Ausgabe 
22.4.1904
 
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Auszeichnung? Sollte etwas vom Bazargeschwätz an sein Ohr gedrungen sein, oder hatte Ibrahim ihm am Errde gar einen Wink gegeben?

Während die anderen sich nach dem Essen ins Freie begaben, blieb ich hartnäckig zwischen Frau Cardozo und Frau Josephs sitzen, bis Ibrahim endlich doch die Geduld verlor und verdrießlich mit Eulalie davonging.

Der Mond leuchtete in strahlender Pracht, allein die Lnft wurde allmählich doch recht kühl. Es war schon lange nach Sonnenuntergang, und die Glocken auf dem St. Thomasberge hatten bereits das Eintreffen der letzten Post verkündigt und uns gemahnt, uns Zum Heimweg Zu rüsten.

Wieder war das Eßzimmer dicht mit Menschen gefüllt, die, um den Tisch herumstehend, eisgekühlte Limonade tranken. Da erst erschienen, als weitaus die letzten, Mr. Ibrahim und 'Eulalie. Sie seien ganz unten am Fuße des Berges gewesen, verkündigte Eulalie heiter, an einem schrecklich romantischen" Platze. Sie trug die Schleppe ihres faltenreichen Kattunkleides über den Arm gehängt und setzte sich nun, gierig die Hand nach dem erfrischenden Getränk ausstreckeno, während sie zugleich die Schleppe fallen ließ.'

Plötzlich stieß Frau Josephs einen ohrenzerreißenden Schrei aus, denn in Eulalies Schleppe aufgerollt lag eine große Brillenschlange. Wahrscheinlich hatte Eulalie dicht neben ihrem Nest auf dem Boden gesessen, und, an­gelockt von der Wärme des menschlichen Körpers, war das Reptil in ihr Kleid gekrochen und von ihr bis in den Bungalow gebracht worden. Der Fall auf den harten Boden hatte die Schlange dann ohne Zweifel erst auf­geweckt. Eine Sekunde noch und sie hatte sich, zum Bisse bereit, wohl zwei Fuß hoch vom Boden in die Höhe ge­richtet. So lag sie, ein schauerlich schöner Anblick, genau zwischen Eulalie uitb Ibrahim, während ringsum die Menge zwischen Tisch und Wand eng Zusammengedrängt stand. Niemand wagte sich zu rühren, und doch war der Tod in unserer Mitte.

In nächster Nähe der Schlange befanden sich außer Ibrahim zufällig nur Frauen, und er war sicherlich kein Held. Sein Gesicht hatte eine entsetzliche, erdfahle Farbe angenommen, die Lippen waren von den Zähnen zurück­gezogen, und aus dem Glase, das er in der Zitternden Hand hielt, lief das Wasser heraus. 'Ein entsetzlicher Aus­tritt folgte. 'Einige schrieen, andere waren vor Angst wie erstarrt, ein Mädchen siel in Ohnmacht, und noch jetzt sehe ich die dicke Frau Cardozo auf ein Seitentischchen klettern: eine Leistung, die unter gewöhnlichen Umständen als Ding der Unmöglichkeit erschienen wäre. Nicht eine Sekunde, nein nicht eine halbe Sekunde war mehr zu verlieren, jeden Augenblick konnte sich das züngelnde Untier auf sein Opfer stürzen. Ich schaute mich nach einer Waffe um, nach einem Stock oder Schirm. Hinter mir auf dem Tisch lag Fried­richs bester Sonnenschirm. Rasch griff ich danach und schlug der Bestie mit meiner ganzen Kraft über den Kopf. Ver- fehlte ich mein Ziel, oder war der Schlag nicht stark genug, um die Schlange ^u betäuben, so mußte ich meinen Miß­erfolg, dessen war rch mir vollkommen bewußt, mit meinem Leben bezahlen die Schlange oder ich!

Allein, gestählt durch die Kraft der Verzweiflung, hatte ich ihr das Rückgrat zerbrochen. Unter wütendem Zischen und scheußlichen, ohnmächtigen Windungen und Zuckungen sank sie sofort zurück, jedenfalls zu einem Angriff unfähig. Nun kehrte Ibrahims gewohnte Gesichtsfarbe zurück, und sich beit Anschein tollkühnen Mutes gebend, machte er mit Unterstützung des jungen Melville der Schlange vollends den Garaus. Jetzt brach ein wildes Durcheinander Von Reden und Gegenreden los. Eulalie warf sich mir in die Arme und fing krampfhaft an zu weinen. Ausrufe des Entsetzens ertönten, und jeder wußte irgend eine schreck­liche Schlaugengeschichte zu erzählen!

Endlich half man auch der armen Frau Cardozo von ihrem Tisch herunter, und die tote Schlange, die reichlich vier Fuß maß, wurde auf einem Stock hinausgetragen. Ich bin überzeugt, daß die Hälfte der Anwesenden nicht anders glaubte, als Ibrahim habe die Schlange getötet, umsomehr, als er Anspruch auf deren Haut erhob und sie ausstopfen lassen wollte. Friedrich aber konnte sich jeden­falls keiner Täuschung hingeben und war sich des wirklichen Tatbestandes wohl bewußt, als er entdeckte, daß ich ihm seinen schönsten europäischen Sonnenschirm zerschmettert hatte.

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Wenn die Arbeiten des Nachmittags getan, alleK ( geordnet und die Vorräte herausgegeben waren, pflegte ich meinen Spaziergang zu machen auf dem grasüberwucher­ten, auf den verlassenen Wällen hinlaufenden Pfad, der wenig begangen und durch eine Palmengruppe von der Hauptstraße getrennt war. Dort wandelte ich denn wohl eine Stunde lang auf und ab, vergeblich bemüht, mir einen Plan auszudenken. Hatte das angreifende Klima mich bereits stumpf gemacht, mir Verstand und Tatkraft gelähmt? Ich war einundzwanzig Jahre alt, von guter Familie, auch hübsch, wie man mir sagte, und hatte etwas gelernt, und doch war ich hier festgekettet vielleicht fürs Leben als die Dienerin eines indischen Kosthauses!

Vor allem mußte ich Geduld haben und warten, bis ich dreihundert Rupien zusammengespart hatte, dann konnte ich vielleicht die Ueberfahrt nach England auf einem Fracht­schiff bestreiten. Ich war ja jung und gesund, hatte gute, freundliche Menschen um mich und verdiente mir meinen Unterhalt. Ich hätte mich in viel schlimmerer Lage be­finden können welch ein Glück, daß ich wenigstens nicht Watty Thorolds Frau war! Und doch, wenn mein Blick hin und wieder auf andere englische Mädchen fiel, wenn ich sie wohlbehütet, in heiterer Sorglosigkeit reiten, fahren, rudern oder Einkäufe machen sah, und ich ihr Los mit dem meinigen verglich, dann entrang sich mir mehrmals ein tiefer, schmerzlicher Seufzer. Ja, es überkam mich manchmal die Angst, ob ich im alleinigen Umgang mit diesen zwar guten und harmlosen, aber oberflächlichen Menschen schließlich nicht auch auf den Standpunkt dieser Mädchen herabsinken würde, denen an nichts anderem lag, als an schönen Kleidern, Süßigkeiten und Hosmachern!

Mr. Ibrahim hatte ich seit dem Vorfall mit der Schlange, wo er sich so geschickt mit Lorbeeren zu schmücken verstanden hatte, nicht wiedergesehen. Zu meiner unbe­schreiblichen Freude und 'Erleichterung hörte ich, daß er in wichtigen Geschäften nach Delhi gereist sei. Doch leider wurde diese Freude bald zerstört.

Eines Tages kam Joeasta zu mir herangeschlichen und stieß heftig mit dem Kopf gegen mich das war die Art, wie sie ihre Zärtlichkeit auszudrücken beliebte.

Was willst Du nun wieder? Ich habe keine Bonbons." Ich will auch gar keine, im Gegenteil, ich habe etwas für Sie." Dabei öffnete sie langsam die Hand und brachte ein Briefchen zum Vorschein, das die Adresse trug: Miß Ferrars.

Für mich?" rief ich erstaunt.

Ja, für Sie! Von Mr. Ibrahim. 'Er ist von Delhi zurück und bat Mich, Ihnen dies hier in die Hand zu steckqn, wenn es niemand sehe."

Joeasta", rief ich höchst ärgerlich,tote kastnst Du so etwas Abscheuliches tun?"

Weil es mir Spaß macht." Sie war durchaus nicht beschämt.

Gib Mr. Ibrahim den Brief sofort zurück; ich nehme ihn nicht an."

Wie? Warum denn nicht? 'Eulalie und Josephine gebe ich immer eine ganze Wenge solcher Briefchen. Mr. Ibrahim hat mir für die Besorgung eine Schachtel mit kandierten Früchten und Geld versprochen."

Und von mir kannst Du dann außerdem noch eine kräftige Ohrfeige bekommen, wenn Du Dich noch einmal unterstehst, mir Briefe zu bringen. Das ist Sache des Briefträgers."

Darf ich Mr. Ibrahim das fugen?" fragte sie schlau.

Nein! Sage ihm, daß ich reine Briefe von ihm an­nehme."

Aber er ist ja doch so reich und so fürchterlich in Sie vernarrt. Die schönsten Sachen will er Ihnen schenken, wenn Sie nett mit ihm sind . . ."

Mach' jetzt, daß Du fortkommst, Joeasta!" Ich ver­setzte ihr einen Stoß.Es ist kein Wunder, daß man Dich Joeasta, Duckmäuserin, nannte."

Und Sie nannte man Pamela, die Stolze. Mr. Ibra­him heißt Sie sogar Pamela, die Prinzessin; ich aber heiße Sie Pamela, die Abscheuliche!" Damir rannte Ibra­hims Botin wutentbrannt mit fliegende Zöpfen davon; niemals aber brachte sie mir mehr einen Brief.

Eines arrdern Abends jedoch schlenderte ich ohne Huk mit auf dem Rücken verschlungenen fänden auf meinem Lieblingswege hin und baute, wie gewöhnlich, Luftschlösser. Fran Rosarrv batte drei Kälber verkauft und mir mein