Ausgabe 
23.1.1904
 
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Samstag den 23. Januar.

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(Nachdruck verboten.)

Wlla Jalconierk.

Von R i ch a r d V o ß.

Erster Band.

(Fortsetzung.)

Eine Scheidung der Ehe Marias mit Mariano war, bank dein famosen 'Code Napoleon, nicht durchzusetzAc. Nur eine Trennung der beiden Gatten war möglich. Uitb auch dann konnte Maria durch den machtvollen Arm pes. die Bürger eines Staates schützenden Gesetzes zur Rückkehr zu ihrem Mann gezwungen werden.

Mariano konnte daher unser Schicksal sein und unseren Etott spielen.

Mir sprachen niemals darüber.

Niemals wurde berührt, daß Maria erst nach Marianos Tod vor der Welt mein Wwb sein konnte.

Wozu bedurften wir beide einer Ehescheidung und eines Dcspenses des Papstes?

Zwec Unglückliche hatten sich schweigend die .Hand ge-

vercht.

Die hielten die verschlungenen Hände fest ineinander geschlossen.

Vor der Welt ni.^t mein Weib--mochte doch die

Welt ihren berühmten Stein ausheben und nach uns werfen. Mir würden uns steinigen lassen und zwar ohne uns darum als Märtyrer zu fühlen.

Tre Welt muß nach der Strenge ihrer Sitte richten; und wir müssen nach Maß unserer Sittlichkeit handeln.

Ich ließ für Maria die Zimmer einrichten, die sich um die Loggia mit der kleinen Fontäne gruppieren. Aus diesen stillen Gemächern hatte sie den Blick auf die Pinienwicse der Billa Taverna und die lange Cypressenallee, welche die Oelwälder durchfchueidet und zur Billa Montragone hinauf- führt; auf das herrliche Sabinergebirge und die köstlichen ' Höhen von Tusculum.

Hielt sie sich in diesen Räumen aus, drang kein anderer Laut zu ihr, als das Rauschen des Springbrunnens, Vogel- gesang und nkkkunter entfernte Musik, die, aus der unge­heuren Palaftruine der Villa Mondragvne tönertb, wie eine Geisterstimme über den Wipfeln der Oelbäume schwebte.

Um für ihren dunkeln Ernst eine möglichst heitere Umgebung zu schaffen, ließ ich ihre Zimmer mit sehr hellen Farben ausmalen, und edle Möbel und schöne Geräte hinein- stellen. Aber sie hatte an diesen Trugen keine Freude; nicht einmal an den Blumen, mit denen jeden Morgen Basen imb Schalen gefüllt wurden.

Tie Trauer um ihr Kind legte sie sehr bald ab unb sing an, sich mir zuliebe schön anzuziehen.

Sie besaß eine Borliebe für sehr Helles Grau. Sie

sah in diesen lichten Kleidern ganz besonders schön aus vielleicht etwas zu feierlich.

Aber auch das paßte wiederum gut zu ihr.

Ich merkte, daß sie um ihren toten Liebling leiden­schaftlich trauerte. Sie zeigte es indessen niemals, besuchte niemals das Grab. Es lag eben nicht in ihrer Natur, an einer Gruft zu stehen und zu weinen.

Nachdem sie das eine Mal von ihrer Vergangenheit gesprochen hatte, tat sie es nie wieder.

Nur ein einziges Mal hatte sie mir gesagt, daß sie mich liebte: so liebte, wie ein Weib nur lieben kann! Nie­mals fragte sie mich wieder nach meiner Liebe zu ihr, nach- dem sie es einmal aus meinem Munde gehört und meiner Versicherung geglaubt hatte. Sie wußte, daß sie , nicht meine erste Liebe war; aber sie fühlte die feste Gewißheit, daß sie meine letzte bleiben würde.

Ohne Unterlaß trachtend, nur für Maria zu leben, er­kannte ich darin nur einen triftigen Grund mehr, um mich in die schöne Einsamkeit der Billa Falconieri zu vergraben. Wie die Verhältnisse jetzt lagen, war an ein Aufhören dieser Traumexistenz gar nicht zu denken. Tenn niemals würde ich Maria einem unehrerbietigen, oder nur zweifel­haften Blick ausgesetzt haben.

Ter ZauberÄeis innerhalb der Mauern unseres leucht- tenden Hauses schützte auch sie wie ein Talisman gegen alles Gemeine.

Von neuen Arbeiten und Werken hätte schwerlich die Rede sein können, wäre ich auch noch bei alter starker Schaffenskraft gewesen. Ich hatte zu viel mit unserem Seelenleben zu tun, mußte fort und fort in uns hineiw blicken und über unser Geschick grübeln und brüten.

Vielleicht gelang es mir, zu entdecken, daß mein Mit­leid für Maria doch Liebe war! Dann waren wir beide gerettet. Oder ich mußte befürchten, daß Maria das Opfer meines Lebens erriet; und dann waren wir beide ver­loren. r

Wie ich uns aber auch beobachtete und bewachte; jeden Gedanken zehnfach analysierend, jedes Gefühl, beständig unter die Lupe bringend ich entdeckte bei mir nur die eine einzige machtvolle Empfindung, bei ihr nicht eine Regung von Mitßrauen.

Ich mußte mich beständig streng vor jedem Selbst­verrat bewahren. Vieles in meinem neuen Leben wap schwer. Aber dieses Eine erschien mir als des hwerste. Es verzehrte meine ganze Kraft und oft überfiel mich töh liche Ermattung. *

Einmal war es unumgänglich notwendig, mich persön­lich nach Rom zu begeben. Seit Jahren war ich nicht dort gewesen. Ich entsetzte mich selbst darüber, wie alles auf mich wirkte, mich beunruhigte und quälte.

Ich fühlte mich auch physisch.schwer krank.

Im Cafe Orianio genoß ich etwas. Neben mir saßen römische Literaten, von denen ich einige kannte. ?lber sie