Ausgabe 
22.6.1904
 
Einzelbild herunterladen

366 -

Glaube mir, Hermann", sagte sie leise,zn diesem letzten Kampf, den wir kämpfen, gehört mehr Größe, als zn dem grausamen Mut, über Leichen hinweg seinem Glück nachzujagen."

Er war und blieb fassungslos. Und sie selbst erschien ihm als eine völlig Fremde. Wo waren ihre jungen Augen, die gestern so hell da draußen im Frühlingssturm blitzten und ihn in Glück und Sonnenschein anlachten? Nun sollte alles, alles Traum und Erinnerung werden?!

Wenn Du das nächste Mal unser Haus betrittst, Her­mann, wenn wir uns in seiner Gegenwart Wiedersehen, dann wollen wir einander gegenübertreten als tapfere Soldaten der Pflicht!" Sie preßte seine Hand, als klam­merte sie sich! an ihn.Hermann, sei mein guter Kamerad. Ach, hilf mir doch sieh, ich bin doch die Schwächere. Und ich bin doch so arm und unglücklich."

Noch ein paar Sekunden lang standen sie schweratmend nebeneinander. Keines hatte mehr die Kraft, ein Wort zu sprechen.

Arbeiter kamen, die die Herrin etwas zu fragen hatten.

Ihre Züge blieben starr, sie antwortete nicht, sie nickte bloß und folgte ihnen zum Werk, ohne sich noch einmal umzusehen.

Stumm und in sich versunken verließ dann auch Zu- pitza den Stätteplatz. Er wanderte querfeldein, ging in ver stürmischen Mailuft weiter und weiter nach Norden, wahllos, ziellos aiuf Dämmen und Deichen, bis er end­lich am Haff stand und über dem blaugrauen Wasser die schmale, dunkle Nehrung sah, die den mit jagendem Ge­wölk erfüllten Horizont abschloß.

Die Erinnerung an den gestrigen Tag packte ihn, machte ihn zittern, wühlte ihm Herz und Sinne wieder auf.

Und abermals schlich der Haß in ihn, der Haß auf Dieter, der ihm und seinem Glück mit seinem wertlosen Dasein im Wege stand.

Er mußte Franze retten, er mußte sie befreien, er mußte die beiden trennen! so schrie es in ihm. Und voller Trotz wollte er noch in dieser Stunde zu Dieter eilen, ihm rückhaltlos alles sagen, alles.

.... Aber, was war das nur für eine seltsam warnende innere Stimme, auf die es ihn immer und immer wieder zu hören zwang? ... Er ward ganz irre an sich. Empfand er etwa selbst schon Mitleid mit dem, den er haßte?

*

den nächsten Tagen erledigte er nur die not­wendigsten Ktankenbesuche. Den Rest seiner Zeit ver­wandte er zu langen Märschen. Nach Sakuthen ging er nicht. Auf feinen Wanderungen suchte er sich mit Ge­walt zu ermüden, suchte tagsüber seine zitternden Nerven zu strapezieren, sooaß er wenigstens nachts Frieden fand.

Denn die Nächte, in denen er in unruhigem Halbschlaf dalag, waren qualvoll. Immer wieder schreckte er empor, von Träumen heimgesucht, von Bildern genarrt. Und dann zerquälte er seinen Kopf von neuem in dumpfem Hinbrüten.

Erst Ende der Woche es war der Samstag vor dem Pfingstfest sah ihn Sakuthen wieder. Und auch da hatte es noch eines äußeren Anlasses bedurft; es hatte einen Unfall auf dem Werk gegeben, der sein schleuniges Kom­men unbedingt forderte.

Lorenz, der Stätteplatzwächter, hatte am Hoftor schon Ausschau nach ihm gehalten. Aufgeregt führte er den Doktor in den Baderaum neben dem Arbeiterspeisesaal, wo man den Verunglückten, einen jungen Burschen von kaum zwanzig Jahren, untergebracht hatte.

Der kleine Raum war mit Menschen angefüllh die weder raten noch helfen konnten, die nur dastanden und zusahen und sich über den Leichtsinn des Verunglückten aufregten.

Fränze kniete neben der Bank, auf der der wim­mernde junge Mensch lag, sie war damit beschäftigt, ihm den ersten Verband anzulegen, so wie sie es von Zupitza gelernt hatte.

Da ist der Herr Doktor, Frau Lotz!"

Zupitza ertrug es nicht, daß er sie nun hier unter allerlei gleichgiltigen Leuten zum ersten Male Wieder­sehen sollte. Es kam ihn: wie eine Entweihung vor.

Aber Fränze wandte ihm schon, auf den Knieen liegen bleibend, ihr blasses Gesicht zu, in dem ein trauriges

Lächeln stand, nickte freundlich und sagte leise:Das ist lieb, daß Sie gekommen sind."

Wie der Klang ihrer ernsten Stimme ihn ergriff, ihn weich machte, wie er alle Spannung, alle Verzweiflung von ihm nahm!

Unsicher erwiderte er ein paar Worte er wußte selbst nicht, was er sprach. Dann ließ er sich neben ihr nieder. Sein Arm berührte den ihren. Ungeschickt, wie nie zuvor, seitdem er als Student die erste Assistenz geleistet hatte, machte er sich daran, den Notverband abzunehmen. Sie unterstützte ihn dabei sorgsam, wie früher oftmals.

Inzwischen erzählte der Werkführer.

Der Arbeiter war, trotz der steten Warnung, bei einer der Sägemaschinen, die ganze Baumstämme der Länge nach in wenigen Minuten vierfach und sechsfach zu dünnen Brettern zerschneiden, mit der Hand unters eiserne Schutz­dach gefahren, um etwas Sägemehl zu entfernen.

Er lachte noch und rief mir zu:Guckt nur einmal her, da liegt ja ein Finger am Boden! Au, is meiner!" schrie er dann auf und fuhr sich nach der Hand. Und da war richtig der Daumen weg, und das Blut sprang nur so. Wo er das Blut sah, fiel er gleich der Länge nach um."

Allmählich fand Zupitza seine alte Festigkeit in Ton und Haltung wieder. Er wies die überflüssigen Zuschauer hinaus und machte alles zum kunstgerechten Verband zurecht.

Kaum eine Viertelstunde später war die Sache erledigt, und sie traten gemeinsam auf den Hof, noch immer von einer Anzahl Leute umringt, die fragten und schwatzten. Es war für die Krankenkasse eine Abt Protokoll aufzu­nehmen, dem Zupitza sein ärztliches Gutachten beifügen mußte; auf dem Weg zum Bureau hatte er mit Fränze daher noch allerlei Berufliches zu erledigen. Er sprach sachlich, aber er beobachtete sich dabei selbst, merkte auf seinen Tonfall, seine besondere Art, die verschiedenen notwendigen Fragen an Fränze zu richten, ohne sie dabei anzusehen.

Er bewunderte ihre Ruhe, die eigentümlich innige Har­monie, die ihr ganzes Wesen auch heute wieder ausstrahlte, trotzdem es auf einen ernsten, ja leidensvollen Grundton abgestimmt war.

Und dabei grollte er ihr doch: daß sie sich so meister­lich zu beherrschen wußte oder auch, daß sie sich so rasch und still, vielleicht gar kampflos, in ihr Schicksal ergeben hatte!

Als sie zum Bureau gelangten und er durch die offene Tür Dieter sah, der ihn in ängstlicher Erregung begrüßte, zuckte er zusammen.

Jetzt hätte nicht viel gefehlt, daß er laut aufschluchzend Fränze an sich riß, seinem gepreßten Herzen in wilder Verzweiflung Luft machte.

Aber Fränze hatte unbemerkt von den anderen seine Hand umfaßt. Er fühlte ihren sanften Druck und ihr warmer Atem wehte ihn an, indem sie bittend, fast un­hörbar, seinen Namen flüsterte.

Ja, ja, die Pflicht die Pflicht!" kam es in leisem Aufstöhnen von feinen Lippen.

Dann trat er ein.

*

Er fand den Kranken in einem bösen Zustande. Dieter hatte sich am Kreuz, an den Schenkelknochen aufgelegen, er litt mehr, als er seiner Umgebung eingestand. Erst, als Fränze das Zimmer verlassen hatte, klagte er dem Doktor sein ganzes Leid.

Dieser Zug oes Aermsten, Fränze schonen zu wollen, rührte ihn nun doch wieder.

Aber während der ganzen Unterredung befand er sich in einer seltsamen Zwitterstellung. Es war ihm nicht so, als ob er das ackles nun selbst erlebte, sondern als sei es schon irgend wann einmal passiert und er handle und spreche unter dem Zwang, die Szene genau so zu führen, wie die Erinnerung sie ihm vorspielte. Dabei war er auf den Fortgang geradezu gespannt und wunderte sich über Wendungen, auch über ein paar eigene Aussprüche, worm er Absichten und Pläne verriet, die ihm selbst ganz neu waren.

Warum er sich so lang nicht habe sehen lassen? Ich es gab so viel zu tun, es war so viel zu ordnen jetzt vor dem Fest, denn er sei mit seinen Nerven derart auf den Hund gekommen, daß er Erholung brauche und ein bißchen zu reisen gedenke.

Sie wollen reisen?" fragte Fränze, die die Tür des Bureaus wieder geöffnet hatte, wo sie mit Stojentin