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Md dem Werkführer zusammen das Protokoll zu Ende führte.
Da merkte er endlich wieder auf. Er lächelte über die Zusammenhanglosigkeit seiner letzten Sätze. Und nun blieb er schon aus Bequemlichkeit dabei — und gleichzeitig, weil er gegen den gewissen Zwang nicht ankonnte, dem alles, was er sagte, unterworfen war, als sei es schon längst, längst vorausbestimmt.
„Ja, es ist das beste, ich reise. Ja, ich muß reisen."
„Aber Sie sorgen doch für Vertretung, Doktors" fragte der Kranke ängstlich.
„Gewiß, gewiß."
„Haben Sie schon jemand in Aussicht?"
„Ja." Er fuhr sich zerstreut über die Stirn. „Weng- lein, Dr. Wenglein. Krappe kennt ihn. Ich hab' Ihnen doch schon mal von ihm erzählt, nicht? Es ist auch ein Göttinger. Er hat sich im vorigen Jahr in Königsberg niedergelassen — und zu Ostern hat er hier in Ußditten den Kreisarzt vertreten. Der möchte sicher gern her. In Königsberg hat er ja doch noch keine rechte Praxis."
Lotz beunruhigte es sehr. „Sie haben mir noch nie ein Wort von ihm gesagt." Er wandte sich an seine Frau: „Fränze, hast Du eine Ahnung? — Doktor Wenglein? — hast Du den Namen schon je gehört?"
Sie hatte den Kops erhoben und musterte Zupitza scheu und gespannt. „Aber es ist doch nur — für kürzere Zeit, daß Sie auf Reisen gehen?" fragte sie stockend.
„Ich kann es doch nicht sagen. Es ist so ganz plötzlich über mich gekommen. Wer ich weiß, ich wäre ganz unfähig, auch nur ein paar Wochen so hier weiterzuleben."
„Und — wohin — gedenken Sie zu reisen?"
„Ins Gebirge, in die Wpen, — vielleicht auch nur eine Seefahrt — das schwebt noch in der Luft."
Zögernd kam Fränze näher. Ihre Blicke klammerten sich an ihn.
Da war es wieder — dieses seltsam erregende Zittern, vor dem es ihm so graute — diese ängstliche Gewißheit: nun brauchte sie bloß ein einziges Wort zu ihm zu sagen und es übermannte ihn, sodaß er seine Verzweiflung laut hinausschrie!
Sie war aber stumm an der Schwelle stehen geblieben, ihre Arme hingen schlaff hinab.
Dieter drang in ihn, doch Genaueres über seine Reise und diesen Vertreter zu sagen.
„Ja, ja", erwiderte er, wie aus einer Betäubung erwachend, indem er sich langsam über die Augen fuhr, „es ist ein bißchen über's Knie gebrochen — ich gebe es zu. Wer wenn ich mich doch einfach nicht imstande fühle? Es liegt vielleicht an der Luft, was weiß ich, kurz, ich muß fort!"
„Sie haben sich überarbeitet, Doktor, ja, sich ost ganz unnötig strapaziert", sagte Dieter. „Die weiten Fahrten .— und der harte Winter — und Sie haben sich eben jeder Sache gleich innerlich angenommen. Da war Collenberg viel mehr Routinier."
„Ja, ja, die Routine, die kühle Routine. Früher besaß ich sie. Es ist nur neuerdings so gekommen. Ganz seltsam." Er erhob sich plötzlich. „Wer ich telegraphiere heute noch an Wenglein. Denn zum Fest will ich nicht mehr da sein."
„Zum Fest? Wer Doktor — morgen ist doch schon Pfingstsonntag."
Nun lachte Zupitza verwirrt. „O richtig, morgen ist ja schon Pfingstsonntag. Hm. Vor nächster Woche werd' ich oa nicht wcgkomnren. Denn es könnte ja wieder so etwas passieren wie heute. Diese Unvorsichtigkeit der Leute. Nein, Sie sind manchmal wie die Kinder. — Ist die Sache nun in Ordnung, Herr Sojentin?" wandte er sich fast unvermittelt dem Buchhalter zu.
Als er sich dann hastig empfehlen wollte, fragte Fränze: „Bevor Sie reisen, sehen wir Sie doch noch hier?"
Es lag Angst in ihrer Stimme. Er schloß für eine Sekunde die Augen. Es tat ihm wohl, sich so gewissermaßen einzuhüllen in den Weichen Mang ihrer lieben, warmen matten Altstimme.
„O sicher, sicher!" erwiderte er, zerstreut lächelnd.
(Fortsetzung folgt.)
Vermochte».
* Ueber Bergwanderungen für Nervöse hat der Züricher, Kliniker Prof. Eichhorst in einer unlängst erschienenen
größeren Arbeit beachtenswerte Winke gegeben. Die Berglust ist ohne Frage eins der vorzüglichsten Heilmitte.l bei der Behandlung der Nervosität, aber sie ist, wie alle physikalischen Heilmittel, mit Auswahl und mit eingehender Berücksichtigung der Individualität des Nervösen anzuwenden. So eignet sich z. B. das Hochgebirge wenig für Nervöse, bei denen Schlaflosigkeit oder Herzklopfen als Hauptbeschwerden vorwicgen, auch nicht für Kranke mit wenig widerstandsfähigem Körper. Wer in seinem Ernährungszustände stark heruntergekommen ist, der suche das Hochgebirge erst dann auf, nachdem er seine Ernährung und Leistungsfähigkeit zuvor hinreichend in die Höhe gebracht hat. Wenn nun auch Nervösen der beschriebenen Art zunächst von einem Aufenthalt im Hochgebirge abzuraten ist, so ist damit noch nicht ausgesprochen, daß sie überhaupt von einer Bergkur absehen sollen. Im Gegenteil wird solchen Kranken ein Aufenthalt im Mittelgebirge und in Orten unter 1000 Meter Erhebung, wie sie im Schwarzwald, im Thüringer Wald, im Harz, den Vogesen usw. außerordentlich zahlreich anzutreffen sind, sehr nützlich sein. Wer sich an Bergorten von mehr als 1000 Meter Erhebung aufhalten will, der muß auch dann, wenn er nicht an Nervosität leidet, darauf vorbereitet sein, in den ersten Tagen seines Aufenthalts eine Reihe von körperlichen Störungen zu erfahren, wie Pulsbeschleunigung, Herzklopfen, .vermehrte At- mungszüae usw., die man Akklimatisationserscheinungen nennt. Sie wechseln in hohem Grade nach der Individualität sowohl hinsichtlich ihrer Schwere als auch ihrer Dauer. Letztere soll sich nicht wesentlich über eine Woche erstrecken. Halten sie dagegen auch während der zweiten Woche unverändert an oder nehmen gar an Stärke zu, dann darf man dies als Zeichen dafür auffasscn, daß der Betreffende den Hochgebirgsaufenthalt nicht verträgt, und am besten daran tut, das Hochgebirge schnell wieder zu verlassen. Nach diesen Einschränkungen gelangt man zur Beantwortung der Frage nach der Zuträglichkeit der Bergwanderungen. Jeder Nervöse sollte sich an eine Bergbesteigung erst dann heranwagen, wenn er einen Spaziergang von mindestens drei Stunden ohne besonderes Ermüdungsgefühl und ohne jede Beschwerde ausgehalten hat. Auch ist es unter allen Umständen notwendig, nach jeder Bergwanderung eine mehrtägige Pause zu machen. Versäumt man diese notwendige Maßregel, so werden Schlaflosigkeit, vermehrte Unruhe, Beklemmung, gesteigerte Nervosität, vielleicht gar Zeichen von Herzmusrel- schwäche nicht lange ausbleiben. Für jeden Bergsteiger, aber in noch höherem Grade für einen Nervösen, gilt die Vorschrift des langsamen und gleichmäßigen Steigens. Gerade der Nervöse ist infolge seines unruhigen und überhasteten Wesens in hohem Grade dazu geneigt, beim Besteigen von Bergen eine zu schnelle Gangart einzuschlagen und keinen gleichmäßigen Schritt ein» zuhalten. Da kann es denn nicht ausbleiben, daß sich bald eine unüberwindliche Ermüdung einstellt, oder daß die Bergwanderung das Gefühl so großer Erregung hinterläßt, daß jeder weitere Versuch für die Zukunft eingestellt wird. Wer Berge besteigen will, muß weiterhin vollkommen schwindelfrei sein, wenn er sich an das Erklimmen Hoher Berge heranwagen will, und diese Schwindelfreiheit muß von vornherein vorhanden, sein, sie darf nicht erst zu erwerben versucht werden. Denn bei diesem Bemühen gehen Zeit und Spannkraft verloren. Unter dieser individuellen Berücksichtigung und unter Beachtung der angegebenen Vorschriften können Bergwanderungen ein sehr empfehlenswertes und leistungsfähiges Heilmittel für Nervöse sein, denn sie kräftigen den Körper, stärken die Willenskraft und geben dem Nervösen namentlich das oft fehlende Selbstvertrauen zu seiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit wieder. Sie regen den Stoffwechsel an, machen lebhafteren Appetit und geben bessern Schlaf.
* Das Radeln als Schönheitsmittel. Gar manche enragierte Radlerin versagt sich an heißen sonnigen Tagen den Genuß einer Radfahrt, weil sie für ihren Teint fürchtet. Es wird so oft behauptet, daß durch das Radfahren, der Teint leide, und wirklich spüren Damen mit einer zarten Haut nach einer strammen Fahrt in der Sommerhitze oft ein unangenehmes Brennen mit Rötung oder Bräunung der Gesichtshat, ebenso wie sich Sommersprossen stärker zeigen. .Diese kleinen Schönheitsfehler lassen sich aber durch ganz einfache, unschädliche Mittel leicht beseitigen, und man wird bald merken, daß bei richtiger Hautpflege der Teint beim Radfahren sich sehr verschönert, klarer, reiner und frischer wird. Diese Wirkung des Radelns beruht auf der allgemeinen gesundheitlichen Wirkung des, Radfahrens, denn nur der gesunde Mensch erfreut sich klarer reiner Gesichtsfarbe. Zunächst darf man beim Radeln niemals einen Schleier tragen, am wenigsten einen schwarzen. Der Schleier ist der ärgste Teintmörder. Dann darf das Gesicht nach einer starken Fahrt niemals sofort gewaschen werden. Man reibe es sanft mit einem weichen Tuche ab, und erst nachdem man nch völlig abgekühlt hat, wäscht man sich das Gesicht mit gutem Coldcreme ein, läßt diesen zehn Minuten wirken, und reibt es dann sehr gut ab. — Ausgezeichnet für die Haut und das beste Mittel gegen Röte und Brand sind Waschungen mit saurer Molke (Wake), die die Haut weiß, weich und glatt macht. Während der Fahrt, etwa bei kurzer Rast, sind Abreibungen mit einer Zitronenscheibe sehr wohltuend, erfrischend und kühlend. Nur halte man stets zweierlei fest, niemals einen Schleier zu tragen, und niemals das stark erhitzte Gesicht mit kaltem Wasser zu wascheig


