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1904.
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Samstag den 23. Aust. H
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Gin angenehmes Kröe.
Humoristischer Roman.
Von Victor von Reisner.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Der weitere Teil der Reise verlief nun ohne irgend welchen nenneiiswerten Zwischenfall, aber das Ungewisse der Zukunft lag auf allen wie ein Druck, der, je mehr sie sich dem Ziele näherten, um so schwerer aus ihnen lastete. Diesem Gefühle gab auch, der Major mit den treffenden Worten Ausdruck:
„Es ist wie vor der Schlacht. Selbst der Mutigste erzittert bei dem Gedanken, daß man vielleicht einer erdrückenden Uebermacht gegenüberstehe — ist man aber erst im Feuer, dann ist alles Erwägen und Ueberlegen verschwunden, dann haut man drein, so lange es überhaupt etwas zu hauen gibt, und ist nichts mehr da, daun hat man eben gesiegt."
Erich schmunzelte leicht vor sich hin, was den Alten zu neuen Vorhaltungen veranlaßte:
„Ihr jungen Leute glaubt natürlich über unsere Erfahrungen spötteln zu dürfen", grollte er, „weil Ihr ein oder das andere Manöver mitgemacht habt, dünkt Ihr Euch schon lauter Moltkes! Ich aber sage Dir, daß ein Manöver zur Wirklichkeit in demselben Verhältnis steht, wie das Gelbe vom Ei zur gebratenen Gans!"
„Mer, lieber Mann", nahm sich Frau von Höchstfeld ihres Jungen an, „Erich hat doch gar nichts gesagt — nicht ern Sterbenswörtchen."
„Er hat sich's aber gedacht — oder meinst Du, daß ich mich auf diese Gesichterschneidereien nicht verstehe?!" — und zu Erich, gewandt, sagte er schar f— „ich bemerke es überhaupt schon seit einiger Zeit, daß Du meinen Bestimmungen nicht den schuldigen Respekt entgegenbringst und Dir eine eigene Meinung zu haben erlaubst. Das dulde ich nicht — jetzt weniger als je. Du scheinst mit dem Waffenrock auch die Subordination abgelegt zu haben, aber bilde Dir nicht ein, daß ich so etwas durchgehen lasse — noch bin ich der Herr!"
„Ich wüßte wirklich nicht, wann ich Dir den Respekt verweigert hätte", verwahrte sich Erich, „aber da ich nicht vor meinem Vorgesetzten, sondern vor meinem Vater stehe, so wird es mir auch wohl erlaubt sein, meine Anschauung aussprechen zu dürfen." t
Der Major räusperte sich verlegen.
„Hier und unter vier Augen habe ich nichts dagegen", lenkte er ein, „sobald wir indes unfern neuen Wirkungskreis angetreten haben, hast Du für alle ein Vorild stummen, willenlosen Gehorsams zu sein. Mir hat es schon nicht gefallen, daß Du auf eigene Faust mit diesem Grafen ,Ste-
penaz Bekanntschaft beschlossen hast, und wenn Du Dir wirklich irgend welche Pläne von Familienversöhnung zurecht gelegt haben solltest — Dein Rotwerden bei der Erwähnung von Komtesse Ljubiza scheint mir das fast zu bestätigeni so schlage Dir das bei Zetten aus dem Kopf!"
„Du weißt doch, daß es eine zufällige Begegnung war", protestierte Erich zögernd.
„Und das zweite Mal?"
„Auch nur Zufall!"
„Du, solche Zufälle kenne ich!" drohte ihm der Alte unwillkürlich schmunzelnd.
Mit ernster Miene erklärte der Major seinem ziemlich ungeduldig dreinschauenden Sohne: „Vergiß nicht, was wir dem Andenken Deines Onfels schuldig sind! Haben diese Stepenaz' des Pfarrers Partei ergriffen, der es in seiner heimtückischen Scheinheiligkeit doch nur darauf ab- ?,eschen hatte, Karl für sein holdes Schwesterlein einzu- angen, so können sie uns nie nähertreten — nie!"
Frau von Höchstfeld seufzte beklommen.
„Laß das", schalt er ärgerlich, „damit schaffst Du die Sache nicht aus der Welt! Wir können doch, gar nicht anders, wir müssen mit den gegebenen Verhältnissen rechnen, das verlangt der Familiensinn, und das verlangt die Achtung vor uns selbst! Freilich^, da sie unsere nächsten Nachbarn sind, werden wir wohl nicht gut einem Besuch aus dem Wege gehen können, aber das verpflichtet noch lange nicht zu einem intimeren Verkehr, und ich werde nicht ermangeln, ihnen zu verstehen zu geben, dast ich »uich mit meinem Vetter eins fühle, und daß die von Höchstfeld stets für einander eingetreten sind."
Solch angenehme Gespräche, bet welchen sich der Chef der Familie in immer größeren Zorn gegen die ihnr noch unbekannten Feinde hineinredete, würzten die ganze Reise, und mit einem Gefühl freudiger Erlösung nahm Frau von Höchstfeld die Nachricht hin, daß die Eisenbahnfahrt in drei Stunden zu Ende sei.
Dann hatte man noch auf einem kleinen Savedampfer — oder wie Erna korrigierte: Saudampfer — drei Stunden Talfahrt, und von der Station Mariance, wohin die Wagen schon bestellt waren, die letzten zwei Stunden per Achse zurückz-ulegen.
Im ganzen also immerhin noch acht Stunden, aber Frau von Höchstfeld und die Kinder gaben sich der angeneh- nren Hoffnung hin, daß die neue Umgebung den Vater auf andere Gedanken bringen würde.
Und das traf tatsächlich ein, denn mit dem Moment, da! man den Dampfer bestieg, fluchte er nicht mehr über die vage Zukunft, sondern über die greifbare Gegenwart. Die um eine ganze Stunde verspätete Wfahrt bot ihm willkommenen Anlaß, über die „elende Hundewirtschaft" und über die „infame Lotterei" dieser „Bagage" loszudonnern, die wohl glaube, daß er seine Zeit „gestohlen" habe!
Mama Höchstfeld war in tausend Aengsten, und auch Erich befürchtete,, daß sich ein oder der andere der Passas


