Ausgabe 
22.2.1904
 
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Was? Wie? Zw . . .Zwölf?" Die alte Dame wich ganz entsetzt zurück.Wer Sie können doch unmöglich schon so lange verheiratet sein?"

O doch! Schon sieben Jahre."

Sieben Jahre? Und dann bereits . . ."

Zwölf Kinder", vollendete ich. Allerdings! Jedes Jahr Zwillinge, das letztemal sogar Drillinge" es kam mir auf diesen Rechenfehler gar nicht an.Wie Sie mich hier sehen, halte ich in dieser Beziehung den Weltrekord." Ich konnte mit der Genugtuung das Haus verlassen, die Frau Amtmann auf einige Stunden sprachlos gemacht zu haben. Wer was nützte das alles? Die Zahl der mir verbleibenden Wohnungen schmolz immer mehr zusammen, und wenn nicht endlich ein kinderfreundlicher Hauswirt ein Einsehen hatte, was dann?

Es war eine keineswegs rosige Stimmung, in welcher ich den die Nummer vier meines Programms bildenden Rentner aufsuchte. Tausendmal wiederholte ich mir den Wahlspruch des biederen Pomuchelskopp in ReutersStrom- ttD":Immer lavieren, immer lavieren, ein vorsichtiges Lavement kann nie schaden!" Aber als der dickbäuchige Dingsdaer Philister, der auf seiner feisten Backe noch das Muster seines Mittagsschlummerkissens trug, mir auf das gleich vorgebrachte Bekenntnis meiner Vatereigenschaft ent­gegnete:

Ja, wissen Sie, mit die Kinder. . . das 's nu so 'ne Sache" da war es mit dem ganzen Lavieren vorbei. Ehe der Herr Rentier seinen Satz vollenden konnte, war ich mit einem kürzeren Satz zur Tür hinaus.

Warum", fragte ich mich zähneknirschend,lebt denn der alte Hunvld Singuf nicht mehr? Hier würde er am richtigen Platze sein. In Hameln haben sie ihn geächtet, hier hätte man ihn sicher zum Ehrenbürger ernannt."

Ich begrub bereits alle meine Hoffnungen, eine Wohn­ung zu finden, während ich ergebungsvoll der Nummer fünf zu schritt. Daß es auch mit dieser nichts würde, war ja klar. Zwei ältere, unverheiratete Damen ... na, so ein paar schrullenhafte, alte Jungfern!Du kommst sicher vom Regen in die Traufe", sagte ich mir und überlegte schon, ob ich meine Nachkommenschaft verleugnen sollte. Wer ich bin nun mal ein ehrlicher Kerl und wollte es auch bleiben, wenn ich auch den Kelch des Leidens bis zur Neige aus­kosten sollte.

Ich höre, hier ist eine Wohnung zu vermieten", führte ich mich ein.Ich wäre geneigt, dieselbe zu mieten, falls Sie nicht daran Anstoß nehmen, daß ich zwei Kinder habe."

Die Dame, welcher meine Anrede galt, und die an­scheinend den Posten einer Verkäuferin in dem Weißwaren­geschäft von Friederike und Sophie Schmidt versah, lächelte mich an, knixte ein halbes Dutzend mal und trippelte dann eilfertig zu dem den Laden von dem Hinterzimmer ab­schließenden Vorhang.

Ach, Fiekchen, sei so gut, komm' einen Augenblick her! Hier ist ein Herr, der die Wohnung mieten möchte."

Gleich, Riekchen", tönte eine ebenso dünne Stimme aus dem Nebengemache, und nach einigen Augenblicken kam auch die Besitzerin dieser Stimme hereingetrippelt, knixte sich bis an den Ladentisch heran und lächelte mich ebenfalls an.

Wollen Sie sich bitte hier durchbemühen."

Sollten sie ganz überhört haben, daß ich meine Kinder erwähnte? Es schien fast so, und ich wiederholte deshalb mein Bekenntnis noch einmal, wobei ich hinzufügte:Zwei Kinder, einen Knaben von sechs und ein Mädchen von vier Jahren."

Aber o Staunen! es geschah das Gegenteil von dem, was ich vermutet hatte.

Ach, ein kleines Pärchen", rief Riekchen,nein, wie reizend! Hast Du's gehört, Fiekchen? Ein Pärchen!"

Wie süß!" antwortete Fiekchen, und wie zur Entschul­digung setzte sie mir zugewendet hinzu:Meine Schwester und ich mögen so gerne Kinder leiden."

Ich mußte an mich halten, um die beiden alten Damen picht auf der Stelle zu umarmen, und in meiner Herzens­freude mietete ich die Wohnung, obwohl sie zwei Treppen hoch leg, ihre Zimmer niedrig, die Oefen alt, der Herd ein riesengroßes, Feuerung schluckendes Ungetüm und die Wände aus dünnem Fachwerk waren.

Meine Frau entsetzte sich, als sie aus unseren mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit ausgestatteten Hamburger

Räumen in diese Löcher übersiedeln sollte. Ich aber sagte» Hättest Du die gleichen Erfahrungen gemacht, wie ich Du würdest anders reden. Im übrigen: Raum ist in der kleinsten Hütte für . . . eine mit Kindern gesegnete Familie." Mit dem Raum war's allerdings nur schwach, bestellt, aber sonst geftel's uns doch, ganz gut in der neuen Wohn­ung. Riekchen und Fiekchen waren zwei durchaus an­nehmbare Wirtinnen, wenn sie auch, die Dingsdaer Eigenart nicht ganz verleugnen konnten. Kam mal eines der Kinder mit unabgeputzten Stiefelchen von der Straße ins Haus, so erschien Fiekchen sofort mit Besen und Flanell­tuch und folgte errötend feinen Spuren. Oder hattep die beiden Kleinen aus dem zwanzig Quadratmeter großen, mit drei Rosenstämmen und einigen kleinen Stauden be­pflanzten und daher mit dem stolzen Namen Garten be­legten Hofplatz herumgetollt, flugs nach, ihrem Abzüge war Riekchen da und ebnete mit dein Rechen säuberlich die kiesbestreuten Wege.

Leider wachsen mit den Jähren und den steigenden Ein­künften die Ansprüche. Und da sich auf unsere Wohnung das Schillersche:Es wachsen die Bäume, es dehnt sich das Haus", nicht anwenden ließ, so mußten wir uns nach einer anderen Unterk"nft umsehen. Richtiger müßte ich eigentlich sagen: mußte meine Frau sich umsehen; ich für meineP erson hatte genug von dem erstenmale.

Was sie, die mit tausend Masten in den Dingsdaer Ozean hinausschiffte, erlebt hat, habe ich nie erfahren. Ich weiß nur, daß sie nach, acht Tagen eifriger Wohnungssuche sagte:Weißt Du, Männchen, ich meine, es ist am besten, wenn wir uns ein eigenes Haus kaufen."

Und so kam es. Denn das wissen wir, Herren der Schöpfung ja alle: wenn unsere Frauen sich einmal etwas in den Kopf gefetzt haben, dann ist nicht eher Friede im Land, als bis wir unser Ja und Amen dazu gesagt haben. Also kurz, ich kaufte mir ein Haus, ein niedliches Gartenhaus, für zwei Familien eingerichtet.

Das sag' ich Dir aber, Herzchen, ich nehme nur einen Miter mit Kindern. Ich will zeigen, daß ich nicht bin, wie die Philister hier."

Natürlich", sagte meine Frau,das versteht sich von selbst."

Und wir hatten Glück. Bald nachdem ich die Wohnung ausgeboten hatte, rückte ein neuer Amtsrichter in Dingsda ein, der bei mir als Suchender erschien. Da ihm die Wohnung gefiel, so wollte er sofort abschließen.

Erlauben Sie", sagte ich jedoch,eine kleine Beding­ung habe ich zu stellen. Es ist nämlich Grundsatz bei mir, dre Wohnung nur an Leute zu vermieten, welche Kinder haben."

O, was das anbetrifft", meinte er,damit kann ich dienen. Ich habe vier Jungen von acht bis herab zu zwei Jahren."

Topp", rief ich,Sie sind mein Mann."

Seitdem haben wir in der Tat nur Familien nut Kindern gehabt, und haben es nicht bereut, obschon wir gleich bei Amtsrichters die Erfahrung machten, daß totr die Tätigkeitsleistung der Kinderstimmen und namentlich der Kinderbeine früher ein wenig unterschätzt hatten, ^as konnte uns doch nicht bewegen, an einen Mietslustrgen, der vertrauensvoll unser Haus Betrat, die verhängnisvolle Frage zu stellen, deren Unbill wir einst selbst erfaßen hatten, und wenn den Lebensäußerungen meiner klemen Hausgenossen hier und da selbst mein Mittagsschlummer nicht standzuhalten wußte, so tröstete ich mich nut dem Goetheschen: .. ,

Wenn sich der Most auch ganz absurd geb erdet, Es gibt zuletzt doch noch 'nen Wein!

Streichholzspiel.

(Nachdruck verboten.)

Wie macht man aus diesen 9 Streichhölzern drei und ein­halbes Dutzend, ohne eins hinzuzuiügen oder zu zerbrechen i Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr: Das Wort ist frei.

Nedaktion: August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.