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KaschLanka.
Vorr A n ton Tschechoff.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ter Unterricht und das Mittagessen machten die Tage sehr interessant, die Abende aber vergingen etwas langweilig. Gewöhnlich fuhr der Herr des Abends irgendwohin fort und nahm den Kater und den Gänserich mit. Kaschtanka der allein zu Hause blieb, pflegte sich dann auf dem Kissen auszustrecken und der Melancholie anheim zu fallen. . . Unbemerkt und allmählich, wie die Finsternis ein Zimmer erfüllt, beschlich ihn die Traurigkeit. Es begann damit, daß der Hund die Lust am Bellen, am Essen und am Uruher- lausen in den Zimmern verlor. Dann erschienen seiner Phantasie zwei undeutliche Gestalten, halb Tiere, halb Menschen, mit lieben und sympathischen, aber unverständlichen Gesichtern. Bei ihrem Erscheinen wedelte Kaschtanka mit dem Schwanz, und es war ihm, als hätte er sie irgendwo und irgendwann schon gesehen und geliebt. . . Und wenn er einschlief, empfand er jedesmal den angenehmen Tust von Leim, Hobelspänen und Lack, der diesen Gestalten entströmte. . .
Als er sich in das neue Leben schon ganz eingewöhnt hatte und sich aus einem mageren, knöcherigen Straßenköter in einen satten, wohlgepflegten Hund verwandelt hatte, streichelte der Herr ihn einmal vor dem Unterricht und sagte:
„Na, Tante, jetzt ist es auch Zeit, an die Arbeit zu gehen . . . Ich will aus Dir einen Künstler machen . . . Willst Du ein Künstler werden?"
Und er begann den Hund in allen möglichen Wissenschaften zu unterrichten. In der ersten Stunde lernte Kaschtanka „sitzen" und auf den Hinterfüßen gehen. In der zweiten Stunde mußte Kaschtanka auf den Hinterfüßen schon springen und nach einem Stück Zucker schnappen, das der Meister hoch über den Kopf des Hundes hielt. Dann, in den nächsten Stunden, tanzte er, lief an der Korde, heulte „nach Musik", läutete und schoß. Nach einem Monat aber konnte er bereits mit Erfolg Theodor in der „Egyptischen Pyramide" vertreten. Er lernte gerne und ivar mit seinen Fortschritten zufrieden; namentlich das Laufen an der Korde, mit heraushängender Zunge, das Springen durch den Reifen und das Reiten auf dem alten Theodor bereiteten ihm ein ganz besonderes Vergnügen. Jedes gelungene Vergnügen begleitete er mit lautem begeisterten Gebell, während der Lehrer staunte, sich ebenfalls begeisterte und vergnügt die Hände rieb.
„Ein Genie! Ein Genie!" sagte er. „Ein unbezweifelbares Genie! Du wirst einen großartigen Erfolg haben!"
Und Kaschtanka hatte sich so sehr an das Wort „Genie" gewöhnt, daß er jedesmal, wenn sein Herr es aussprach, aufsprang und sich umsah, als wäre es kein Rufname.
Eine unruhige Nacht.
Kaschtanka hatte einen Hundetraum: der Hausknecht: jagte ihm mit dem Besen nach. Bor Furcht erwachte er.
Im Stübchen war es dunkel, dunkel und schwül: Die Flöhe belästigten ihn. Kaschtanka hatte früher niemals die Dunkelheit gefürchtet, jetzt aber war es ihm, er wußte selbst nicht warum, plötzlich so unheimlich geworden, daß er bellen wollte. Im Zimmer nebenan seufzte der Herr etwas später grunzte die Sau im Stalle, und wieder wurde alles Still. Wenn man ans Essen denkt, wird es einem leichter ums Herz, und Kaschtanka begann daran zu denken, wie er heute Theodor ein Hühnerbein entwendet und es im Salon, zwischen dem Schrank und der Wand- wo sehr viel Spinngewebe und Staub lag, versteckt hatte. Es würde nichts schaden, mal hin zu gehen und sich zu überzeugen, ob dieses Bein noch da sei oder nicht mehr. Unmöglich wäre es nicht, daß der Herr es gefunden und verspeist hätte. Aber vor dem Morgen darf man die Stube nicht verlassen — das ist Hausgesetz. Kaschtanka schloß die Augen, um möglichst schnell einzuschlafeu, denn er wußte aus Erfahrung, daß je früher man einschläft, um so früher der Morgen da ist. Aber plötzlich ertönte nicht weit von ihm ein sonderbarer Schrei, der ihn zusammenschrecken und aufspringen machte. Es war Herr Iwanow, und sein Schrei war nicht geschwätzig und überzeugend wie gewöhnlich, sondern wild, durchdringend und unnatürlich, wie das Schreien einer ungeschmierten Pforte. Ohne im Dunkeln etivas sehen oder begreifen zu können, erschrak Kaschtanka noch mehr und knurrte:
„Rrrr. . ."
Es verging viel Zeit, soviel wie dazu nötig ist, um einen guten Knochen zu benagen; der Schrei wiederholte sich nicht. Kaschtanka beruhigte sich allmählich und begann wieder in Schlaf zu versinken. Ihm träumte von zwei großen, schwarzen Hunden; sie fraßen gierig aus einem großen Tröge mit Küchenabfällen, dem iveißer Dampf und ein angenehmes Aroma entströmten. Ab und zu wandten sie sich nach Kaschtanka um, fletschten die Zähne und knurrten: „Dir geben wir nichts!" Aber aus dem Hause kam ein Bauer im Pelz herausgelaufen und vertrieb mit der Peitsche die Hunde. Kaschtanka näherte sich dem Tröge und begann zu fressen, aber kaum war Her Bauer im Tor verschwunden, als die schwarzen Hunde sich brüllend auf Kaschtanka stürzten, und der durchdringende Schrei plötzlich wieder ertönte.
„K—he! K—he—he!" schrie Iwanow.
Kaschtanka erwachte, sprang auf und brach, ohne sein Kissen zu verlassen, in ein heulendes Gebell aus. Es schien ihm jetzt, als schreie nicht mehr Iwanow, sondern jemand anderes, jemand Fremdes. Und sonderbarerweise grunzte auch die Sau wieder im Stalle.
Schon vernahm man aber das Schlurfen der Pan« toffeln, und in die Stube trat der Hckrr, im Schlafrock und mit dem Licht in der Hand. Der blinzelnde Schein


