Ausgabe 
23.3.1904
 
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habe ich in Mrs. Evans doch wenigstens eine befreundete Seele. Tie mitgebrachien Hochzeitsgeschenke waren bereits zusammengepackt und an meine Tante adressiert. Ich fügte meinem Briefe deshalb die Bitte bei, die betreffenden, Gaben zurückzuerstatten, indem ich meiner Tante versicherte, daß dies die letzte Gefälligkeit sei, die ich von ihr verlangen werde.

Ein tiefes Gefühl der Erleichterung erfüllte mich, nach­dem diese Tinge erledigt, die Drahtnachricht abgeschickt, die Koffer gepackt und die Briefe geschrieben waren. Ich zog nun ein leichtes Morgenkleid an, rückte einen be­quemen Lehnstuhl dicht an die offene, mit dem Rollladen versehene Türe, von wo aus ich hinaussehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden, und begann meine Lage zu überdenken. Eine schwierige, wenig versprechende Lage war es gewiß! Trotzdem wollte ich alles eher ertragen, als Wally Thorold heiraten. Lieber Hungers sterben, als die Frau eines solch erbärmlichen Wichtes zu werden, der alle Selbstachtung eingebüßt hatte. Und doch als ich den um Rettung flehenden Mann unbarmherzig hatte zu meinen Füßen liegen lassen, da war ich mir trotz aller Verachtung fast ebenso kalt und hartherzig vorgekommen, als wenn ich einem in reißendem Wasser dahintreibenden Menschen meine Hilfe versagt hätte.

Tizzie ließ mich freilich nur zu gern ziehen, seitdem ich das schwarze Schaf der Familie von mir gestoßen und dadurch ihr Fest zerstört hatte. Zum Glück gingen unsere Lebenswege weit auseinander, ein nochmaliges Zusammen­treffen mit ihr war also nicht anzunehmen. Und der Vetter, Mr. Thorold? Er würde hoffentlich nie, niemals etwas von dem eigentlichen Grund des Bruches zwischen Watty und mir erfahren. In seinem eigenen Interesse würde Wally mein Geheimnis wahren.

Es mochte jetzt zwischen vier und fünf Uhr sein. Tie Lust war warm und erschlaffend, und von dem langen Hinausfiarren nach den gelben Rosen und den hin und her jagenden Eichhörnchen schlossen sich allmählich meine Augen. So erschöpft war ich von all den Aufregungen und der anstrengenden körperlichen Arbeit, daß ich schließlich ein­schlief. Mir war, als träumte ich, Tizzie und Maxwell * Thorold säßen draußen auf der Veranda im Gespräch über Watty und mich und die neuesten Ereignisse.

Tas ist eine schöne Geschichte, die Watty wieder ein­mal recht ähnlich sieht", sagte Tizzie.

Ich kann aus der Sache gar nicht klug werden", antwortete derStolz der Familie".Entsetzlich nach Branntwein duftend, kam Watty zu mir herübergestürzt, und tobte und wetterte über seine schöne Pam. Er schien tatsächlich nicht recht bei Sinnen, und so ließ ich ihn mit einem Eisbeutel auf dem Kopf zu Bett bringen, wo er jetzt noch liegt."

So weißt Du also noch gar nicht, daß seine schöne Pam sich entschieden weigert, ihn zu heiraten?"

Ein Ausruf des Erstaunens ertönte.Das ist es also! Ich dachte mir gleich, daß etwas Besonderes vorgefallen sein müsse."

Etwas Besonderes? Sage offen, Maxwell: sieht sie wie ein Mädchen aus, das einen Menschen wie Watty zum Manne nimmt?"

Der Geschmack der Frauen ist unberechenbar", er­widerte der andere kühl.Und was veranlaßte das Mäd­chen dann zu der Reise?"

Tante Gussie und seine bezaubernden Briefe. . ."

Jiin schaltendes Gelächter brachte mich plötzlich zu mir selbst. Entsetzt sprang ich auf so war es also kein Traum, sondern schreckliche Wirklichkeit?! Eine richtige Unterhaltung hatte ich mit angehört, die nur wenige Meter von meiner offenen Türe entfernt geführt wurde! Hinter meinen Rolladen versteckt, konnte ich Tizzie, in einen be- queinen Stuhl zurückgelehnt, und ihr gegenüber, ebenfalls behaglich auf einem Lehnstuhl sitzend, den vielgepriesenen Adonis sehen. Sein Lachen war es, das mich aufgeweckt hatte. Mein Herzschlag stockte, um dann mit um so hef­tigeren Sch.ägen wieder einzusetzen.

Ist es denn möglich!" rief er endlich

Jawohl, die Briefe und eine Photographie; im Verein mit Jugenderinnerungen weckten sie schlummernde Gefühle. Erst bei ihrer Ankunft erfuhr sie, daß Watty sie mit den Briefen und der Photographie anderer Leute angelockt hatte."

Aha, und er glaubte wohl, daß sie, erst einmal hier angelanat. auf ihn anaewiesen sein würde, und daß Armut

und Angst vor Aussehen sie an ihn bürden würde?" rief Mr. Thorold entrüstet.O der Schurke!"

Ja und wie schändlich auch mich so zu hintergehen!" wimmerte Tizzie.

Aber ich bitte Dich, das ist gar nichts im Vergleich dazu, wie das arme Mädchen betrogen worden ift", versetzte er entschieden.Was beabsichtigt sie nun zu tun?"

Sie hat eine Freundin in den Zentralprovinzen und reist morgen ab."

Tas ist klug und weise von ihr. Ich würde mich wahrhaftig schämen. Miß Ferrars nach der Behandlung, die ihr von einem Verwandten von mir ividerfahren ist, noch einmal unter die Augen zu treten."

Und dabei ist Watty nahe daran, über seine Abweisung vollends den Verstand zu verlieren, weil sie so viel hübscher ist, als er erwartet hatte."

Und er so viel schlechter, als sie erwartete."

Tie ganze Zeit über stand ich regungslos in der Mitte des Zimmers. Ein Entrinnen war unmöglich denn zwei Türen mündeten auf die Veranda, eine dritte in den Salon. Was hätte es auch genützt, wenn ich in meinem Morgen­kleide und mit gelösten Haaren zwischen die beiden Sprechen­den gestürzt wäre? Und doch machte ich mich durch mein Bleiben zur heimlichen Lauscherin. Tie Glastüren standen weit offen, an der Wand waren Luftlöcher angebracht, und so drang jedes Wort so deutlich zu mir, als ob 'ich neben den Sprechenden säße. Diese Stimmen waren überdies die einzigen hörbaren Laute in diesem ganzen großen Bunga­low mit seiner lautlos einherschreitenden Dienerschaft und den mattenbelegten Gängen. Als sei ich an den Boden festgewurzelt, die Hände vors glühende Gesicht gepreßt, stand ich da.

Wie konnte es feilt Mädchen ihres Schlages über­haupt in Erwägung ziehen, seine Frau zu werden?"

Nun, ich sagte Dir ja schon, Tante Gussies Ueberred- ungskunst, eine traurige Heimat, die Aussicht auf Befreiung und eine einnehmende Photographie."

Ach richtig, Du erzähltest mir ja noch gar nicht, wessen Gesicht der Magnet war, der das Mädchen den weiten Weg von England hergeführt hat. . ."

Ob sie es ihm wohl sagte? Ob sie so grausam, so erbärmlich war? Ich glaube, ich wäre verrückt geworden, wenn ich noch länger zngehört hätte. Wie ein vom Jäger gestelltes Wild sah ich mich nach Rettung um es gab keine. Dann rannte ich in die entfernteste Ecke des Zimmers, bedeckte die Ohren mit den Händen und lehnte, nach Atem ringend, den Kopf an die Wänd.

Das war der Höhepunkt meines Jammers, meiner De­mütigung. Durfte ich auch nur ganz leise hoffen, daß Tizzie die Wahrheit ungesagt ließ? Während ich so mit in die Ohren gepreßten Fingern an der Wand lehnte, hörte ich keinen Ton. Mir schien, als habe ich das Bewußtsein meiner eigenen Persönlichkeit verloren, mein Verstand war wie ge­lähmt.

Wie lange ich in dieser Haltung verharrte, weiß ich nicht eine ziemlich unsanfte Berührung meines Armes weckte mich aus meiner Erstarrung. Einen halbunter­drückten Schrei ausstoßend, wandte ich mich um und stand der Ajah gegenüber. Im ersten Augenblick mußte sie mich entschieden für verrückt gehalten haben, als ich jedoch die Hände vom Gesicht nahm, aufmerksam lauschte und nach der Veranda schaute, erfaßte sie die Sachlage mit der ihrer Rasse eigenen Schlauheit.

Alles fort", verkündigte sie mir vertraulich.Thorold Sahib sehr böse, furchtbar böse fortgegangen. Mem Sahib schickt Ihnen dies hier."

Cie händigte mir ein Briefchen ein, an dessen Um­schlag der Gummi noch nicht trocken geworden war. Es mußte also soeben erst abgeliefert worden sein. Hastig riß ich es auf und las:

Liebe Miß Ferrars!

Da die plötzliche Aenderung Ihrer Pläne Jhnm obne Zweifel einige Ungelegenheit verursacht hat und das Reisen in Indien teuer ift, erlaube ich mir, Ihnen zwei Hundertrupienscheiue zu übersenden.

Ihre ergebene E. Halsäll.

P S. Ihr Zug geht morgen früh punkt sieben Uhr ab.

Ich hatte die niederdrückende Ueberzeugung, daß die zwei Hundertrupienscheine nicht von Tizzie stammten, son­dern mir von derenfreigebigem Vetter" übersandt wor­den waren. Welch ein Glück, daß ich seines Geschenkes nicht