Ausgabe 
21.9.1904
 
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Nachdem ich vom Bundeskanzler Abschied genommen Hütte, Sing ich in meinen Gasthof und brachte sofort alles zu Papier, was mir noch von seinen Worten im Gedächtnis war. Hier sind diese Worte:

Meine Antwort auf die Depesche lautet, das; wir zu wissen wünschen, welche Sicherheiten dafür bestehen, daß die gegenwärtige Regierung einen etwa mit ihr abgeschlossenen Friedensvertrag auch durchführen kann. Herrn Favres Erwiderung enthalt nichts als Worte. .Erkennt Bazaine die gegenwärtige Regierung an? Tut die Flotte es? Einen Waffenstillstand lehnen wir rundweg ab; von einem solchen würden nur die Franzosen Vorteil haben. Tie französische Regierung selber kann erneu Hinweis darauf, daß das Kaiserreich und nicht das französische Volk den Krieg erklärt hat, nicht für irgendwie stichhaltig ausgeben wollen. Kein einziger Abgeordneter, mit Ausnahme der Herren, die jetzt die Regierung bilden, hat gegen den Krieg gesprochen; und diese Regierung führt letzt, wo sie 'ine Macht in Händen hat, eine sehr trügerische Sprache, indem sie das Volk zum Glauben ermutigt, sie könne den Krieg sortsetzen und ihm in den Kopf setzt, die Vermittelung neutraler Machte werde es aus der Klemme befreien, in die es durch seine Niederlage geraten ist. Dies ist der siebenundztvanzigste Krieg, den im Laufe von zweihundert Jahren die Franzosen gegen Deutschland geführt haben, und würde jetzt ein Friede geschlossen, der den Franzosen ihr bisheriges Gebiet beließe, so wäre dies einfach ein Waffenstillstand, der nicht länger dauern würde, als bis sie die Lücken ihrer Streitkräfte ergänzt und Verbündete ge­sunden hätten. Ich stand in Preußen allein, als ich bei der luxem­burgischen Frage den Ausbruch des Krieges verhinderte; ich han­delte so, weil ich glaubte, daß die damals bestehende Empfindlich­keit mit der Zeit sich legen und ganz verschwinden könnte, wie die durch die Niederlage bei Waterloo hervorgebrachtcn Gefühle geichwrinden sind. Aber ich irrte mich mit dieser Annahme, und und soviel ist gewiß: Solange Frankreich durch den Besitz von Straßburg .und Metz im stände ist, Deutschland jederzeit anzu­greifen, so lange werden wir immer wiederkehrenden Kriegen ausgesetzt sein. Ties sage ich Ihnen lediglich als einem alten Freunde.

, Ich wünsche dagegen bekannt zu geben, daß wir nicht den leisesten Wunsch hegen, Frankreich in der Wahl seiner Regierungs- foriu zu beeinflussen. Wir haben bis jetzt in den in unserem Besitz befindlichen Provinzen fortgesahreii, den Kaiser als Herr- scher von Frankreich zu betrachten, aber das ist offensichtlich nur ein Akt der Höflichkeit und soll keine Kundgebung unserer politi­schen Auffassung sein. Uns ist es gleichgiltig, ob Frankreich eine Republik oder eine orleanistische Monarchie ist, oder ob es unter Heinrich dem Fünften steht.

Was die Friedensbedingungen angeht, so tragen wir kein Verlangen nach dem Elsaß oder Lothringen; Frankreich mag die Provmzen unter Bedingungen behalten, die sie zu Stützpunkten emer Kriegführung gegen uns unbrauchbar machen. Aber wir müssen darauf bestehen, daß wir Straßburg und Metz bekommen. Vtratzburg wird binnen kurzem unser sein. Wie wir hören, sind sre in Metz schon dabei, ihre Pferde zu essen, und wir glauben, es wird bald fallen. Paris beabsichtigen wir von allen Verbind­ungen abzuschneiden; mit 70 000 Mann Reiterei werden wir dazu im stände sein. Fünfzehn Divisionen Kavallerie werden genügen, nm die Zufuhr von Hilfsmitteln zu verhindern und vielleicht, um dadurch die Stadt zur Uebergabe zu veranlassen; aber wenn em Bombardement nötig ist, so werden wir davor nicht zurück- sryrecken. 2o0 000 Mann werden durch den Fall von Metz ver­fügbar werden und das Land wird für ihren Unterhalt aufzn- kommen haben. .Wir selber (hierntit meinte er vermutlich nur den König und sich) wir selber gedenken nicht weiter als Meaux zu gehen. .

Alle Kundgebungen, die die provisorische Regierung nach und nach veröffentlichte, haben die Friedensaussichten nur vermindert L>ie hätten offen vortreten und sagen sollen: Das Kriegsglück ist gegen uns, wir sollten daher uns bemühen, unter möglichst billigen Bedingungen Frieden zu machen. Statt dessen sagen sie, obwohl die Ostprovinzen tatsächlich in unserm Besitz sind, sie wollen keinen Zoll breit Landes-, keinen Stein ihrer Festungen herausgeben und sie bieten eine Geldentschädigung für den Krieg an!

Man kann unmöglich die Frage außer acht lassen, hätte der Feldzug, das entgegengesetzte Ergebnis gehabt. Würden sie eilten Augenblick gezögert haben, die völlige Zerstückelung Deutschlands' zu vollziehen? Und sie verlangen von uns, Geld anzunehmen, das wir nicht brauchen, und Frankreich genau im Zustande vom Be­ginn des Krieges zu lassen!

Ich bitte Sie, sagen Sie, wenn Sie wieder nach Paris wnimeil: Wir waren weder Kinder noch Narren."

. , in Paris ankam, fand ich Lord Lyons im Garten

der Britlfcyen Botschaft, und ich erstattete meinen Bericht, während wir auf dem Rasen auf und ab gingen.

- n Aigefähr um die Mittagsstunde des folgenden Tages wurde mir bestellt, seine Exzellenz wünschte mich zu sehen. Ich ging von der Kanzlei h nüber uiid wurde in den gelben Salon gewiesen, wo ich ,hn und Jules Favre sand. Lord Lyons bat mich, Platz zu nehmen; dann sagte er zu mir:Wollen Sie Monsieur Jules'

J Favre genau die Worte wiederholen, die Graf Bismarck Ihnen zum Abfchied <agte?" Ich tat es. Sofern .es mich selbst be­trifft, erfolgte nichts weiter. Monsieur Favre hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts, .Lord Lyons entließ mich mit einem sreund- lichen Kopfnicken, und ich zog mich zurück; die Botschaft aber, die ich auf diese Weise bestellt, brachte Jules Favre zu dem Ent- Muß, Bismarck aufzusuchen. Das Ergebnis war die berühmte Zusammenkunft in Ferrieres, wo der Friede unter verhältnismäßig leichten Bedingungen zu erhalten gewesen wäre."

, Schluß chbeu wir noch die Mitteilung über ein Zusammen- treffen Malets mit Bismarck am Morgen nach dem Sterbetrage Kaiser Friedrichs wieder. Malet kommt in seinen Erinnerungen darauf zu sprechen, daß es ihm beschieden gewesen sei, viele von den grötzten Helden und Paladinen des Jahrhunderts ins Grab legen zu sehen. Hieran reiht sich dann das folgende:

Von allen diesen erweckte das Hinscheiden des edlen und unglücklichen Kaisers Friedrich den tiefsten Kummer. Ich hatte am Morgen nach seinem Tode Gelegenheit, den Fürsten'Bismarck zu wen. Wir gingen den langen gedeckten Gang auf und ab, der sich am Garten der historischen Kanzlerwohnung in der Wilhelm- stratze entlang zieht, und ich gestehe, ich war überrascht ob der Be­wegung, die der Kanzler zeigte; ihm waren nicht nur die Augen feucht, Jonixrn die Tränen rannen ihm über die Wangen. Die ganze Szene war seltsam. .Während unserer ganzen Unterredung gab er feinem Schmerz diesen stummen, unverkennbar echten Aus- drrick, aber mit keinem Wort wurde zwischen uns der Todesfall erwähnt, der die, Ursache dieses Schmerzes war, unsere Unterred­ung stand in Beziehung zu dem Gegenstand, aber eine innere Scheu hielt und beide ab, den Namen des Kaisers auszusprechen, weil sonst die Angelegenheit, deretwilleti ich gekommen war, und die unbedingt zum Abschluß gebracht werden mußte, in Tränen erstickt worden wäre.

Kaiser Friedrich hätte etwas au, sich, was !vir in unseren Ge­danken Mit den mythologischen Helden der nebelfernen Ver­gangenheit, mit der Zeit der 'Götterdämmerung in Verbindung zu bringen pflegen. .Seine Leutseligkeit, seine Kraft, fein Mut blen­deten, als wäre er einer von jenen Helden, von deren Leben nichts auf uns gekommen ist, als diese Eigenschaften, die sie als Erbe hinterlassen haben, sein Tod war wie das Scheiden des Königs Artus oder wie Lohengrins Abschied."

Selbstbekenntnisse von Moritz Jokai.

Der ungarische Tächter und Politiker Moritz Jokaß der übrigens auch bei Bismarck sich großer Gunst erfreute, hat ein» mal vor neun Jahren, zu seinem 70. Geburtstage Selbst­bekenntnisse veröffentlicht. Ter im Mai d. I. Verstorbene gibt in diesen Aufzeichnungen einen Einblick in fein Leben und Schaffen Für meine halbhundertjährige Tätigkeit", so schrieb er,zeugt ein ganz ungefüllter Bücherschrank, der die Dekoration meines Arbeitszimmers bildet. Tie. ersten ordentlichen Ausgaben meinet Werke bestehen aus 350 Bänden größeren und kleineren Formats, re nach der Laune meiner Verleger. Tann folgen die volkstüm­lichen Ausgaben. Unter diesen belaufen sich die deutschen auf 200 Banoe, die meistnächsten sind die schwedischen, dann die englischen französischen, polnischen, italienischen, holländischen, dänischen, finnischen, böhmischen, russischen, serbischen, kroatischen und slo­wakischen Uebersetzungen. Tav gibt 14 Sprachen." lieber das Entstehen seiner Schriften sagte Jokai:Entweder reist in meinem Gehirn die leitende Idee, oder ich finde ein geschichtliches Datum oder es taucht ein psychologisch ungelöstes Ereignis vor mir auf. All dies sind Ideen, Inspirationen, Funde, wie beim Muschelfischer die Perle. Hierzu muß ich nun die Gestalten finden, welche die GeMchte,zur Durchfiihrung bringen. Das ist schon Studium. Es bedarf vieles Kopfzerbrechens, schärfer Beobachtung und strenger Auswahl. Der Wegweiser ist die Zeitperiode, in welcher die Geschichte sich abspielt; die Wahl ist schon Sache des Urtcsts, denn nicht eine jede Erzählung lädt sich in eine beliebige Zeit versetzen, «onst wird ans Bahavd ein Don Quichotte. Mau muß die Ge- wo-hnheiten, Begriffe, Stimmungen, herrschenden Ideen, Aeußer- lichkeiten, zuweilen sogar auch die Ausdrucksweise der betreffenden Epoche studieren, mehrere Male auch den Schauplatz der Geschichte bereisen, Skizzen von Gegenden und Volkstrachten aufiiehmen, techmM Geheimnisse von Werkstätten erlauschen usw. Wenn das alles geschehen ist, müssen die geschaffenen Gestalten selbst das ganze Gewebe des Romanstoffes ausarbeiten. Hier wirkt chon die Phantasie im Verein mit der Erinnerung. Ich versetze mich dann in die Seelenwelt der einzelnen Gestalten; ich lebe in ihnen. .Ich mache die Gemütsstimmung jeder einzelnen zu meiner eigenen. Und das ist nierjt immer angenehm: es gibt mensch- iche Erregungen, die mit meinem Wesen in völligem Widerspruch teilen: die Suggerierung der Seelenstimmung eines Wollüstlings, Mörders, Geizhalses, Tyrannen, des Herzlosen ist schmerzhaft; der Nervensturm des verzweifelten Selbstmörders quälend; die Herzens- einsamkeit des Atheisten ist surchtbar; doch anders vermag ich nicht zu schreiben. Deshalb bedarf ich, wenn ich meinen Roman ersinne, der unbedingtesten Einsamkeit. Gewöhnlich arbeite itztauf- und abgehend. .Daher vermag ich auch im Sommer draußen unter den Bäumen mehr und besseres zu Meiben, als Winters zwischen