgänge abspielen, daß die Augen der ganzen Welt nach dort gerichtet sind. Man hat dort ein Riesenbassin entstehen lassen und es! ;mit Tri­bünen umbaut, die für ca. 4000 Personen Raum bieten. In diesem Bassin, das etwa 6000 Kubikmeter Wasser ent­hält, schwimmen 31 den großen russischen und japanischen Kreuzern, Torpedos und Torpedo-Zerstörern nachgebildete Schiffe, und diese werden in den dort stattfindenden Vor­führungen mit allen Chikanen der Technik gegeneinander geführt, um den Zuschauern ein Mld von den gewaltigen Vorgängen auf dem Ozean im fernen Osten zu vermitteln. Seegefechte, Explosionen, die Beschießung von Port Arthur und andere nervenaufreizende. Dinge gelangen zur Er­scheinung. Uni) was seit Wochen und Monaten tagtäglich in den Berichten vom Kriegsschauplatz gesucht wird hier wird es zur grausigen Wahrheit. Also eine Sensation allerersten Ranges mitten in der toten Saison! Berlin hat wirklich alles, was man sich nur wünschen kann. Und trotzdem genügt ein Blick auf das immer übermütiger werdende Quecksilber meines Thermometers, um das sonst so langweilige Kursbuch riesig interessant zu finden. Was mich anbetrifft, sind keine zehn Pserde nötig, um mich aus Berlin herauszubringen. Ich mache es zur Not per pedes apostolorum! A. R.

Vermischte».

* V m Hitzschlag. Jevder ist der Gefahr des Hitz- schlages ausgesetzt, der sich der Einwirkung hochgradiger Somruer- wärme im Verein mit tleberanstrengung bei ungenügender Luft­zufuhr und behindcrtem Schwitzen aussetzt. Man sorge dch.r bei unvermeidlicher Anstrecchung in großer Sonnenhitze dauernd für Verdunstung des Schweißes durch ausgiebige Lockerung der Kleid­ung beziehungsweise Entblößung stark schwitzender Hautflächen und berücksichtige, daß schweißdurchtränkte, der Haut fest anliegende Unterkleidung die Schweißverdunstuug fast gänzlich hemmt. Reichlicher Genuß von reinem Wasser soll nicht unterlassen werden. Alkoholartige Getränke sind ganz zu meiden, kohlensäurehaltige, sogenannte Mineralwässer sind weniger zu empfehlen, als frisches, reines Wasser. Der geringere Grad des Hitzschlagcs, den man mit S o n n e n st i ch" zu bezeichnen pflegt, äußert sich in Beein­trächtigung der Gehirnfnnktionen. Nach anfänglichem Kopsschmerz treten Schlasr.gk.it, Benommenheit, mehr oder minder starke Be­einträchtigung des Bewußtseins, taumelnder Gang, selbst epi- lipsieähnliche Krämpfe ein. Man bringt den Verunglückten in den Schatten, löst ihm alle beengenden Kleidungsstücke, so daß er möglichst entblößt wird, gibt ihm eine Halbs.-ende et llung, besprengt ihm kräftig Kopf, Hals und Brust mit frischem Wasser, um tiefere Atemzüge anzuregen, oder flößt ihm Wasser evemuell nut Wein, Kognak usw., oder Hoffmannstropsen vermischt ein. Der Hitzschlag in schwerer Form kennzeichnet sich durch die gleichzeitige Unterbrechung der Gehirntätigkeit und der Atmung. Das Gesicht nimmt schnell eine bleiche, die Lippen eine bläu­liche Färbung an, die Augen sind matt, nur von Zeit zu Zeit hebt ein schwerer und doch nur oberflächlicher Atemzug die Brust; der fadenförmige Puls deutet das drohende Aufhören der Herztätigkeit an ein Zustand, der schnell in Herzlähmung übergeht, Wenn nicht schleunigst Hilfe . geschafft, wird., Hier ist, nachdem man die soeben angegebenen, beim Sonnenhich nn- zuwendenden Maßnahmen recht schnell ausgesührt hat, wenn sie erfolgreich sind, sofort die künstliche Atmung vorzunehmen. Die Belebungs- und Erquickungsmittel erweisen, sich erst dann als nutzbringend, wenn die Atmung wieder hergestellt worden ist. Läßt der Verunglückte Zeichen wiederkehrenden Bewußtseins wahr­nehmen, .so kann Bürsten, beziehungsweise Reiben der Brust und der Fußsohlen, Massieren der Gliedmaßen, kalter Umschlag auf den Kopf, besonders auch ein mit vorsichtiger Ueberwaschung angewandtes lauwarmes Bad die vollständige Wiederbelebung sehr beschleunigen. Die künstliche Atmung wird selbstverständlich am besten von einem Arzte oder einem amtlich geprüften Heil­gehilfen vorgenommen.

* Die Schwimmbäder im Freien haben nicht nur die einfache Bedeutung eines Reinigungsbades, sondern sie find in hervorragender Weise geeignet, den Körper abzuhärten und zu kräftigen. Die Schwimmbewegung nimmt alle Ntuskelgruppen in Anspruch; sie befördert dadurch den Stoffwechsel, Wie wenige andere körperlichen Uebungen, und das Hungergefühl, welches sich nach einem SchWimmbade einzustellen pflegt, ist die gesunde Wechselwirkung. Ein Schwimmbad kann auch länger genommen Werden als ein Flußbad ohne Schwimmen, weil in letzterem Falle .der Wärmeverlust für den Körper ein zu großer würde, da