Ausgabe 
21.9.1904
 
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Erna an,wie durftest Du Dich unterstehen, mit einem wildfremden Menschen solch eine Tour zu unternehmen?"

Aber, lieber Papa", verteidigte sich Erna,Herr von Szabo war doch für mich kein wildfremder Menschs und ich konnte doch gar nicht ahnen, daß er mich betrog."

Nein, das konntest Du wirklich nicht, mein Kind", beruhigte Frau von Höchstfeld die zitternde Kleine.

Natürlich", höhnte der Major,nimm sie jetzt noch in Schutz."

Na, wissen S'", nahm sich auch die Gräfin Ernas an, das Kind ist durch die ausg'standene Angst g'rad g'nug gestraft", und Stepenaz, in der Absicht, das Gespräch auf einen anderen Punkt zu lenken, ergänzte mürrisch:

Selbst wenn sie dabei ein Verschulden träfe was eigentlich gar nicht anzunchmen ist müßten Sie ihr verzeihen, denn ganz schuldlos ist doch kein Mensch, niemand weder ich noch Sie!"

Ich weiß nicht, ob Sie gegebenenfalls auch vor Ihren eigenen Kindern so sprechen würden", warf ihm der Major ungehalten und nur schwer seine Ruhe bewahrend, vor, aber wie dem auch immer fei, Sie sollen mir nicht den Vvrtvurf machen dürfen, daß ich gegen andere strenger bin als gegen Ntich selbst, und deshalb bitte ich den Herrn Pfarrer . . ."

'Nein, nein", fiel ihm dieser ins Wort,was wir zu sprechen haben, das erledigt sich besser unter vier Augen höchstens mein Freund Hinko und Ihr Herr Sohn sollen dabei sein."

Der Graf nickte zustimmend und schritt, ohne erst Herrn von Höchstfelds Einladung abzuwarten, in dessen Arbeits­zimmer, wohin ihm die Aufgeforderten folgten.

Eine zeitlang herrschte drückendes Schweigen.

Diese Aussprache", nahm endlich der Pfarrer das Wort,hätte eigentlich schon längst stattfinden müssen. Ich hatte nur bisher immer gehofft, daß Sie selbst kommen würden . . ."

Nur eine Frage", unterbrach ihn Höchstfeld erregt, hat mein Vetter den Tod Ihrer Schwester aus dem Ge­wissen oder nicht?"

Einen Moment zögerte der Pfarrer mit der Antwort, dann sagte er mtt hoheitsvoller Ruhe:

Ja er hat ihn auf dem Gewissen."

(Schluß folgt.)

Mismarck-Ktinnerurrgen eiucs englischen Kiplomaten.

Unter dem TitelDiplomatenleben" ist im Neuen Frankfurter Berlage eine autorcsierle Uebersetzung von den Lebensermnerungen des früheren großvritannijchen Botschafters am Berliner Hoje, Sir Errvard Malet, erschienen. Diese Erinnerungen, die weniger im Stil geschichtlicher Dokumente, als vielmehr in einem behag­lichen Plaudertone gehalten find, bieten Interessantes aus allen WeMeit-N. .Für uns Deutsche liegen sllbgverständlich die Bezieh­ungen des fremden Staatsmannes zu den großen Persönlichkeiten unseres eigenen Boltes am nächsten. Davon, besonders über die Beziehungen zum Fürsten Bismarck, sei deshalb im folgenden einiges wiedergcgeben. ,

Der erste Abschnitt verseht uns in die Zeit des deutsch-franzö­sischen Krieges, unmittelbar nach der Schlacht bei Sedan.

Ich war damals", )y erzählt der Verfasser,einer von den Untersekrctüren der Pariser Botschaft. Das Unglück war über die französischen Waffen hereingebrochen und hatte bei Sedan seinen Höhepunkt erreicht. Ihrer Majestät Regierung (die englische) be­obachtete wachsam jede Aussicht, die sich etwa zur Förderung des Friedensschlusses bieten mochte, und glaubte, der Augenblick der Unterhandlungen sei gekommen. Es wurde eine Depesche an den Grafen Bismarck aufgesetzt mit der Frage, ob er gewillt wäre, mit derRegierung der Nationalverteidigung" zu verhandeln. Alles kam auf Schnelligkeit an, und die Frage war, wie diese Depesche dem Kanzler zugcstellt werden könnte. Sie wurde an Lord Lyons nach Paris gesandt, mit dem Auftrage, ihre Beför­derung zu versucht«. Seine Exzellenz ließ mich kommen und sagte, als ich sein Arbeitszimmer betrat, ohne weitere Vorreden zu mir: Hätten Sie Lust, Ihren alten Bekannten, den Grafen Bismarck, zu besuchen?

Natürlich, antwottete ich, mir könnte gar nichts angenehmer sein als dies, und es wurde abgemacht, daß ich mich auf den Weg machen sollte, sobald er von den französischen Behörden die not­wendigen Pässe für mich besorgt hätte. Dies war bald in Ord­nung gebracht, und am Nachmittag kam ein französischer Offizier aus die Botschaft, um mir als Führer zu dienen. Gepäck kam für

einen solchen Ausflug nicht in Frage; ich hängte mir also ein Täschchen, das die Depesche enthiell, über die Achsel, schob ein oder zwei Wäschestücke in ein Felleiien, das hinter einem Sattel auf- geschnaltt werden konnte, und wir brachen aus."

Malet berichtet nun weiter, wie er nach mancherlei Zwischen­fällen, u. o. einem Zusammentreffen mit Franktireurs, endlich ins preußische Hauptquartier gelangt, und erzählt dann von seinem Verkehr mit Bismarck.

Fürst Bisinarck war in der Unterhaltung der angenehmste Mann, dessen Bekanntschaft mir jemals bcschieden gewesen ist. Er besaß die bezaubernde Gabe, sich mit jedem, den er nur anredete, anscheinend auf gleichen Fuß zu stellen vorausgesetzt, daß er gegen den Gesprächspartner nicht verstimmt war. Dr. Schwe- ninger hat gesagt, das Ausfallendste am Fürsten sei ihm stets dessen Einfachheit gewesen. .Wer den Fürsten kannte, wird leicht verliehen, was Dr. Schweninger meinte, aber ich möchte stattEin- fachheit" lieber das WottKlarheit" setzen. In seiner Rede besaß er die Gabe, die verwickeltsten Fragen auf ihre einfachste Form zurückzuführcn. .Er erklärte seinen Standpunkt mit einer Be­stimmtheit, die jeden Zweifel über die von ihm verfolgte Absicht ausschloß. Oft sprach er zögernd und suchte, bis er das richtige Wort als Ausdruck seines Gedankens fand. Gegen Zweideutig- keiten schien er einen Haß zu empfinden. Er unterhielt sich mit mir stets englisch er sprach es fließend aber wenn er Zweifel hegte, ob er in Bezug auf ein bestimmtes Wort ganz klar wäre, so bat er mich, einzuhelfen. Er umschrieb dann das Wort aus deutsch oder französisch?, bis ich ihn: den genau entsprechenden englischen Ausdruck angeben konnte.

Er war preußischer Vertreter beim Deutschen Bundestag in Frankfurt gewesen, als mein Vater dort als britischer Gesandter wirkte, und es hatte sich zwischen ihnen eine warme persönliche Freundschaft entwickelt. Sie war gegründet auf die Gleichartigkeit ihrer Liebhabereien im Privatleben. Sie beide sanden, tvenn die Politik ihnen Zeit ließ, ihre Lust an den Freuden eines Landedel- mannes: Reiten, Jagd, Fischen und jedem anderen Zeitvertreib in freier Luft. Sie stimmten überein in einer fröhlichen Vorliebe für die Festtagsstund n ihrer Existenz, wenn ich mich so ausdrücken darf, und ließen durch die Polllik, die ihnen bei den damaligen Umständen nicht an einem Strange zu ziehen erlaubte, niemals sich in ihrer Freundschaft oder in ihrem Verkehr beirren. Auch an meiner Mutter Gesellschaft fand Bismarck viel Gefallen. Ihre Lebhaftigkeit und schnelle Auffassung gaben ihm die Anregung, wodurch ein Gespräch angenehm wird. Als er mich in Meaux sah, waren seine ersten Worte:Wie sehen Sie Ihrer Mutter ähnlich." Nachher kam er nochmals auf die Frankfurter Tage zurück und sprach mit großer Achtung von meinen Eltern; alte Erinnerungen lebten in ihm auf und er erläuterte Deutschlands augenblickliche Haltung gegenüber Frankreich durch eine mich selbst betreffende Anekdote, die in meinem eigenen Gedächtnis keine «pur hinterlassen hatte.

Obgleich Sie noch ein reines Kind waren", erzählte er, hatten sie doch schon in Bezug auf Damen ihren eigenen Ge­schmack, und ich erinnere mich, daß Sie einmal zu einem Ball, den Ihre Mutter geben wollte, sehr dringlich eine gewisse Dame ein­geladen zu s.hen tvünschten. Leider hatte nach der Ansicht Ihrer Mutter die Dame ihrer gesellschaftlichen Stellung nach keinen Anspruch auf eine Einladung, und Ihre kleine Bitte fand taube Ohren, worauf Sie sich auf den Fußboden niederwarsen und sagten. Sie würden nicht eher wieder aufstehen, als bis Ihr Wunsch erhört sei. In derselben Weise haben wir uns ans Frank­reichs Boden hingeworfen und werden nicht eher aufstehen, als bis unsere Forderungen anerkannt sind."

Seine Worte auf die von mir ihm überbrachte Depesche lauteten sehr entmutigend. Er sagte, er beabsichtige zu antworten, daß er vor Eintreten in irgend welche Verhandlungen wissen müsse, welche Sicherheiten die Regierung der Nationalvcrtieigung dafür g ben könne, daß sie etwaige Abmachungen auch durchzuführen im stände sei. Damals waren ja noch nicht einmal zwei Wochen ver­strichen, seitdem sie die Zügel der Herrschaft in die Hand genommen und das Kaiserreich für erloschen erklärt hatte. Ob sie sich würde aufrecht erhalten können, war noch eine offene Frage.

Im Lause des Abends wurde die von ihm entworfene Ant­wortdepesche für Lord Granville ihm zur Unterzeichnung vorge­legt, und ich konnte meine Bekümmernis nicht verhehlen, daß ich eine so mag re Erwid rung zurückzubringen hätte. Ein paar Mi­nuten später wurde das Schreiben versiegelt aus der Kanzlei zurück­gebracht. Es war elf Uhr. Der Graf stand auf und legte die Depesche in meine Hand. Dann sagte er:Und nun will ich Ihnen als Freund noch ein Wott sagen. Wenn ein Mitglied der Regierung der Nationalverteidigung mich besuchen will, so will ich mit Vergnügen den Herrn empfangen."

,, Ich fühlte mich wesentlich erleichtert und rief lebhaft:Darf ich diese Botschaft ausrichten?"

Ja", versetzte er.Die Depesche, die Sie zu überbringen haben, enthält meine offizielle Antwort auf Lord Granvilles Anfrage, aber Sie können das, was ich Ihnen gesagt habe, wieder­holen. Wenn jemand kommt, so braucht er nicht zu befürchten, daß ich ihn nicht angemessen empfange."

Und so kam es, daß ich im Kopf eine bessere Antwott hatte alS in meiner Tasche, als ich nach Patts zurückkehrte.