m
i Pho^op.r .au
L j «l
sWW
LKd-LLLÄ
(Nachdruck verboten.)
Im Da last der Ilazah.
Roman von B. M. Croker.
Genehmigte Uebertragung von A. Vischer.
(Fortsetzung.)
„Auf der einen Seite" fuhr sie mit Aufbietung großer Ueberredungskunst fort, „steht Ihnen ein Gatte aus guter Familie in Aussicht, der ein sicheres Einkommen hat und Ihnen ein eigenes, hübsch eingerichtetes Heim bieten kann. Es liegt dabei in Ihrer Hand, ihn zu einem besseren Menschen zu erziehen. Was aber bietet sich Ihnen auf der anderen Seite? Nichts als das gewöhnliche Schicksal eines armen, heimatlosen Mädchens in Indien."
„Ich werde mich sofort nach einer Stellung umsehen."
„Tas ist leichter gesagt, als getan. Wenn es' gut geht, werden Sie vielleicht irgendwo als Kindermädchen mit zwanzig Rupien Monatslohn unterkommen."
„Nun, ich werde jedenfalls den Versuch machen", antwortete ich tapfer.
„So sind Sie also fest entschlossen, Ihre Verlobung aufzulösen?"
„Ja, unwiderruflich fest entschlossen."
„Gut", rief sie, sich erhebend, mit einer Stimine, aus der deutlich der verhaltene Zorn klang, „dann sind wir beide mit einander fertig! Ta kommen Sie nun einfach in mein Haus hineingeschneit, vereiteln mir meine Pläne, setzen mich dem allgemeinen Spott aus, veranlassen mich zu ungeheuren Ausgaben ... ha, es ist abscheulich! Was soll ich nun zu den Leuten sagen?!" schrie sie mich an. „Sehen Sie doch die Kleider an! Wie soll ich mich entschuldigen?"
„Sagen Sie, was Sie wollen. Werfen Sie alle Schuld auf mich."
„Tas werde ich natürlich! tun. Heute ist Donnerstag. Es bleibt meinem Mann und mir also nichts anderes übrig, als sofort auf einige Wochen zu verreisen, um dem Klatsch aus dem Wege zu gehen. Deshalb kann ich Sie auch nicht um ein längeres Bleiben bitten."
„Es war ungeheuer freundlich von Ihnen, mich überhaupt beherbergt zu haben, und ich werde Ihre Gastfreundschaft ganz gewiß nicht länger als bis morgen mißbrauchen. Ich habe eine Bekannte, mit der ich! die Reise hierher machte. Zu ihr werde ich gehen, und mit ihrer Hilfe wird es mir hoffentlich gelingen, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen."
„Mer ist diese Frau?" fragte sie rasch.
„Eine Mrs. Evans. Ihr Mann ist Forstmeister tu Lohara."
„Hunderte von Meilen von hier entfernt! Ein Ort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Es ist am besten, Sie telegraphieren sofort dahin. Ich werde Ihnen die Ajah zum Packen schicken."
Tannt verließ sie mich.
Nach kaum fünf Minuten erschien auch wirklich dis Ajah mit ziemlich mürrischer Miene, da sie von ihrer Mahlzeit abgerufen worden war. Ihren klugen, alten Augen sah ich es an, daß sie von allem unterrichtet war. In der einen Hand hielt sie ein Telegrammformular und eine Feder, in der anderen einen aufgeschlagenen Fahrplan. Ja, es ivar Tatsache, wenn Tizzie einmal etwas in die Hand nahm, so tat sie es nicht halb! Diese rasche W- fertigung eines lästigen Gastes war ein schlagender Beweis dafür.
*
Ich hatte also meinen Marschbefehl bekommen. Bald war ein passender Zug herausgesucht, der um sieben Uhr morgens abging, dann setzte ich eine kurze Drahtnachricht an Mrs. Evans auf und händigte sie mit einigen Rupien der Ajah ein, die sofort damit hinauseilte. Wer weiß, ob draußen nicht sogar ein Bote schon darauf wartete! Ein fieberhafter Schaffensdrang hatte sich meiner bemächtigt — nur handeln so rasch als möglich, darin gipfelte iitetit ganzes Streben. Zum kühlen Ueberlegen blreb mir ja auf meiner 36 Stunden langen Reise noch mehr als genügend Zeit.
So begann ich denn mit Hilfe der Ajah all die Sachen wieder einzupacken, die vor kaum einer Stunde erst aus den Koffern genommen worden waren. Nach zweistündiger, gemeinschaftlicher Arbeit waren ivtr fertig, und wieder stand urein Gepäck verschlossen und zusammengeschnürt zur Weiterreise bereit, diesmal mit der Adresse: Station Mirpur. Tultas höfliches Atterbieten, mir das Gabelfrühstück hereinzubringeu, lehnte ich ab. Dagegen nahm ich dankbar ein Glas Milch ait, das mir mit dem noch in meiner Reisetasche befindlichen Zwieback das angenehme Gefühl gab, die widerwillig gewährte Gastfreundschaft so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen.
Sobald die Ajah dann mit den Resten der kleinen Mahlzeit verschwundetl Ivar, setzte ich mich an den Schreibtisch und verfaßte einen empörten Brief an Mrs. Dhorold. Ja, nun war auch ich endlich, und zu meinem eigenen Schaden, zu der Ueberzeugung gelangt, daß diese Frau niemals etwas ohne eigennützige Beweggründe tat. Mit List und Ueberreduug hatte sie mir meinen Entschluß ab- gerungen, um mich ihrem Sohne zum Opfer zu bringen. Zum Glück aber ivar die gestellte Falle noch rechtzeitig, entdeckt worden.
Auch an meiire Tante richtete ich mit fliegender Hast ein scharfes Schreiben und entwarf ihr ein getreues Bild meines Exbräutigams. Ich sagte ihr, daß nichts mich dazu bewegen könne, seine Frau zu werden, daß ich ihrer Güte aber auch niemals mehr zur Last fallen, sondern mir meinen Unterhalt als Erzieherin oder Gesellschafterin selbst verdienen wolle. Indien sei für Leute mit bescheidenen Ansprüchen ein billiges Land, zum Glück sei ich, noch im Besitze von dreißig Pfund an barem Gelbe und außerdem


