Ausgabe 
22.2.1904
 
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zusehen. Das war jedoch verlorene Liebesmüh'. Ich zog deshalb den Oberkellner in dem Gasthofe, wo ich mich in­zwischen einguartiert hatte, zu Rate.

Sagen Sie mal, Herr Ober, sind denn hier gar keine Wohnungen zu vermieten. Es scheint ja fast so, denn ich konnte nirgends einen Aushang entdecken.

Das pomadisierte Kotelettengesicht lächelte gering­schätzig.

Erlauben Sie, ein Plakat aushängen, so was tut man doch nicht. Da sehen ja gleich alle Leute, daß man eine Wohnung leerstehen hat. Und ... die Blamage!"

Ich muß gestehen, daß ich mich in diesen Gedankengang nicht so recht hineinfinden konnte; aber ich liebe es nicht, meine geistige Schwerfälligkeit jedem auf die Nase zu binden. Ich erkundigte mich deshalb nach der Zeitungsgeschästsstelle, um dort sofort eine Anzeige für das Dingsdaer Jntelligenz- blatt aufzugeben. Auch hier hatte ich mich verrechnet. Einer Leitung erfreute sich allerdings das biedere Dingsda, in­dessen erschien sie nur Mittwochs und Samstags. Und heute war Donnerstag! Drei Tage konnte ich unmöglich warten.

Wo bringt man also in Erfahrung, wer eine Wohn­ung zu vermieten hat?"

Ja. . . vielleicht beim Stadtsekretär."

Also auf zu diesem! Der Stadtsekretär ist in so einem Nest ungefähr das, was ein Mädchen für alles in einem kleinen Haushalt.

Das Dingsdaer Mädchen für alles geruhte noch zu schlafen, als ich gegen drei Uhr bei ihm vorsprachVor vier Uhr ist Herr Sekretär nicht zu sprechen."

Ich war grausam genug, die ganze Unverfrorenheit eines Großstädters, dem Zeit Geld ist, hervorzukehren, über­schüttete den dienstbaren Geist des Stadtsekretärs mit einem Schwall von Redensarten und erzielte damit schließlich den Erfolg, nach zehn Minuten dem Herrn gegenüberzustehen.

Nach einer weiteren halben Stunde konnte ich mit dem erhebenden Bewußtsein das Sekretariatszimmer verlassen, daß in Dingsda ganze fünf Wohnungen, für meine Ver­hältnisse passend, zu meiner Auswahl standen: Nummer eins bet einem Rittmeister a. D., Nummer zwei bei einem zur Ruhe gesetzten Oberförster, Nummer drei bei einer verwit­weten Frau Amtmann, Nummer vier bei einem Rentner, Nummer fünf endlich bei zwei älteren unverheirateten Damen. Ich beschloß, in dieser Reihenfolge, die gleichzeitig der Güte der Wohnungen entsprechen sollte, die Prüfung vorzunehmen.

Schon die erste Wohnung entsprach wie ich mit großer Befriedigung feststellte, fast genau den von meiner Frau aufgestellten Bedingungen: hohe, große Zimmer, zu ebener Erde, keine Kellerküche, abgeschlossener Flur usw. Und da­zu ein anscheinend prächtiger Hauswirt, der Herr Ritt­meister; das Urbild eines alten Kavalleristen, eine martia­lische Gestalt, fast einen Kopf größer als ich und ich bilde mir schon ein, das reichliche Durchschnittsmaß eines Germanen zu besitzen. Da auch der Preis der Wohnung kein allzu hoher genannt werden konnte, so war ich drauf und dran, das Geschäft kurzer Hand abzuschließen, als plötzlich ein weibliches Wesen die Treppe herabgerauscht kam.

Meine Frau", stellte der Rittmeister vor.Dieser Herr, liebe Klothilde, wünscht die Wohnung zu mieten."

Sie lächelte verbindlich

Dars ich mir eine Frage gestatten ... Sind Sie ver­heiratet?"

Allerdings, gnädige Frau."

Und . . . haben Sie Kinder?"

In gerechtem Vaterstolze warf ich mich in die Brust.

Gewiß! 'Einen Knaben von sechs und ein Mädchen von vier Jahren."

Ach, ein Pärchn! Das ist ja reizend", flötete die Gnädige.Aber", setzte sie mit einer gewissen nervösen Hast hinzu,da ist die Wohnung doch wohl zu klein für Sie."

O, was das betrifft", wagte ich zu erwidern,so habe ich keine Bedenken. Wir find von Hamburg her nicht ver­wöhnt. Bei den dortigen hohen Mietpreisen lernt man sich in bezug aus die Wohnung einzuschränken. Ich bin des­halb überzeugt. . ."

Sie ließ mich nicht ausreden.

Ach nein, glauben Sie mir, die Räume hier würden Ihnen nicht genügen. Sie wurden Ihnen sicher zu Nein sein."

Ich sah mich nach dem Rittmeister um, und es schien

mir, als sei er plötzlich einen Fuß Netner geworden. M rieb verlegen die Hände und sah saft ängstlich bald seine Frau, bald mich an.

Allerdings", meinte er,Familie. . . hm, ja, das ändert die Sache. Ja, hm, was ich sagen wollte . . ."

Ich begreife", erklärte ich,Sie nehmen Anstoß an meinen Kindern, und so bleibt mir nur übrig, mit bestem Danke auf Ihre reizende Wohnung zu verzichten."

Das Ehepaar wollte noch einige verbindliche Redens­arten vom Stapel lassen, aber ich schnitt dieselben durch Schließen der Haustür ab.Merkwürdige Gesellschaft!" sagte ich mir, während ich dem Tuskulum des Oberförsters schritt.Nun, es gibt: Gott sei Dank! noch vernünf­tigere Leute."

Das Gebimmel der Türglocke, die ich an dem ober- försterlichen Hause zog, rief drinnen einen Höllenlärm her­vor. Ein halbes Dutzend Hunde von allen möglichen Größen wie ich durch das Türfenster sah bläffte, heulte, winselte durcheinander. Nachdem der Spektakel einige Mi­nuten gewährt hatte, öffnete sich drinnen eine Tür und eine Männergestalt mit dickumwickelten Gichtbeinen, mürrischem Gesicht und einem zollstarken Eichenstock kam den Gang herabgehinkt. Der Oberförster denn er war's zweifels- hone öffnete die Tür ein wenig und schrie durch den sich jetzt verdoppelnden Lärm der Hunde mich an:Was wünschen Sie?"

Zuvörderst wünsche ich, daß Sie diese Bestien einmal zur Ruhe bringen, damit man sein eigen Wort verstehen kann und seines Lebens sicher ist."

Der Alte fuhr mit dem Knotenstock zwischen die in ihrem Eifer die Türfüllung mit Pfoten und Zähnen bear­beitende Schar.

Wollt ihr ruhig sein, ihr Hallunken! Kusch dich, Unkas! Nero, willst du weg, du Vieh!"

Das Wutgeheul verwandelte sich in ein Wehgeschrei, aber die Tür wurde frei, und ich konnte ohne Gefährdung meiner Beine das Zimmer des Oberförsters erreichen. Da die beiden Teckel, die mit in die Stube gedrungen waren, sofort das Sofa in Besitz nahmen, so mußte ich mich mit einem Stuhl begnügen.

Also die Wohnung wollen Sie mieten?" fragte der alte Herr, nachdem er zuvörderst einen regelrechten Steck­brief von mir ausgenommen hatte.Da erlauben Sie mal erst eine Frage: Haben Sie Kinder?"

Am liebsten wäre ich sofort wieder aufgestanden und hätte die Tür von außen zugemacht, aber die an derselben jetzt wieder erschallenden drohenden Wauwaus und die scheelen Blicke der beiden auf dem Sofa liegenden knurren den Teckel nötigten mich zu einer anderen Taktik.

Kinder?" fragte ich deshalb harmlos.Leider bische ich deren nicht so viel, wie Sie Hunde. Ich habe nur zwei; aber wenn Ihnen das nicht genügt, so ließe sich vielleicht Rat schaffen. Ich könnte ja ein Pensionat an- legen. Was meinen Sie dazu?"

,^jum . . ., Herr", polterte er los,was fällt Ihnen ein? Glauben Sie, mein Haus istne Kinderbewahranstalt? Ich bin ein nervöser alter Mann. Ich kann durchaus nicht über Lärm und Kindergeschrei sein."

Oho", machte ich bedauernd,verzeihen Sie das Miß­verständnis. Ich bin weit davon entfernt, die idyllisch^ Ruhe Ihres Hauses stören zu wollen. Empfehle mich ge­horsamst."

Ich war froh, als ich die Straße wieder mit heiler Haut und heilen Unaussprechlichen erreicht hatte.

Mit Nummer zwei war's also auch nichts/ Nun: Vivat seguenz! Die Drei ist die heilige Zahl, und das muß ich sagen ziemlich günstig ließ sich die Verhandlung mit der Frau Amtmann an. Die gute Dame führte mich durch alle Räume der immerhin noch ganz netten Wohnung; wir krochen durch Keller, Böden und Ställe, ohne daß die ver­hängnisvolle Kindersrage zum Vorschein kam. Ich wähnte mich, als die näheren Bedingungen des Mietsabschlusses festgestellt waren, bereits am Ziele, da plötzlich mir sträubten sich die Haare begann die alte Dame mit der unvermeidlichen Einleitung:

Nun, zum Schlüsse, nehmen Sie mir aber eine Frage nicht übel, mein lieber Herr: haben Sie Kinder?"

Am liebsten hätte ich meinen Gefühlen in einem india­nischen Kriegsgeheul Luft gemacht, aber ich beherrschte mich noch und antwortete mit verbindlichem Lächeln:Nur zwölf."