Ausgabe 
21.10.1904
 
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EMnor befand sich bereits int Theater. Sie gaben ^Tristan und Isolde" an jenem Tag. Die Oper ist so selten KU hören, daß man sie sich nicht entgehen 'lassen durste. Frau v. Greditz war also bereits gegangen und erwartete die Herren, so berichtete der Portier, in der Oper. Harro dankte für das Theater, er war etwas müde und wollte sich schonen für den groAn Tag. Der Rittmeister bedauerte höflich, stimmte aber doch bei, da er es vernünftig fand. Er beorderte schnell ein kleines Wendessen, Forellen und ein junges Huhn, wobei er liebenswürdig seinem Gaste Ges- sellschaft leistete. Dann ging er nach der Oper, um sein« Fran wenigstens abzuholen.

Harro legte sich nieder. Er wollte schlafen. Es war unmöglich. Bei den erregten Nerven schien es ihm, als ging all das Trab-Trab der unermüdlich mit irgend einem Gefährt vorübereilenden Gäule direkt durch seinen Kopf. Er stand wieder auf, um das Fenster zu schließen. Den Griff in der Hand, blieb er plötzlich, wie in den Boden gewurzelt, halten. Dicht, ganz dicht in seiner Nähe, deutlich, ob auch leise gedämpft, fang eine nur zu bekannte Stimme: Lanima mia sei tu E mi veder morire

Se lo comandi tu.

Dann klang es wie das Schließen eines Fensters neben­an. Es konnte nur Ellinor sein! Ob sie sich etwas bei den Wersen gedacht, ob sie ihr nur die noch von der Musik des Tristan berauschte Stimmung just so eingegeben, ver­mochte niemand zu wissen, ebensowenig, wie man je auf den Grund ihres Innern zu blicken vermochte.

(Fortsetzung folgt.)

Plaudereien aus der Kaiferstadt.

(Nachdruck verboten.)

Bon den Berliner Gänsen. Ein Fünfpfennigbillet für die Straßenbahn. Japaner als Vortragskünstler. Der Briefmarken-Onkel.

Von den wirklichen Berliner Gänsen will ich plaudern; nicht von jenen ohne Flügel, die mit Musikmappen in den Stadtbahn- kupees oder Straßenbahnwagen fitzen und über Misdroy nnd Heringsdorf, Bassermann und die Sorma, Heinz, Tovote und Marie Madeleine schnattern, mrd die man im Magen hat, ohne sie gegessen zu haben. Nein, ich meine die braven kapitolinischen Vögel, die jetzt zu Tausenden in unsere Markthallen Einzug halten und mit dem Aroma ihres sich bräunenden Busens Sonn­tags die Treppenhäuser der Berliner Mietskasernen erfüllen. Wohin sie wandern, wissen wir. T'er Riesenmagen der Welt­stadt wird ihnen zum letzten Quartiere. Aber woher sie kommen, die Hunderttausende? lieber den Verkaufsständen steht immer dirssetbe zu lesen:Oderbrucher Fettgänse" nämlich! Aber wer nachforscht, kommt bald dahinter, daß es ihnen geht, wie den Grüneberger Trauben, die uns vom Rhein her als Hochheimer, Schiersteiner oder Erbacher ihre Visite machen. Tie Gänsemästerei im Oderbruch ist nämlich seit Jahren immer mehr zurückgegangen und der Rummelsburger Gänsemarkt muß aus viel entfernteren Teilen unseres Vaterlandes versorgt werden; sogar das Aus­land wird stark in Anspruch genommen, um die riesige Nachfrage in diesen Wochen befriedigen zu können. Bei diesen Transporten geht naturgemäß viel verloren, zumal, wenn die Temperatur unterwegs steigt. Und cs kommt vor, daß viele Hunderte von Gänsen bei der Ankunft in RummelÄburg gleich der Mdeckerei überwiesen werden müssen. Interessant sind auch die Schliche, mit denen seitens der Händler selbst kundige Berliner Hausfrauen hinters Licht geführt werden. Ter Farbe des Schnabels und der Füße wird hübsch nachgeholfen und die Schwimmhäute werden irgendtvie präpariert, so daß sie sich recht leicht einreißen lassen, um einer schon Ehrwürdigen zu recht jugendlicher Erscheinung zu verhelfen. Am Sonntag aber ist natürlich trotz aller Brat­ofenhitze keine saftige Weichheit zu erzielen. Tas wirkt dann beinah wie ein Naturwunder, aber ein schreckenerregendes. Bon einem jener Wunder, die mit Heller Freude begrüßt werden, hört man. dieser Tage in allen Kaffeekränzchen reden. Man soll nämlich jetzt auf den Berliner Straßenbahnen für die Hälfte des bisherigen Preises, also für 5 Pfennig fahren können, wenn man sich nur die noch etwas' geheimnisvollen Billets zu ver­schaffen weiß. Eine Reklame-Gesellschaft, die über ein großes Kapital verfügen muß, hat mit derGroßen Berliner" ein Ab­kommen getroffen, lvonach ihm die Ausgabe für alle Strecken gütiger Fahrscheine zum Preise von 5 Pfennig gewährt ist. Taese 5 Pfennig-Scheine, für die das Unternehnten der Straßen- bahil den vollen Preis von 10 Pfennig zahlen muß, an jedem Billett also ß Pfennig zusetzt, stecken in einem Heftchen, das alle möglichen Annoncen enthält, die der glückliche Käufer als Trauf- gabe erhält, und wenn er dankbar ist, tiatürlich eifrig studieren wird. Tai die Herstellung dieser Heftchen mich noch etwa 1 Pfg.

Kosten verursacht, so erscheint diese Art der Reklame ziemlich kostspielig. Uebrigens sind trotz großer Litfaßanschläge nirgends 5 Pfennig-Fahrscheine zu haben. Alle Welt fragt danach nnd nirgends kann man sie erhalten! Bei dem sparsamen Sinn unserer Hausfrauen, die seinerzeit die 5 Pfennigstrecken der Omnibuffe mit wahrem Enthusiasmus begrüßt haben, bin ich nicht im Zweifel, daß dieser billige Straßenbahnschein reißenden Absatz findet, sofern man nur endlich erfährt, wo dieses profitable Geschifft seine Schalter öffnet.

Einen interessanten Abend verspricht n. a. für den Winter der Giordano Bruno-Bund, der einen Vortrag über Japanische Tenker nnd Dichter ankündigt, den in Berlin weilende Söhne des Chrysanthenmmlandes durch Rezitationen beleben sollen. Tie Teilnahme für die Geschicke Japans auf dem Kriegsschauplätze ist bet -den Berlinern nicht geringer geworden, so viel man auch von anderer Seite bemüht gewesen ist, Stimmung für Rußland zu machen. Tiefer Abend wird daher vielleicht eines leisen politischen Beigeschmacks' nicht entbehren. Amüsant ist übrigens' ein kleines' Geschichtchen, das Herrn Jwaya, ehemals Lektor des Japanischen am Orientalischen Seminar zu Berlin, seinerzeit mit etlichen Berliner Göhren passiert ist. Er plaudert von Berlin nicht gerade überenthnsiaflisch und ist vor allen Tingen sehr verstimmt darüber, daß man ihn an der Spree oft für einen Chinesen angesehen. Als Chinamann zu gelten, scheint das rote Tuch -der kleinen, behenden Kerle mit den klugen Schlitzaugen zu fein.Onkel, hasten ferne japanischen Marken?" haben ihn eines Tages in einer abgelegenen Straße ein paar echte Berliner Jungens attakiert, und als er verneinte, ihn einfach nmFeld" gebeten. Ter gute Japaner hat sich nun eingebildet, daß Jnng- Berlin dieses Geld sammelwütig zum Ankauf von Marken be­nutzen wollte und ist entsetzt gewesen, als sie ihm ans seine Nachfrage, was sie mit 'dem Gelde machen wollten, kaltblütig Bonbons koofen!" erklärt haben. Für den erfreulichen Mangel an Verschlagenheit, der ans dieser unverfrorenen Berliner Ant­wort heransschaut, hat Herr Jwaya offenbar keine allzu hohe Schätzung gehabt. Sonst hätte 'er gelacht und sich nicht darübep geärgert. A. R.

Kind und Kunst.

Eine neue Familien-Zeitschrift.*)

Wir haben bereits auf das Erscheinen dieser mit großer Spannung erwarteten Zeitschrift vorbereitet. Nunmehr liegt uns das erste Heft vor. Tie Ausstattung

ist gediegen, vollendet, wie wir das' von den PublikationenI des Kochschen Verlages gewöhnt sind. Aeußerst glücklich gewählt ist das packende Titelbild des Hestumschlages von F. Nigg- Äagdcburg: ein Kind, die Umgebung vergessend, in ein Bau­spiel versunken. Es grübelt nach über die Schiebung der kleinen Gebäude als gelte es eine moderne Stadt zu schaffen. Ter ein­leitende Bogen, programmatischen Inhalts, mit schöner Titeb- leiste von Bürck, bietet die auszugsweise gegebenen Zustimm­ungen erster Pädagogen, Schriftsteller und Künstler zu dem Ar­beitsprogramm des Herausgebers fiir diese Zeitschrift. Tie innere, sehr charakteristisch gestaltete Titellciste von H. Bek-gran bringt die Tendenz vonKind und Kunst" vielversprechend zum Aus­druck. An der Spitze der textlichen Beiträge steht Pros. Tr. Konrad Langes geistvoller AufsatzKunst und Spiel in ihrer erzieherischen Bedeutung". Tann folgt ein beherzigenswerter Auf­satz von Seminar-Tirektor Dr. Pabst-Leipzig, der die Bedeutung des K'naben-Handfertigkeit-Unterrichtes in der Schule behandelt. Tr. M. Spanier-Münster i. W., der sich besonders um die Eiic- führung künstlerischen Anschauungsmaterials in den Sckmlen ver­dient gemacht hat, bietet An vortreffliches Referat überTie praktischen Ergebnisse der kunstpädagogischen Bewegung". Tie in Hessen wohlbekannte Tarmstädter Schriftstellerin Life Ram- speck, als Märchenerzählerin beliebt,gibt in ihrer schlichten Weise beherzigenswerte Winke an junge Mütter für die Hebung der Kunst, Märchen zu erzählen. Des weiteren finden wir nütz­liche Winke und knappe sachliche Mitteilungen, so über neue Wege des Z ei chen-U nterrichts, über Kinder-Schlafzimmer, das Schneiden von Silhouetten u. a. Hinweise zu vielen der prächtigen Illustrationen, sowie Bücher-Besprechungen, Kongreß-Berichte, Ge­dichte und eine besonders köstliche Spende in dem Märchenvon der Prinzessin, die nicht heiraten wollte", von Theodor Volbehr, mit Illustrationen von Paul Bürck.

Ten: ebenso lehrreich tote unterhaltend gestalteten Text ist ein ebenbürtiges künstlerisches Illustrations-Material beigegeben. Hervorheben möchten wir das idyllische BlattErster Sommer" von Heinrich Bogeler -Worpswede, das religiöse BildMaria" von Clara Walther -München, die Wiedergabe der Künstler- SteinzeichnungRübezahl" von Wilhelm Stumpf, das Modell W einem freistehenden Brunnen mit Kinderfiguren von G. A. Bredow. Ferner sind zn nennen reizvolle Einzel- und Gruppen- Anfnahmen von Kindern beim Spiel, dann Schlafzimmer für Kinder, eine Spielecke von -Otto H. Engel, Märchen-Silhonettest

*) Monatsschrift für die Pflege der Kunst rm Leben des Kindes'. Herausgeber Hoftat Alexander Koch. Verlags-Anstalt Alexander Koch-Tarmstatst. Iahres-Abonnement 12 Mb, Luxus- Ausgabe 20 Mk einzeme Hefte 1,25 Mk.