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„Diese Vorsicht Ihrerseits habe ich erwartet", fiel Skott ein.
„Na, sehen Sie — ach, wir werden uns schon verstehen lernen, mein junger Freund, und nun lassen Sie mich einmal hören, was Ihnen von der Sache bekannt ist. Vermutlich wissen Sie ja auch, daß ein Testament darin eine wichtige Rolle spielt?"
„Gewiß, jawohl. In einem oder zwei Briefen drohen Sie, den Beweis liefern zu wollen, daß das Testament Von Hugh Mainwaring vernichtet wurde."
„Sollte ich wirklich so etwas behauptet haben?"
„Nicht gerade direkt, aber Ihre Andeutungen müssen jedenr verständlich sein, der die englischen Gesetze kennt."
Hobson stutzte. Betroffen fragte er: „Ist Ihnen das englische Gesetz bekannt?"
„Allerdings. Aber nur insoweit, als ich in ihm, meiner Entdeckung wegen, Belehrung suchte."
„Ah so! So etwas hätte ich mir von Ihnen nicht träumen lassen! Sie haben den Fall also vollständig studiert? Vortrefflich! Nun, so will ich Ihnen auch noch sagen, daß ich Hugh Mainwaring keines Verbrechens beschuldigte, das er mir nicht selber gestanden und das ich nicht bis in jede Einzelheit beweisen könnte. Haben Sie Kenntnis von dem Inhalte jenes Testaments, von dem Namen des Testators oder den Namen der Benefiziaten?"
hierüber gab die Korrespondenz keinen Aufschluß. Ich kounte daraus nur entnehmen, daß Hugh Mainwaring mit der Vernichtung des Testaments andere betrogen und sich selbst bereichert hatte."
„Ja, das tat er!" rief Hobson mit einer gewissen Erleichterung aus. „Aber, wenn das alles ist, was Sie von der Sache wissen, mein Lieber, dann stehen Sie auf schwachen Füßen. Da wissen andere Leute mehr als Sie. Trotzdem gebe ich zu, daß Sie auch selbst mit Ihrer wenig beweiskräftigen Entdeckung auf Hugh Mainwaring persönlich einen Druck zu Ihrem Vorteil hätten ausüben können, jetzt aber — den Verwandten gegenüber — würden Sie damit wenig oder gar nichts ausrrchten. Bedenken Sie doch — Sie wissen nichts von den Bestimmungen des Testaments. Sie wissen nichts von den Benefiziaten, also jenen Personen, die Hugh Mainwaring betrogen hat. Sie haben keinen Beweis, haß er wirklich has Testament vernichtete, ja, mein lieber junger Freund, Sie könnten nicht einmal den Beweis erbringen, daß überhaupt ein solches Testament existiert hat. Was haben Sie denn da eigentlich?"
„Sie wollen also, wenn ich recht verstehe, sagen, daß Ihre und Herrn Mainwarings Briefe nicht als Beweis betrachtet würden?" fragte Skott mit gut gespielter Ueber- raschung.
Hobson lachte laut auf. Nehmen Sie mir's nicht übel, Sie sind wirkliche ein bischen zu harmlos, Sie scheinen die Herren Vettern nicht zu kennen, ich aber kenne sie genau. Leute wie Ralph Mainwaring und Williäm Thornton lassen sich mit solchem Material nicht bange machen. O, ich sage Ihnen, das sind feine Jungens! Wollen Sie Ihnen gegenüber etwas erreichen, dann müssen Sie Ihr Verlangen durch ganz unanfechtbare Beweise unterstützen können, diese aber kann Ihnen kein Mensch liefern außer mir!"
„Und welche Summe würden Sie für Ihren Beistand fordernd .
„Zn dieser Weise wollen wir miteinander nicht rechnen", erwiderte Hobson, indem seine kleinen listigen Rattenaugen vor Freude darüber funkelten, wie leicht ihm seine Beute ins Netz ging.
„Tie Sache ist nämlich die: Ralph Mainwaring und Thornton haben ein Vorurteil gegen mich; es ioürde unseren Erfolg erschweren, wenn ich persönlich mit ihnen in Verhandlung treten wollte. Meine Person muß verborgen bleiben. Tagegen kann die Angelegenheit sehr glatt verlaufen, wenn wir beide uns zusammentun und Sie ihnen — unterstützt von meiner Rechtskenntnis und Erfahrung — zu UeiJe gehen. Ich zweifle nicht, daß Sie dann geschickt die Trähte handhaben werden, die uns beiden Geld einbringen sollen. Was sagen Sie dazu, mein junger Freund?'
„Sie glauben also, daß Ralph Mainwaring und Herr Thornton vor den Geschehnissen, die Sie aufzudecken vermögen, einen solchen Schrecken bekommen würden, daß sie sich zur Zahlung eines. Schweiggeldes verstehen würden?"
,Lch beanstande den Ausdruck „Schweiggeld". Ich will nur versuchen, das zu erhalten!, was Hugh Mainwaring
mir schuldete. Er hat mich niemals voll bezahlt. Und so müssen es nun seine Erben tun."
„Wo befinden sich die Benefiziaten des vernichteten Testaments?" fragte Skott plötzlich.
Hobson sah ihn scharf an. „Tie sind schon lange tot. Wre kommen Sre auf diese Frage?"
„Nun, ich dachte nur, wenn diese oder ihre Erben noch am Leben waren, müßte es doch das Nächstliegende sein, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Sie wurden sich vermutlich noch am ehesten und leichtesten dazu verstehen, einen Wbscheu Preis für unser Geheimnis zu zahlen."
„Sie haben recht, das würden Sie zweifellos — aber sie find, wie gesagt, alle tot."
„Hinterließen sie denn gar keine Erben?"
„Gar keine. Leider, leider! Indessen habe ich glücklicherweise diese englische Vetternsippe so in den Fingern^ daß sie mit den Dukaten schon herausrücken sollen."
Tie Verachtung, die Skott, solange Hobson seine Pläne entwickelte, verborgen hatte, trat jetzt, als er sich plötzlich von seinem Stuhle erhob, deutlich auf sein Gesicht.
„Was denn!" ries Hobson erstaunt. „Sie wollen doch nicht auf einmal fort? — Setzen Sie sich, setzen Sie sich l Wir haben ja unseren Plan noch gar nicht besprochen!"
„Tas will ich auch, gar nicht", entgegnete Skott mit unverhohlenem Abscheu. „Falls Sie glauben, mich zum Gimpel und zum Werkzeug Ihrer Gaunereien und schurkischen Anschläge machen zu können, da irren Sie sich. Wenn Sie sich einbilden, daß ich in der Absicht hierher kam, auch nur mit einem Gedanken auf Ihre niederträchtigen Vorschläge einzugehen, so täuschen sie sich. Ich kam nur hierher, um mich über einen ganz bestimmten Punkt zu vergewissern. Mein Zweck ist erreicht, und nun habe ich nichts mehr mit Ihnen zu schaffen."
Hobson war mit einem Satze aufgesprungen. Furcht^ Zorn, Trotz, Haß glitten in rascher Folge über sein Gesicht und verliehen ihm einen wahrhaft teuflischen Ausdruck.
„Sie lügen!" zischte er, heiser von Wut. „Ich habe Ihnen mit keinem Worte eine Auskunft erteilt!"
„Tas allerdings nicht", erwiderte Skott mit kaltem Spott. „Sie konnten das auch gar nicht, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich viel mehr von dem Geschehenen weiß wie Sie. Ja, mir find sogar noch ganz andere Dinge bekannt, die ein gewisser Richard Hobson alias Tick Carroll in London verübte."
Hobson war bleich, geworden. Mit einer blitzschnellen Bewegung seiner rechten Hand griff er unter die auf seinem Schreibtisch liegenden Papiere. Jin nächsten Augenblick schleuderten ihm zwei kräftige Schläge einen Revolver aus. der Hand und ihn selbst zu Boden. Während er halb betäubt dalag, nahm Skott den Revolver auf, sicherte ihn und steckte ihn dann in seine Brusttasche.
„Den werde ich vorläufig als Andenken an unsere Unterredung behalten; später wird er mir als Beweis dienen."
Hobson erhob sich mit gräßlich, verzerrtem Gesicht. Bebend vor Wut knirschte er nur zwischen den Zähnen:
„Wer, zum Teufel, sind Sie eigentlich ?"
„Tas geht Sie gar nichts an", erwiderte Skott, ihn am Kragen packend und nach der verschlossenen Türe ziehend. „Vorwärts, die Tür aufgeschlossen!"
Zitternd fügte sich der Elende; Skott wollte sich entfernen. „Noch einen Augenblick", flüsterte Hobson, von Furcht und Schrecken wie gelähmt. „Glauben Sie nicht, daß Sie mich in Ihrer Gewalt haben. Ich. habe nichts gesagt, was Ihnen als Handhabe gegen mich, dienen könnte. Auch betreffs Dick Carrolls haben Sie keinen Beweis."
Skott sah mit Ekel auf die Jammergestalt. „Sie feiger Schuft, nur eins will ich Ihnen noch sagen: Hüten Sie sich, jemals meine Wege zu kreuzen; ich! möchte mir nicht noch einmal die Hände an Ihnen beschmutzen. Sollten Sie mich, aber dazu zwingen, dann kommen Sie nicht so leicht davon."
Er öffnete die Tür und schritt schnell durch das Vorzimmer, an dem ihn entsetzt anstarrenden Schwarzen vorüber, der hie letzten Worte gehört hatte.
Neue Entdeckungen.
An dem Morgen, der der Unterredung mit Hobson folgte, erwachte Skott zu früher Stunde. Er stand auf und sah zum Fenster hinaus. Angezogen von der Schönheit des Bildes, das die Landschaft, von den Strahlen der ausgehenden Sonne übegossen, bot, verharrte Skott eine Weile am Fenster, als ein leichtes Rascheln im Gebüsch am See


