Ausgabe 
21.10.1904
 
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Er brach ab. DieKanaille", die ihm schon auf der Zunge schwebte, durfte er hier nicht loslassen, wie gern er es auch getan hätte.

Für Jutta schien es keiner wörtlichen Zustiinmung zu bedürfen. Sie fühlte, daß Dörrenbach auf ihrer Seite war, und sorglos ließ sie sich gehen.Und sie, sie ganz allein hat das Reiten eingerührt. Sie hat meinen Mann einge­laden, die beidenWer, meine gnädigste Frau", unter­brach Dörrenbach, von dem richtigen Takt geleitet, daß die junge Frau dergleichen nicht sagen durstet Jutta jedoch, ungeübt, ihre impulsive Natur zu beherrschen, merkte gar nicht darauf:Und die beiden amüsieren sich",, fuhr sie fort,während ich hier allein sitze." Dörrenbach war ganz verwirrt. Es bekümmerte ihn, daß die Dinge wohl so sein mochten noch mehr, daß solche Worte über Juttas Lippen fallen konnten.Doch sie sollen sich irren, ich werde mir nicht alles gefallen lassen. Ich will mich auch amüsieren. Ich werde schon jemand finden, mit dem es sich amüsieren läßt. Meinen Sie nicht auch, Herr von Dörrenbach?"

Nun wurde der Rittmeister ehrlich betrübt. Und betrübt und enttäuscht schaute er auf die junge Frau nieder. Doch den sammetbraunen Augen, ob sie auch ebeu recht böse blickten, konnte er auf die Dauer nicht böse werden! Die kleine Frau hatte sich mit dem ihr eigenen Liebreiz zu sehr in sein Herz gestohlen, als daß er sich um eine Aeußerung, deren möglichen Sinn sie wahrscheinlich wieder einmal gar nicht bedacht, hätte von ihr wenden können. So erinnerte sich denn der sonst so kritische und weiberfeindlicbe Mann lieber an die Unvollkommenheit aller Dinge und daran, daß die Fehler recht ost nur die Schatten unserer Tilgenden sind, meinte, daß er lieber denk jungen Wesen, dem mit all seiner entzückend kindlichen Natürlichkeit auch noch die ganze Trübsellgkeit des Kindes eignete, eine leitende Hand zum Schutze gegen etwaige Unbesonnenheiten bieten wolle, als zürnend ihm den Riicken zu wenden.Jawohl, Meine gnädige Frau", erklärte er darum nach kurzem Schweigen:Und ich schlage vor. Sie amüsieren sich mit Mir." Das klang so natiirlich, daß er selbst lächeln mußte. Auch Jutta lächelte, und lächelnd schüttelte sie das blonde Köpfchen.Ich bin Ihnen zu uninteressant", scherzte er. Nem, Herr von Dörrenbach", scherzte Jutta ernst.Sie sind zu gut, ich aber bin ein böses, wildes Ding."

So hatte er sich doch nicht in ihr getäuscht! Und ein echter Freund, sicher, nicht mißverstanden zu iverdell, konnte er nun erklären:Sie sind zu gut für derlei Spiele. Eine echte Frau bedarf dessen auch nicht", fügte er langsam, vorsichtig hinzu, wie beruhigend, mahnend:In dem Mann steckt einmal imMer noch etwas von der alten Abenteuer- lust. Doch auch den Piraten zieht es stets wieder zurück uach dem heimlichen Port."

Juttas Augen perlten wieder feucht. Sie hatte ver­standen, was er sagen wollte und zürnte jetzt mit sich selbst. Sie sind der beste von allen, Herr von Dörrenbach." Be­schämt neigte sie das Köpfchen.Ich aber, ja, ich bin ein böses unb ein kleines, dummes Ding."Ein Engel", flüsterte Dörrenbach bei sich und küßte ihr die Hand.Denken wir nicht mehr daran", meinte Jutta. Noch einmal küßte er ihr wie gehorsam die Hand und sie sprachen von etwas Anderem. Dann empfahl er sich bald.

Wäre gut, wenn die kleine Frau eine Freundin hätte", überlegte der Rittmeister auf seinem Weg zu Tisch.Im­pulsiv, Unbedacht. Die Greditz nun kam es heraus Vie Greditz, eine Kanaille von Weib. Der Urau nun, ernstlich wird er sich Nichts zu schulden kommen lassen. Darum erst recht auch darf seine Frau keine Unbesonnen­heiten machen. Sie muß rein bleiben, makellos, wie sie jung und liebreizend ist." Und des Rittmeisters Gedanken wanderten, nach einer Freundin für Jutta suchend, von einer Dame zur andern, immer noch, als er längst schon Unter den Kameraden saß und die Suppe hinter die Kravatte gelöffelt hatte. Klatschbasen, alle, so schüttelte er stets aufs neue den Kops. Zuweilen murmelte er es auch, zürn Glück nicht verständlich, sodaß sein Nebenmann verwundert fragen konnte:Befehlen, Herr Rittmeister?" Endlich beim! Kaffee schien dann Dörrenbach eine Idee zu kommen. Er beschloß, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Keine Frau sollte nicht allein bleiben, keine Grillen fangen, Sie hatten stets Theaterbillets im Regiment. Man gab Die Meistersinger" heute. ®er Rittmeister schickte also zwei Billets an Fran von Uran für sich und eine etwaige Be- Aeiterin. Diese fand sich, bald. Die Heiden Damen er­

schienen sehr vergnügt in der Regimentsloge. Jutta war; von Walters Preislied entzückt.

Für den nächsten Tag wurde Otternberg, der auch des Regiments Stütze im Arrangieren jeglicher Unternehmungen! war, für das Arrangement einer Waldpartie gepreßt. 'Aw dem folgenden Nachmittag spielten die Husaren tm Kasino­garten. Dann gab Dörrenbach selbst, zur Feier seines Namenstages, wie er sagte, einen Herren- und Damen­kaffee, der sich bis in den späten Abend hinzog. Wenn; alle gingen, mußte auch Jutta gehen, zumal ihr das Stroh- witwertum leichter wurde.

Natürlich fand sich auch Dörrenbach stets ein. Niemand hatte eine Ahnung, daß die sich plötzlich so häufenden Berguügungen von ihm ausgingen. Einmal wie das andere Mal hielt er die bescheidenen Grenzen einer vertraulichem wohlwollenden Freundschaft des älteren für den jüngeren Kameraden, darum auch für dessen junge Frau, Jutta gegenüber fest. Nur diese selbst merkte wohl, wie er es gut mit ihr meinte. Wenn sie auseinandergingen, reicht« sie ihm die Hand, nickte und lächelte zu ihm auf, als ob sie ihm danken wollte.Sie sind gut, Herr von Dörren­bach", erklärte sie am Schlüsse seines Festes,gut, seien Sie ohne Sorge, ich bin wieder ganz vernünftig. Und morgen koncmt mein Mann." Und er küßte die zierliche Hand nicht anders, als es der gute Ton vorschrieb. Er hatte fein Ziel erreicht. Er hätte ihr seine Hände beide unter die Füße legen, sie mit seinem Herzblut lenken und leiten, hüten und wahren mögen, der andere aber sie liebte den andern, der ihr Gatte war. Sie sollte ihn lieben; er wollte sie hüten und schirmen für ihn, und wenn er selbst zu Grunde dabei ging.

12. Kapitel.

Bitter verstimmt war Leutnant von Urau von Haus fortgefahren. Die Verladung desKommandeurs", der er selbst beiwohnen wollte, nahm seine Gedanken in Anspruch, sodaß, was ihm sonst eine Freude gewesen wäre, momentan unter den Verhältnissen eineSchinderei" bedeutete. Dann, als dieseSchinderei" überstanden war, eilte Harro in fein Wagenabteil und warf sich in eine Ecke hier.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Anmutig geformte Hügel, grünende Auen, hier und da mit einem Bach oder Flusse, gleich silbernem Bande durchwunden, glitten pfeil­geschwind vorüber. Harro wollte nichts wissen von der Welt, er zog die Mütze über die Augen. Das Stampsen der Räder aber ließ ihn nicht schlafen, noch seine erregtem Nerven zur Ruhe kommen. Immer aufs neue stellten sich quälende Gedanken ein. Das war nun die Liebe. Aus Liebe hatte er geheiratet, und sich das Leben verdorben. Was war geblieben von dem Glück? Häusliche Oede, Pfermigrechneu, für das er nicht paßte, Schulden, die er nicht machen durfte. Wieder stand des Bakers stattliche Gestalt, die Brust mit Orden bedeckt, neben ihm.

Er hatte es ihm gesagt, daß es schwer sein würde, aber er hatte ebenso gesagt, daß es ging, daß es nur festbleiben hieß in Ehre und Pflicht. Als Bestes dazu hatte er ihm gewünscht, daß feine Frau fein möge wie seine Mutter war. Harro stöhnte. Wieder einmal dachte er gar nicht daran, ob denn die Schuld, wenigstens ein Teil der Schuld, an all den Kalamitäten feiner jungen Ehe nicht auf seinem Konto stehen könne? Die letzte Szene hallt« zu bitter in ihm nach. Und doch, wie hatte er sie geliebt, feine süße, kleine Frau! Er liebte sie noch; ja noch, trotz alledem. Und er Mußte feststehen in Ehre und Pflicht. Es mußte alles gehen und alles andere da­hinter bleiben.

Der junge Offizier richtete sich in die Höhe. Ernst, ein! wenig nüchtern, traurig fast, tote die sich jetzt zu sandigen Strecken und dürrem Kiesernbestand verödende Landschaft, sah er in die vorüberfliegende Welt. Zuletzt empfand es als Erleichterung, daß ihn einer der mittlerweile ein- gestiegeuen Reisenden in die Unterhaltung zog. Endlich dann fuhr man ein auf dem Potsdamer Bahnhof. Ritt­meister von Greditz und sein Diener waren zur Sielte. Harro gab diesem den Gepäckschein, um seine Sachen in das Hotel Bristol zu befördern, darin Greditzens Wohnung genommen hatten, und fuhr bann noch mit dem Rittmeister und bemKommandeur" nach Hoppegarten, wo letzterer Quartier bekommen sollte. Erst als die Herren das Pferd gut aufgehoben wußten, kehrten sie nach Berlin zurück und trafen so gegen 8 Uhr im Hotel ein.