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erkannten mich nicht.. . . Wie verändert ich mich haben Mußte — seltsam!
Uebrigens war ich sehr froh, daß mich! niemand erkannte.
Sie redeten von Literatur; und es wurde mir noch unbehaglicher zu Mute. Tenn wenn sie von mir ge- sp-rocyen Hutten--Aber sie nannten nur Namen, die ich
gar nicht kannte.
Bon mir spracht niemand.
Gott sei Dank!
Auck) in der Literatur mußte vieles anders geworden sein: genau so, wie ich es vorausgesehen hatte.
Noch einmal: Gott sei Dank, daß ich mich zur rechten Zeit aus den Reihen der absterbenden Dichter davongeschlichen und mir selber das Grab gegraben hatte.
Trotzdem quälte mich alles, was die Leute neben mir sprachen.
Jedes Wort wühlte in mir. Es war so wunderbar, daß ich einstmals auch ein lebender Dichter gewesen sein sollte und längst vergessen worden war.
Längst vergessen —
So schuett ich! konnte, beendete ich, mein Mahl, zahlte und ging mit abgewandtem Gesicht hinaus.
Warum wendete ich das Gesicht ab?
Auch auf der Straße fürchtete ich jeden Augenblick trotz der großen Veränderung, die mit mir vorgegangen fein mußte, daß dieser oder jener mich erkennen könnte.
Warum fürchtete ich mich, erkannt zu werden?
Zum Glück ward es bald dunkel. Mein Weg führte rNich am Valletheater vorüber. Erinnerungen erwachten. Ich hatte sie längst, längst totgeglaubt. Und jetzt waren sie plötzlich da, jetzt wollten sie sich nicht zurückdrängen lassen.
Wie Geister stieg Vergangenes vor mir auf:
Im Valletheater wurde ein neues Drama gegeben. Das Haus war überfüllt, der Beifall brach tosend aus. DaS Werk riß das Publikum hin; und — es war mein Werk!
Sie riefen meinen Namen, sie jubelten mich auf die Bühne: wieder, immer wieder!
Ich sah mich selbst
Tie Toten standen auf — ich sah' ein Gespenst.
Tenn ich befand mich vor dem Valletheater und- las den Titel des Stückes, das am Abend gegeben wurde:
„Agrippina!" Tragödie in fünf Aufzügen vor: Eola Eampana. . .
Wie von Geisterhänden gezogen, ttat ich ins Haus und an den Schalter, wo ich! meine Loge einnahm. Es mußte noch sehr früh sein; denn es kamen sehr wenige teilte.
Aber das Stück hatte bereits angesangen und das Haus war fast leer.
Ich saß in dem öden Hause, sah meine Gestalten, hörte meine Verse sprechen. . .
Gespenster, alles Gespenster!
In dem öden Hause blieb es still — still — still.
Auf dem Zettel las ich daß die kleine Rolle der Marcia eine Debütantin spielte.
Es wär ein blutjunges Geschöpf: hoch aufgeschossen, hager, hysterisch mit scharfen, eckigen Bewegungen und einer Haltung, als wäre sie schwiridsüchtia. Sie hatte eine eigen- ümliche Art, zu gehen: sie schob sich, vorwärts. Es war ehr unschön. Ihre langen, schmalen, blassen Hände waren in unaufhörlicher Bewegung. Diese nervösen Hände sprach!en!
Sie sprachen zu den Herzen der Hörer viel beredter als meine pathetischen .Verse.
Tie kleinen zitternden, bleichen Hände rührten das Publikum bis zu Tränen.
Sie hatte eine Stimme ohne jeden Wohllaut. Im Grunde genommen war es eine echt italienische Sttmme. Verse konnte sie mit diesem hohen, schrillen, blechernen Organ -gar nicht sprechen. Auch keine große Leidenschaft konnte, sie damit ausdrücken. Nur Zärtlichkeit. Da wurde die Sttmme leise; leise und weich Da flüsterte und koste die harte, herbe Stimme; da lockte und lächelte sie.
Ja, und was sie sonst noch ausdrücken konnte, das war Gram, Liebesschmerz, Herzeleid, Trauery Wehmut, sttlle todmüde Verzweiflung.
Alle Töne eines zärtlichen, verratenen, aebrochpnen FranenherzenZ ' -■•-.i-
Ihr Gesicht war häßlich. . . Wie? Oder war es schön?. Ich wußte es nicht.
In diesem Augenblick erschien es mir entschieden häß? lich, im nächsten entschieden schön — wunderschön!
Es war ein beständiger Wechsel in diesem kleinem hageren, süßen Gesicht.
Alles darin war Ausdruck.
Und der Ausdruck war eben alles.
Sie debütierte also: in Rom debütterte sie! Bon ihrem Erfolge hing ihre künfrlerifche Zukunft ab; und sie hatte es nicht einmal für nötig befunden, sich zu schminken.
Noch dazu im antiken Kostüm!
Aber ihre Augen —
Diese großen, weitoffenen, düsteren Augen; diese trau-: rigen, leuchtenden, märchenhaften Augen; diese rätselhaftem unergründnchen, unvergeßlichen Augen!
Es waren die Augen einer großen Künstlerin, die Äugelt einer echten Tragödin! Und — es waren die Augen einer unglücklichen, kranken Frauenseele.
Tas Haus war tief betroffen. Zuerst flüsterte maß. Es wurde sehr unruhig.
Tann Totenstille.
Man faß wie gebannt und hörte die schmerzlichen Lippen flüstern, die ruheloseli Hände reden, diese schwermütigen, glänzenden Augen eine tragische Liebesgeschichte erzählen.
Als die kleine Rolle zu Ende gespielt war, raste das Publikum.
Um das Werk kümmerte sich niemand. Das Werk gehörte zu den abgetanen Dingen, zu dem fortgeworfenen, vergessenen Ueberfluß.
T!as Werk war tot!
Tas Werk und der Dichter.
Ader der jungen Schauspielerin und der Bühne, darauf sie souverän herrschen würde, gehörte die Zukunft.
Friedlich und feierlich war später mein Heimritt in der Vollmondnacht durch die Campagna. Ich ließ mich von den Lichtfluten wie in ein himmlisches Kleid hüllen und von denr großen Schweigell der Natur mit einem Hauche göttlicher Ruhe erfüllen.
Tann befaild ich mich, zu Hause!
Schon im Hohlwege bei der Villa Lancellotti kamen mir meine drei jungen, weißen Wolfshunde entgegengeraff. Sie sprangen am Pferde in die Höhe und heulten vor Freude über die Heimkehr des Herrn. Daun stteckte mir durch das hohe Dor der alte Eichbaum feinte gewaltigen Aeste entgegen; und der wachsame Falke über demselben grüßte mit ausgebreiteten Flügeln. Dann umfing mich der Silberschimmer des Oelwalds, die Dämmerung des Stein- eichenhains. Dann trat ich ein in mein liebes einsames Haus, in Mein schönes Asyl.
Maria erwartete mich in der Halle; und sie hatte dort gewiß seit Stunden gewartet.
Mit heimlicher Sorge sah sie mir in die Augen.
Ich! konnte jedoch lächeln.
Ja! Ich! war ein toter Poet; aber — es schmerzte nicht mehr.
* . -
Sehr bald darauf lernten wir Euch kennen.
Wißt Ihr noch wie es kam?
Wir erinrrern uns jeder Einzelheit; und so oft ioir daran denken, danken wir dem Geschick für Eure Freundi- schast.
In der Billa Müti war's, in der. „Rosenvilla". Ich wollte sie Maria in der Blütezeit zeigen; und selbst meine kühle Maria sagte:
vM ist schpu."
Rosen — Rosen — Rosen!
Marsch,al-Niel und Gloire jöe Dijon. Und Malmaison und die wunderschöne Königin: la France!
Rosen — Rosen — Rosen!
Sie stiegen zu beiden Seiten der Straße wie Bollwerke empör, krochen auf allen Wegen hin,, kletterten an allen Ballustraden empor, durchwucherten alle Bosketts, füllten alle wasserleeren Fontänen und Römersarkophage. Sie umrankten die antiken Säulen und Statuen, die Stämme der Pinien und Steineichen- Sie schwangen sich von einem Baum zum andern, stürzten sich aus den Wipfeln heraH Ms«n wie rosige Teppiche vpn den Wwchen her. MpMM


