Ausgabe 
23.7.1904
 
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fitere diese in allgemeinen Ausdrücken gehaltenen Beleidig­ungen verbitten könnte. Ihre Beruhigungsversuche hatten aber leider nur den Erfolg, daß er nun erst recht loslegte.

Da, als er im ärgsten Räsonuieren war, klopfte ihm ein biederer Semliner Holzhändler ganz ungeniert auf die Schulter und s agte:

Wissen Sie, mein lieber Herr, ich höre Ihnen schon Oie längste Zeit zu, und ich bedauere Sie."

Bedauern Sie sich gefälligst selbst!", knurrte ihn Herr von Höchstfeld wütend an.

Ne, ne, ich bedauere Sie", beharrte dieser in aller Gemütsruhe,denn sehen Sie, mein lieber Herr, wenn Sie schon hier Ihren ganzen Vorrat an Schimpfworten aus- kramen, dann bleibt Ihnen doch nichts für die anderen Sta­tionen übrig!"

Herr von Höchstfeld war über diese Dreistigkeit so perplex, daß er gar keine weitere Zurechtweisung fand.

Der urgemütliche Semliner fuhr deshalb in' feiner wohlmeinenden Belehrung fort:

Glauben Sie vielleicht, daß es bei den folgenden Sta­tionen anders sein wird? I bewahre, eine Stunde Ver­spätung haben wir mindestens bei jeder, und wenn nicht mittlererweile die Nacht hereinbricht und der Kapitän sich, deshalb weiterzufahren weigert, darin können wir noch von Glück sagen."

Allmählich kam der Major aus seiner Erstarrung zu sich.Aber zum Teufel", schrie er,zu was hat man denn dann überhaupt einen Fahrplan?!"

Na", meinte jener mit der unschuldigsten Miene von der Welt,Ordnung muß doch sein."

Und das nennen Sie Ordnung? Da weiß doch kein Mensch, wie er daran ist."

Wieso denn nicht, lieber Herr?" widersprach ihm der Semliner ruhig,wir wissen ganz gut, daß wir eine Stunde zu spät immer noch rechtzeitig ankommen. In Mirkowae, der nächsten Station, kommen die Leute deshalb schon um zwei Stunden später usw. Da wir also die wirklichen Abfahrtszeiten so ziemlich genau kennen, so darf man doch nicht von Unordnung oder von Hundewirtschaft reden, das wäre ungerecht, lieber Herr."

Herr von Höchstfeld hatte von dieser ersten Erfahrung auf kroatischem Boden genug und wandte sich brüsk um. Der Semliner hingegen schaute ihm die längste Zeit kopf­schüttelnd nach, und auf eine Frage der Umstehenden, was es denn gegeben habe, sagte er nur achselzuckend:Eh, nichts, Brüder, 's ist so ein verrückter Deutscher, er will nach dem Fahrplan abfahren." ,

Nach dem Fahrplan? Warum denn das?"

Ja, wenn er das selbst wüßte! Weil es gedruckt steht" Er folgte ein homerisches Gelächter, bann steckten fte tue Kopfe zusammen und lispelten und wisperten, und bald darauf wußte es das ganze Schiff, daß man einen armen Kranken" vor sich habe, dem man das Schimpfen NM übel nehmen dürfe, da er ja nicht ganz klar im Kopfe sei.

Aus den teils scheuen, teils mitleidigen Blicken, mit denen man sie auf Schritt und Tritt verfolgte, entnahm dre Familie Höchstfeld recht bald, daß irgend etioas nicht ganz richtig sei. Das heimliche Getnschel ringsherum er­weckte in Frau von Höchstfeld sogar die Angst vor einem geplanten Attentat, und vergeblich suchte ihr Erich diese völlig unbegründete Furcht auszureden. Selbst Erna, die doch sonst nicht so leicht unterzukriegen war, fühlte sich in der fremden Umgebung recht unbehaglich und hatte ihre ganze Käckheit eingebüßt. Nur der Herr Major a. D., um den sich doch alles drehte, ging räfonnierenb auf und nieder und schien von alledem nichts zu bemerken.

Wenn der Vater doch endlich zu fluchen aufhören wurde", jammerte Frau von Höchstseld,er bringt uns noch alle ins Unglück!"

Aber, liebe Mama", beschwichtigte sie Erich,die Leute Meinen sich über Papa zu amüsieren, und das ärgert mich fast noch mehr."

Nein, nein, sie führen irgend etwas im Schilde", be­harrte sie, und die Finger in seinen Arm krampfend, flüsterte sie schreckensbleich:Wenn sie ihn am Ende ins Wasser . . ."

Aber, Mama!"

Sie tnn's, sie tnn's!" rief sie voller Entsetzen, und sich von Erich losreißend, stürzte sie znnt Kapitän, den sie, ob- fileich er Junggeselle war, bei Weib unb Kindern beschwor,

ihren Mann vor dieser fanatischen Horde in Schutz zu nehmen.

Wer, meine Gnädigste", beteuerte ihr dieser,fein1 Mensch wird Ihrem Herrn Gemahl ein Haar krümmen. Lassen Sie ihn nur austoben, unser Volk ist durchaus gut­mütig, das tut einem Kranken gewiß nichts zu leide."

Mein Marrn ist aber doch gar nicht krank."

Er sah rrach dem erregt ans- und abmarfchirrenden Major hin, dann betrachtete er sich voller Aufmerksamkeit die vor ihm stehende, nicht minder erregte Frau, und endlich schien er zu begreifen.

Verlassen Sie sich auf mich, gnädige Frau", versprach er höflich,ich werde schon Sorge tragen, daß niemand Ihre Familie belästigt" und als sich Frau von Höchstfeld endlich zögernd entfernte, rief er den Obermaschinisten heran und befahl ihm, für alle Fälle einige Kübei Wasser und ein paar feste Hanfstricke zurechtzulegen weil alle beide verrückt seien.

Beide?" fragte dieser verblüfft.

Beide!" bestätigte der Kapitän,möglicherweise auch die Kinder kann man es denn wissen? Jedenfalls kürzen wir heute unsere Aufenthalte auf das allernotwendigste ab und trachten so schnell wie möglich nach Mariance zu kommen, um diese verdächtige Gesellschaft loszuwerben."

Aber, Herr Kapitän", wagte der Maschinist einzn- wenden,wenn wir so früh wegfahren, ist ja noch nirgends ein Passagier zur Stelle."

Tut nichts", entschied dieser,sollen sich, wenn es ihnen nicht paßt, beschweren. Ich fahre einfach nach dem Fahrplan, und da kann mir nichts geschehen."

Dabei blieb es auch, und diesem Umstande hatte es die Familie Höchstfeld zu verdanken, wirklich nur mit einer einzigen Stunde Verspätung anzukommen.

Ihre Freude war indes nur von sehr kurzer Dauer, denn nun stellte es sich heraus, daß die zur Ankunft des Dampfers bestellten Wagen vor mindestens drei bis vier Stunden nicht zu erwarten seien.

Ans der Station selbst gab es weder eine Restauration, noch einen Wartesaal, wo man sich zur Not hätte nieder- lassen können.

Erich bat daher den Stationsvorsteher hier Agent genannt um Auskunft, ob sich im Orte ein halbwegs anständiges Gasthaus befmüe, da man doch bei der ein­tretenden Dunkelheit unmöglich auf der Landstraße bleiben konnte.

@in Gasthaus ist schon da", meinte dieser,aber da es nur ein Schcmkzimmer hat und heute Feiertag ist, also ge­tanzt wird, so werden Sie dort wohl schwerlich mit den Damen einkehren wollen."

Erich sah hilflos um sich, unb ber Agent, welcher den neuen Besitzern von Dolina gern zu Diensten fein wollte, beteuerte, daß er es sich zur Ehre anrechnen 'würde, die .Herrschaften zu sich zu bitten. Er habe indes mir zwei Zimmer, und selbst diese seien nicht frei, da in dem einen feine kranke Frau und in dem anderen fein ebenso kranker Schwiegervater läge.

Aber", rief er plötzlich in freudigem Erinnern,unser Herr Pfarrer wird sich gewiß ein Vergnügen daraus machen, die Herrschaften bei sich zu begrüßen ich will sofort zu ihm schicken."

Rechtzeitig fiel e snoch Herrn von Höchstfeld ein, daß in Dolina, welches nur dreihundert Einwohner zählte, keine Kirche fei, deshalb fragte er vorsichtigerweise, wie der hiesige Pfarrer heiße? Und als er den Namen Nenadovie gehört, bat er den Stationsvorsteher, ihn und die Seinen im Güterschuppen unterzubringen.

Wir wollen den geistlichen Herrn nicht stören", erklärte er ausweichend,die paar Stunden werden ja schneller vorübergehen."

(Fortsetzung folgt.)

Plaudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Dasleere" Berlin. Einer, der zu Hanse bleibt und dabei Weltreisen macht. Von den Marine-Schauspielen.

Ist es ein Zeichen dafür, daß die Geschäfte gut gehen, wenn ber Berliner en mässe im Sommer auf Reisen geht und die Sommerfrischen und Bäder bevölkert, so darf man aus den diesjährigen Bahnhofsaitakken um den Ferien- schlußtag herum bte erfreulichsten Schlüsse ziehen. .Ein«