Ausgabe 
22.4.1904
 
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Gehalt: ausbezahlt. Hundert Rupien befanden sich jetzt in meiner Brrefmappe; das war doch wenigstens ein An­fang. Als ich am Ende des Weges anlangte, sah ich zu meinem Schrecken. Ibrahim in seiner gewohnten unter­würfigen, selbstgefälligen Haltung neben mir stehen.

Hier ist also Ihr Schlupfwinkel". Er zog den Hut. Schon häufig habe ich mich gefragt, wohin Sie sich eigent­lich immer verstecken. Warum laufen Sie denn stets davon, wenn Sie mich sehen, Wiß Jerrars?"

Das tue ich nicht", antwortete ich mit dem inner­lichen Vorbehalt, daß ich ja schon entfloh, wenn ich nur seine Stimme hörte.

O pfui, ich glaubte, eine englische Dame lüge nicht! Daß Sie mich nicht leiden können, ja, daß ich Ihnen sogar verhaßt bin, weiß ich nur zu gut. Deutlich steht es in Ihren Augen geschrieben, und das ist sehr traurig, denn ich. habe Sie gern, o so sehr gern! ©ie. wissen das auch ganz gut, nicht wahr?"

Nein."

Wie, noch eine Lüge? Ich will aber, daß Sie auch mich gern haben. Ich möchte Sie beschützen. Ihnen dienen, mich Ihnen, wenn möglich, nützlich erweisen."

Sie mir dienen, warum?"

Weil . .." Eine lange Pause folgte.Nun, weil ich mich für Sie interessiere. Sie sind nicht nur schön, sondern Sie haben auch einen starken Charakter und ein gutes Herz."

In ärgerlichem Schweigen wandte ich das Gesicht ab. Seite an Seite gingen wir jetzt über die Straße.

An jenem Abend auf dem Balle, als ich Sie zum erstenmal sah, tat ich ber mir einen feierlichen Schwur und faßte dabet einen Entschluß, der mein ganzes Leben ändern wird..... Können Sie ihn erraten? Sind Sie

nicht neugierig?"

Wenigstens nicht bezüglich Ihrer Plane."

Nun denn, so will ich großmütig sein und es Ihnen sagen: ich habe mich entschlossen. Sie zu heiraten."

Mich zu heiraten?" wiederholte ich langsam.

Ja, Sie sind der Typus einer Frau, wie er mir gefällt. Ihr goldenes Haar allein schon ist ein wonniger Anblick. Ihre Züge, Ihr weißer Hals . . ."

Genug!" fiel ich ihm heftig ins Wort,ich verbitte mir eine solche Rede!"

Einen Augenblick noch hören Sie mich geduldig an. Nicht allein Ihre Schönheit und Ihr goldenes Haar ziehen mich au, sondern auch Ihre Charaktergröße und Ihre heldenmütige Selbstverleugunng. Oben im Norden, wo ich kürzlich war, erfuhr ich Ihre Geschichte; Bazare sind eine gute Quelle. Einen unwiirdigeu Bräutigam haben Sie abgeschüttelt, sich dadurch mit Ihren Freunden über­worfen und sich auf eigene Füße gestellt, so schlecht es Ihnen auch geht. . ." Wieder machte er mir ein Zeichen, ihn aussprechen zu lassen.Sie sind jung, llug, vornehm und tapfer. Warum Ihre Jugend, Ihre Schönheit, Ihr Leben hier begraben? Erlauben Sie mir, daß ich Sie dieser unwürdigen Umgebung entreiße", er zeigte ver­ächtlich auf Mrs. Rosarios Anwesenund Sie zu meiner Frau mache".

Ihre gute Meinung von mir ist ja recht schmeichel­haft", antwortete ich kalt, nachdem er endlich zu sprechen aufgehört hatte, und nun stehen blieb,allein ich muß Ihren Antrag ablehnen."

O dann sind Sie eine Törin", entgegnete er mit voll­kommener Selbstbeherrschung.Es nützt Sie übrigens auch gar nichts, denn ich habe einen eisernen Willen und viel Glück, das durchzuführen, was ich mir vorgenommen."

Auch ich habe einen Willen, wenn ich mich auch nicht viel Glückes rühmen kann. Sie haben meine Antwort ge­hört; wenn ich einmal etwas sage, so bleibt es dabei."

Das glauben Sie jetzt. Doch lassen wir in diesem Falle die Ausnahme gelten, welche die Regel bestätigt. Hören Sie mich an:, ich biete Ihnen Reichtum, kostbaren Schmuck, Freiheit und Rückkehr nach England. Ihnen zu Liebe will ich einen Teil des Jahres in London zubringen. Ich bin ein Gentleman und von guter Familie. Jeden Wunsch, soweit er irgend in meiner Macht steht, werde ich Ihnen erfüllen. In Ihrer Kirche, nach der Lehre Ihrer Religion Null ich mich mit Ihnen trauen lassen, ich bin selbst Christ. Sie sollen einen Magen zu Ihrer Verfügung haben."

Ich bitte, reden Sie nicht weiter", unterbrach ich ihn, zornbebend, denn meine Geduld war erschöpft.Was Sie auch anführen mögen, nichts kann meinen Entschluß än­

dern". Mit Aufbietung meiner ganzen Wilkensllmft sah ich ihm fest und stolz in die abscheulichen Augen.

Nun, so gewähren Sie mir wenigstens die Gunst Ihrer Bekanntschaft und erlauben Sie mir. Ihnen zn einer besseren Stelle zu verhelfen."

(Fortsetzung folgt.)

Htto Roquette.

Seinen achtzigsten Geburtstag würde am letzten 19. April Otto Roquette, der am 18. März 1896 verstorbene Dichter des poesieduftigen Rhein-Wein- und Wandermär- chensWaldmeisters Brautfahrt" begangen haben. Aus diesem Anlasse mögen hier einige ERnnerungen an den Waldmeister" ihre Stelle finden. Roquette war sein« Stellung als Lehrer für deutsche Literatur an der Ber­liner Kriegsakademie gekündigt worden, weil er, wie er selbst berichtet, bei einer Abgeordnetenwahl für den alten Iortschrittsmann Waldeck statt für seinen Gegenkandidaten' GeneralPapa Wrangel" seine Stimme abgegeben hatte. Ein Ruf an die Technische Hochschule zu Darmstadt kam dem Gelehrten und Dichter daher sehr gelegen. Dennoch stellte er aber auch hier die Bedingung, daß ihm das Tragen der CivilunisormderLehrer erlassen werde. Denn ich hatte bereits erfahren", so erzählt Roquette in seinen Memoiren, ,chaß alle hessen-darmstädti­schen Beamten uniformiert Augen, von den Mi­nistern, durch alle Rats- und Schulklassen, bis zu den letzten Gerichtsboten und Pedell. Für gewöhnlich (es gab auch eine große Staatsuniform für alle) trug jeder Angestellt« einen langen mausegrauenPaletot", hinten mit einem Gurt, nach Art eines Soldatenmantels, oben befand sich ein gleichartiger Sammetkragen, auf dem sich vorn zwei kleine Litzen mit einem Knopf befanden. Die verschiedene Farbe der Litze bezeichnete den Rang, die jursstische, pädagogische oder sonstige Stellung. Der Civildegen fehlte weder im Gerichtssaal, noch in der Bibliothek, noch auf dem Katheder, noch in der Knabenschule."

Mirllich wurde Roquette die Uniform erlassen, aber auch gleichzeitig dekretiert, daß auch die übrigen Do­zenten der Hochschulen fortan keine Uni­form mehr tragen sollten.Darüber gerieten aber die älteren Lehrer außer sich vor Entrüstung", so berichtet der Dichter weiter.Denn dieser graue, lange Mantelrock, der im Winter und Sommer getragen werden konnte, bequem war, jedes Defizit der Garderobe bedeckte oder ersetzte, so verschossen (nrtrb abgetragen sein durfte, als er mochte, um zugleich als Amts-, Berufs- und Schlafrock gut zu sein, der sollte nun abgeschafft werden! Dadurch wurde eine neue Kleidung von mehr europäischer Art nötig, neue Ausgaben und unerwartete Unbequemlich^iten. Dies hatte ich verschuldet, und man denke sich, mit welchen Gesinn­ungen man mir entgegenkam. . ." Einstweilen hielt sich Roquette für die schlechte Aufnahme, die er in Darmstadt gefunden, durch Spaziergänge in die schönen Waldungen schadlos. Aus einem solchen trat nur ans einem Gebüsch plötzlich eine junge Dame entgegen, blüten­weiß gekleidet, einen Strauß Maiblumen in der Hand.

,M" so redete sie mich andas ist ja hübsch. Ich suchte Maiblumen und finde den Waldmeister!"

Ich grüßte sehr verwundert und blieb stehen. Da fragte eine männliche Stimme:

Mit wem unterhältst Du Dich denn da, Alices Komm nur her und sieh selbst!"

Gleich darauf trat ein junger Mann in Uniform hervor, ebenfalls eine Ausbeute von Maiblumen in der Hand, der mich begrüßte, indem er mich beim Mimen nannte. Jetzt erst wußte ich, vor wem ich stand. Es war der Prinz Ludwig (später Großherzog Ludwig IV.), da­mals noch designierter Thronfolger, und seine junge Go- mahlin, Alice, Prinzessin von England..."

Sehr bald verstand es Otto Roqilette, sich die Gunst der Darmstädter in hohem Maße zu erwerben. Besonders die Studierenden der Technsschen Hochschule brachten dem Lehrer, dessen Vorlesungen über deutsche Literatur, obwohl nicht obligatorisch, die besuchtesten waren, fchwärrMrischs Verehrung entgegen. Roquette war im besten Sinne feinen Schülern, zu denen Schreiber dieses auch zu gÄhdrrn die Freude hatte, ein wahrer Freund.

Als derWaldmeister" vor 8 JaH«n nach LlMvtgcv Tätigkeit als MeratmProfessor in DarnrWavt die Wae«