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(Nachdruck verboten.)
Irüßtingsstürme.
Roman von Paul Oskar Höcker. i'j
(Fortsetzung.)
Ein unbändiger Trotz lehnte sich in ihm auf. Es war ihm, als ob ihn mit einem Male ein wahrer Haß auf Dieter erfüllte. Einer Stimmung wegen wollte sie all das Große Und Gewaltige zertrümmern, das sie gestern in schwindelnde Höhen des Glücks erhoben, — weil der Kranke sich einsam gefühlt hatte — weil er sie dauerte! Und sie opferte sich Von neuem, ja, ließ ihr Glück und ihre Jugend mit hin- fnorden, lohne doch damit d-em Todgeweihten helfen, ihn retten zu können!
„Ach, Hermann", sagte sie leise und klanglos, „das Leben hat Dich dem Elend der Welt gegenüber hart gemacht. Das große weiche Mitleid der empfindsamen Seelen duldet Dein Beruf ja auch gar nicht. Und Du bist eben Mann, ein freier Mann, gewöhnt, Dich in allen Kämpfen durchzusetzen und es bindet Dich gegen niemand eine Pflicht. Aber ich kann das Mitleid nicht aus meinem Herzen reißen. Liebster ich kann es nicht. Ja, und wenn ich es könnte, ich glaube, ich würde mich uicht mehr achten."
Wie er Sturm gegen ihren Entschluß lief, mit wie prregten Worten er ihr beweisen wollte, daß der Kranke doch überhaupt nur noch eine kurze Frist vor sich hatte, in der er sich über seine Umgebung klar war, daß dann die Nacht für ihn begann, die ewige Nacht, der kein Tag mehr folgte, — wie er mit Gründen der Logik, der Vernunft sie zu überzeugen suchte, daß sie diesen Passionsweg zwecklos ginge!
Sie weinte still vor sich hin. „Ja, ich weiß es, Hermann; es ist so grausam, als ob man einen Armensünder zum Richtplatz schleppte. Wer soll ihm in den schwersten Stunden denn niemand, gar niemand zur Seite stehen? Und wer denn sonst als ich? Liebster — das fordert doch die Barmherzigkeit von mir. Siehst Du das nicht ein — siehst Du das wirklich nicht ein?"
„Ich sehe nur Deinen Untergang. Und darum — darum fordere ich Dich. Und mit mehr Recht als er. Ja, sage: wo liegt denn der größere Egoismus, die größere Grausamkeit? Bei mir, der ich kein anderes Sinnen, kein anderes Ziel mehr kenne als das eine, Dich glücklich zu machen — oder bei ihm, der Dein blühendes funges Leben hinnimmt, es vernichtet?"
„Nun zürnst Du ihm. Und er weiß doch gar nicht . . ." „Drum eben muß man es ihm sagen."
„Hermann!" — Voll Entsetzen, fassungslos sah sie ihn an.
Er hatte den Hut abgenommen. Gequält preßte er die Kaust gegen die Stirn. „Glaubst Du denn nicht, Fränze, daß sein Vertrauen auf die Ehrlichkeit meiner ärztlichen
Auskunft schon längst auf sehr, sehr schwachen Füßen steht? Er ahnt, daß wir ihm etwas Bedeutungsvolles verschweigen; er hat nur noch nicht die Selbstüberwindung gehabt, die unbedingte Wahrheit zu fordern. — Aber wenn er mich nun heute auf Ehre und Gewissen fragt, ob es für ihn noch eine Rettung gibt: ja, forderns. dann nicht Die Pflicht gegen uns beide, die Pflicht der Selbsterhaltung, ihm endlich die Augen zu öffnen?"
Mehrmals wollte sie ihn unterbrechen. Die helle Angst stand in ihren Zügen. Aber nun schüttelte sie nur müde den Kopf und sagte leise: „Nein, nein, das würdest Du ja doch uicht tun. Um meinetwillen nicht."
Stöhnend wandte er sich von ihr ab. Dann drang er wieder in sie mit neuen Bitten, neuen Vorstellungen.
Sie legte ihre Hand in die seine. „Hab doch Erbarmen mit mir, Liebster. Es graut mir doch selbst so namenlos vor den nächsten Jahren."
„Wenn Du Zeuge seiner letzten Qual wirst, Fränze, dann erstirbt etwas in Dir. Das weiß ich. Tu wirst Dich nie, nie mehr davon freimachen können. Wie ein schwarzer Schleier wird es zwischen uns schweben — ewig, ewig. Und es wird unser Leben vernichten."
Sie nickte traurig. „Meines — ja. Mer für Dich soll und wird es ein neues Glück geben."
„Ein Glück ohne Dich? Ach, Fränze!"
„Ja, Liebster, scheiden müssen wir. Denn teilen kann ich doch nicht. Nein, nein, in diese sterbenden Augen mit einer Lüge zu sehen — nein, dazu bin ich zu stolz, dazu achte und ehre ich auch Dieter in feinem Unglück zu hoch. Und Du — willst es selbst nicht."
„Fränze — Fränze!"
Sie hielt seine Hand krampfhaft in der ihren und sagte unter innerlichenr Weinen, das ihrer Stimme etwas Erschütterndes gab: „Du bist mir zu lieb, zu wert dazu, als daß ich zusehen könnte, wie unser Glück sich Tag für Tag in heimlichem Betrug demütigt." Sie fühlte das Zucken, das durch ihn ging. Mit heißem Atem fuhr sie fort, die Augen schließend: „Tu etwas, das uns das Scheiden erleichtert, Liebster. Sieh Dich na'ch lachender Jugend um. Ja, nach einem neuen Glück, das Dich vergessen läßt. O, ich verspreche Dir, ich werde nicht in sentimentaler Klage am Kirchweg sitzen unL Dir das Herz schwer machen. Ich werde mich freuen, Hermann, ja, aufrichtig freuen. Glaubst Du mir? — Komm, dann nimm jetzt meine beiden Hände in die Deinen uttb laß uns einander fest ins Auge sehen — Abschied nehmen als ehrliche, große Menschen."
„Als große Menschen", wiederholte er bitter. „Das Mitleid ist doch so klein, so weiblich, so — feig! — Ach, Fränze, Du weißt ja nicht, was Du mir antust! Wie Du alles in mir zerreißest — mich klein und verzagt machst." Er blickte mit trotzigen Augen übers Wasser bin. „Und es war mir schon, als> ob es in mächtigem Zug aufwärts ginge, höher und höher, dem Lichte zu. . . ." Verzweifelt brach er ab.


